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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stimmen

Entschuldigung, aber ich habe das nicht verstanden. Könnt ihr mal bitte ein bisschen leiser sein? Eine nach der anderen, ja? Alle kommen dran. Weshalb hallt das hier so? Der Hall lässt die Wörter ineinander verschwimmen, macht einen Wortbrei aus dem, was ihr sagt.

Ich mach da jetzt einfach was draus, aus dem, was ich nicht verstehe. Bestimmt soll das so sein. Ich schreib mir mal eine innere Stimme, eine, die mir Mut zuspricht, wenn ich wieder nichts verstehe. Ist ganz einfach, eigentlich. Man muss nur die eigene Erwartung zurücknehmen an dem, was man glaubt, verstehen zu müssen. Hört sich kompliziert an und ist es dann auch.

Klangkörper

Sind ermahnende Stimmen im Kopf immer weiblich, so mütterlich? Ab wie vielen Stimmen im Kopf ist man eigentlich verrückt? Wohl dann, wenn man die Kontrolle verliert, nicht mehr ich es bin, die ihnen das Wort erteilt. Ruhe, hab ich gesagt! Schön der Reihe nach. Sieh mal an, meine Stimmen gehorchen mir noch. Und weiblich sind sie, glaube ich, auch nicht. Obwohl sich das schwer unterscheiden lässt ohne Körper am Klang.

Was hast du gesagt? Ja, ist egal, vielleicht hast du Recht, obwohl ich wirklich gern wüsste, mit wem ich mich da unterhalte. Ist schließlich mein Kopf. Was ist denn jetzt besser für die Kreativität? Wenn ich die Diskussionsleitung mache oder lieber so basisdemokratisch? Na, euch kann ich nicht fragen …

Schön wäre, wenn ihr euch einigen könntet, vielleicht auf chorisches Sprechen. Mit Gesang wäre schön! Nur mit Hall ist so schwierig, dass sich da immer Falten bilden bei mir auf der Stirn, die gerunzelte Frage, ob ich nicht eigentlich – ich bessere mich – etwas Anderes, Besseres, Genaueres, Deutlicheres hätte verstehen müssen. Etwas … wie heißt das gleich? Jetzt helft mir doch mal!

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Nachtschicht

Sie musste wach bleiben, den Blick auf die Formel richten, P1010165adie noch immer nicht stimmte. Sie gähnte. Rieb sich die Augen. Gähnte erneut. Den ganzen Tag lang das Grübeln und Verwerfen für nichts. Eine neue Berechnung. Der nächste Versuch. Papierkorb, real und digital. Weg damit.
Es arbeitete weiter und immer weiter in ihrem Hirn, obwohl längst das Mondlicht hell auf ihren Schreibtisch fiel. Etwas war falsch falsch falsch.
Die Glieder wie Steine so schwer. Sie ließ die Schultern kreisen und spürte keine Besserung. Vielleicht sollte sie kurz den Kopf auf die Arme sinken lassen. Und die Augen schließen. Nur für … ein paar … Minuten. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Das Wort heißt ‚bemerkenswert‘. Was bemerke ich, was bemerken wir und was unterscheidet das Bemerkte von dem anderen, das nicht bemerkenswert, nicht ‚der Rede wert‘ ist. Natürlich es ist die Bedeutung. Insbesondere Medien- und Kulturschaffende müssten sich Tag für Tag neu die Frage stellen, von welchen Ereignissen sie möchten, dass ihre LeserInnen, HörerInnen, ZuschauerInnen davon erfahren. Das ist aber gar nicht so leicht, weil es mit der Bedeutung so ist wie mit der Henne und dem Ei. Was wir bemerkt haben im Laufe des Lebens, halten wir für bedeutsam und teilen es der Allgemeinheit mit, auf dass auch sie es (wieder und wieder) bemerke, auf dass es etwas erlange, das es in unseren Köpfen sowieso schon gehabt haben muss, weil wir sonst nicht darüber geredet, geschrieben, gemalt hätten: Relevanz. Wo bleibt in diesem Prozess aber das Schaffen der Kultur, wenn nur reproduziert wird, was schon da war, was schon bemerkt worden ist und daher wahrscheinlich auch wieder bemerkt würde, stellte man mehr davon bereit? SAMSUNG

Jetzt mach mal mehr davon, das geht weg wie geschnitten Brot!
Aber geschnitten Brot ist gleichförmig
und selten frisch.

Kreieren wir lieber Pfefferkuchen, Petit Fours und Rosinenbrötchen.
Oder Gugelhupf.
Oder was?

 

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Was ist denn jetzt mit den Geschichten?

Warum fragt das niemand?
Wo die Kinder herkommen, wollen die Kinder wissen, aber dass die Geschichten da sind, nehmen sie einfach hin, brauchen keinen Klapperstorch dafür. Schlagen die Bücher auf und sehen die Bilder an, lassen sich vorlesen und lesen selbst, später, wenn der Klapperstorch schon fortgeflogen ist aus ihren Köpfen, dem anderen gewichen, dieser Realität, von der die Wissenschaft nicht weiß, ob sie Teilchen ist oder Welle.

Na, Teilchen ja wohl, jedenfalls wenn man sie anfassen kann. Geiles Teil, sagen die Kinder, wenn sie keine Kinder mehr sind und das neue neueste allerneueste Smartphone haben wollen, geiles Teil und nicht geile Welle. Und dann laden sie sich die Geschichten herunter, am besten für lau, und noch immer fragen sie nicht, wo kommen sie denn her, die Helden und die Lieblinge, die Männer und Frauen und Kobolde, mit denen sie fiebern, die Monster und Geister und Psychopathen. Oder Psychopathinnen, o ja, die gibt es auch.

Jedenfalls lesen sie weiter, blättern um und können ES nicht aus der Hand legen, das Buch. Oder sie wischen auf dem Teil und werden dabei geil, und das kann folgen haben, je nach Konstellation. So lesen sie bald den eigenen Kindern vor, bald den Enkeln, stellen mit den Jahren die Schrift größer und größer und fragen noch immer nicht, wo kommen sie her, die Geschichten.

Buchen eine Flatrate in der Bibliothek oder in diesem Netz, in dem sie sich längst verfangen haben, lesen nur noch Anfänge. Ende ist eh nicht so toll, aufs Ende marschieren sie selber zu, und kurz bevor es so weit ist, liest ihnen hoffentlich wieder jemand vor an ihrem Bett aus einem Buch. Alles andere wird vergessen, nur die Geschichten nicht. Schließlich ist es vorbei und sie legen das geile Teil aus der Hand und werden Welle.

Nehmen die Geschichten mit.
Und niemand weiß, wohin.