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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Ich laufe das Ufer entlang, trotz „Frühling“ in dicker Winterjacke und obwohl ich friere, hole ich mir einen Sonnenbrand. Gerade will ich anfangen, mich darüber zu ärgern, als ich den Mann im Wasser entdecke. In Badehose, also halbnackt, und das bei dieser Kälte! Ein Held, fürwahr! Sozusagen die personifizierte Abhärtung und Disziplin und damit das Gegenteil von mir.

Er steht da ganz lässig, als würde nicht der eisige Wind um seinen halbnackten Körper pfeifen und blickt in meine Richtung. Ohne Brille kann ich den Grad seiner Attraktivität nicht abschätzen. Als ich sie endlich in meiner Tasche gefunden habe und aufsetze, werde ich enttäuscht: Der Mann im Wasser ist eine Schaufensterpuppe.

Mein Held ist also nur eine Illusion, die sich – wie nahezu alle meine Illusionen – wieder einmal nicht lange aufrechterhalten ließ. Mir sterben die Illusionen in den letzten Jahren weg wie die Fliegen! Ich beobachte neiderfüllt, wie andere sich aus ihren robusten Illusionen prächtige Puppenhäuser bauen, ja, ein ganzes Leben, und daraus Hoffnung ziehen, Mut und Tatkraft. Sie springen  vermutlich jeden Tag frisch und energiegeladen aus dem Bett, während sich bei mir schon morgens die Sinnlosigkeit wie eine Staubschicht aufs Gemüt legt und mich in Lethargie verfallen lässt.

Ich lasse den falschen Helden hinter mir und laufe desillusioniert gegen den eisigen Wind an. Er kann mich nicht aufhalten. Na also, sage ich mir und tröste mich mit dem Gedanken, dass meine Illusionslosigkeit womöglich ebenfalls eine Illusion ist, aus der doch immerhin ein Trotz erwächst, der mich durchs Leben bringt, irgendwie.

 

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

SCHNEE VON HEUTE

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Offenbar Hunderte von Männern arabischer/nordafrikanischer Herkunft, die sich an Silvester mitten in Köln zusammenrotten, Frauen und Mädchen bedrohen, sexuell bedrängen, bestehlen. Ich versuche vergeblich, die in mir aufkommenden, wütenden  Gewaltphantasien in den Griff zu kriegen. Es gelingt mir erst, als ich aus dem Fenster sehe: Der erste Schnee!

Jedes Jahr hat er die gleiche Wirkung auf mich: Ich werde völlig ruhig und lächle, egal wie genervt oder wütend ich gerade eben noch gewesen sein mag. Und dann erinnere mich daran, wie ich als Kind in den Himmel gesehen habe. Die Schneeflocken flogen auf mich zu wie Botschaften aus der Zeitlosigkeit und ich konnte mich nicht satt sehen, sah so lange in den Himmel bis ich alles um mich herum vergessen hatte. Deshalb reagiere ich wohl auf die ersten Schneeflocken wie ein Pawlowscher Welpe: Ich freue mich, freu mich so, laufe auf die Straße, setze meine Brille ab und tapse, ganz Hanna Guck-in-die-Luft, durch die tanzenden Eiskristalle.

Als die gefühlt letzte Schneeflocke gefallen ist, setze ich – immer noch lächelnd – meine Brille wieder auf, betrete den Laden an der Ecke und kaufe mir ein scharfes Klappmesser, das angenehm in der Hand liegt.