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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Where have you been, when the wall came down?

Die Frage schickte mich von Porto zurück nach Berlin. Ich war schon zweimal gereist in der Zeit, vom Sommer in den Winter und von Frankfurt nach Porto. Zeitreisen war leicht und ich lehnte mich einfach noch weiter zurück.

Als die Mauer fiel in Berlin, sang ich Mozart aus dem Fenster der Musikschule hinaus, hinein in den sandigen Todesstreifen zwischen den Hälften der Stadt.

Bei Mähännern, wehelche Liehiebe fühlen, fehlt auhauch ein guhutes Herherze nicht.

Grüne Uniformen gingen dort mit Hunden auf Patrouille, mit Jeeps und Maschinengewehren. Mein Mozart beeindruckte sie nicht.

 

Als die Mauer gefallen war, ging ich durch einen der schmalen Grenzübergänge die Straße zu Ende und in den Osten der Stadt. Mein Bruder, ein Mauerspecht, legte mir triumphierend bunte Mauerstücke auf die Hand, so als sei er es gewesen,  der die Durchgänge schuf. Wir kletterten mit den anderen auf die Mauer hinauf und schauten hinüber zum Mozartfenster. Obwohl es geschlossen war, hörte ich Gesang. Die Trabis fuhren zwar wieder auf der anderen, aber doch auf der falschen Seite. Es war durcheinander geraten, und das stimmte mich froh. Die Uniformen waren fort oder standen ratlos am Rand.

Einmal in der Zeit ins Rutschen geraten, glitt ich weiter hinab. Ich bettete mich im Hotel auf die Kissen, sank langsam hindurch auf die Rückseite des Schlafs, sah meinen Hinterkopf von unten.

Ich saß auf der Rückbank, mein Vater am Steuer, meine Mutter, die Hüterin des Proviants, auf dem Beifahrersitz. Neben mir auf der Rückbank, meine Schwester, mein Bruder. Wir hatten den Vater noch niemals Angst haben sehen. Die Uniformen kamen und schoben einen Spiegel unter das Urlaubsauto, wie der Zahnarzt in meinen Mund, nur größer und auf Rollen. Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Haben Sie Funk im Auto?

Haben Sie Liebe im Herzen?

Wir schüttelten beide den Kopf. Ich schob ihm den kleinen Spiegel vom Zahnarzt unter das lindgrüne Hemd und sah, dass es stimmte. Er trug ein gepelltes, hartes Herz in der Brust. In seinem Brusthaar schaukelten Reste von Eierschalen.

Als ich erwachte, war ich ängstlich wie damals und suchte im Adressbuch den Namen meiner Schwester.

Postkarte aus BEZ GRANIC

BEZ GRANIC – ohne Grenze. Ein Fluss, ein Grenzfluss, er fließt zwischen zwei Ländern. In den beiden Ländern werden verschiedene Sprachen gesprochen. Eine Fähre – Prom trägt mich und mein kleines rotes Auto von einem Ufer zum anderen. Der Boden unter meinen Füßen und unter den Rädern meines Autos schwankt ein wenig. Ich habe weiche Knie auf BEZ GRANIC zwischen den Ufern, schaue nach Norden und schaue nach Süden: der Fluss fließt grenzenlos. Nur die Ufer im Osten und Westen grenzen ihn ein.
Dann legt die Fähre an. Ich muss einsteigen und weiterfahren. Es ist ganz angenehm, festen Boden unter den Füßen und Rädern zu haben.