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zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
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für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
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und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bilanz eines Sommers

Die Badeseen schon im Juni so warm wie das Mittelmeer im August. Die Wasserläufe, die sie gewöhnlich verbinden, sind nur noch Rinnsale. Das Kanu tragen. Um Herzkranke fürchten bei vierzig Grad. Staubgrau die Schuhe beim Spaziergang durch den Wald, entwurzelte Bäume liegen kreuz und quer, Mehltau besiedelt die Eichenblätter. Ich lausche: Nichts summt um mich her.

Alle Fenster sind offen. Trotzdem kommen keine Mücken herein. Brandgeruch weht in die Stadt aus Richtung der Truppenübungsplätze. Niemand löscht, es liegt Sprengstoff im märkischen Boden, es liegt ein Unwetter in der Luft, kommt näher, tobt sich aus über den Dächern, Blitz und Donner kennen keine Pause, und Schlammlawinen drängen in die Häuser mit dem Wolkenbruch.

Vom Klimawandel reden. Den Klimawandel spüren.
Manche bezweifeln, dass es den Klimawandel gibt.

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

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II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

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III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Dunkel um vier. Graupelschauer. Kein Blatt am Baum. Der Wind dreht auf Nord. Bloß schnell Frostschutz für das Wagenwischwasser holen, sozusagen für das www.

Ob der Drogeriemarkt so etwas führt? Groß genug wäre die Filiale ja, zwei Etagen neuerdings. Unten Eau de Toilette und Bio-Nudeln. Ich könnte hochfahren. Hochfahren fürs www. Andererseits: Erst die Rolltreppe und dann alle Gänge absuchen für nichts?
Da hinten steht jemand im Kittel. Ich warte, während die Verkäuferin einen Rentner in Gesundheitsfragen berät. Schauen Sie mal hier: Selen plus Jod. Der Alte zieht zum Glück die Nase kraus.
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