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SprachZeitRäume

Ricarda de Haas

Eldoret

I

Sprechen
Zuhören
Schauen
Denken
Fotografiert werden
Warten.

II

Konferenzen sind Zeit-Räume. SprachwandelOrte. Schrift wird zu gesprochener Sprache.  Körper zu Text. Komplexe Satzstrukturen zu simplen Schlagworten, an die Wand geworfen.

Viele Worte in vielen Sprachen. Notgedrungen einigt man sich auf eine. Spricht nebenher noch die eigene. Hört die anderen als Klang. Eine sticht heraus. Die neue, die man grade lernt.

Der Klang hallt im Ohr nach. Es ist, als würde ich die Sprache mit Verzögerung hören. Während wer antwortet, verstehe ich erst die Frage. Als wäre ein Kurzzeitspeicher in meinem Kopf, der alle Gespräche aufzeichnet, damit ich sie später rekonstruieren kann.

 

III

Nie wirklich allein sein. Kaum setze ich mich in die Sonne, kommt eine besorgte Sekretärin. Ob mir nicht gut sei. Mir geht’s gut. Ich will nur mal nichts hören, nichts denken, für mich sein. Das Konzept scheint unübersetzbar. Alleinsein ist Einsamkeit ist Unwohlsein. Ich kriege Tee und Kekse für einen wehen Bauch. Einblicke ins Familienleben für Verbundenheit.

Am nächsten Tag wähle ich eine ferne Bank unter Bäumen. Genieße die leichte Brise. Stille. Sehe von fern eine Schulklasse. Fünf Minuten später sind sie da. Ein paar Jungs traun sich, mich anzusprechen. Als ich antworte, umringt mich die ganze Klasse. Ich schüttele dreißig Hände, lerne dreißig Namen. Selfies natürlich.
Konferenzen sind erholsam, im Vergleich zu Schulklassen.

 

Nairobi

Verhandeln am Eingang zum Campus. Ich habe einen Termin, aber keinen Uniausweis. Die Diensthabende ist überfordert. Ihr Kollege flirtet dezent, winkt mich durch. Da wird sie streng. Ich muss detaillierte Angaben machen: Name, Anliegen, Büro. Und ein Ausweis muss sein. Egal welcher, Hauptsache Foto.

Ihr Kollege ist besorgt. Ob ich den Weg fände? Das weiße Gebäude dort vorn, fünfter Stock. Ich schaue mich um. Alle Gebäude sind mehrstöckig und weiß. Er lacht und bittet jemanden, mich ins Department for Modern Languages zu begleiten.

Ich hatte mehrfaches Verlaufen eingeplant. Jetzt bin ich zu früh und warte auf dem Gang. Alles ist still. Die Mitarbeiter sind im Streik. Nur Prüfungen finden statt. Ich blättere in Kaminers ‚Ausgerechnet Deutschland‘, das ich als Gastgeschenk dabei habe. Schlendere zu den Aushängen. Lese. Stutze.

Dying in Germany?? Und dazu ein fröhliches Gesicht? Ich zupfe am Plakat, das darüber lappt. Jetzt heisst es: ‚dying in Germany – simply tempting.“

Hm, ich habe in den hiesigen sozialen Medien schon einige sehr seltsame Annahmen über Deutschlands Umgang mit Flüchtlingen gelesen. Aber das scheint mir nun doch etwas pointiert. Oder bin ich gerade in eine von Kaminers Geschichten gepurzelt? Es ist so still hier. In welcher Zeit, in welchem Raum bin ich? Diesem Autor ist ja so einiges zuzutrauen..

Schritte hallen. Meine Verabredung kommt. „Bewunderst du unsere Werbung für’s Studieren in Deutschland?“

 

 

 

 

 

 

 

Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Keine Kleinigkeit

Keine Kleinigkeit, weil eine Hetzschrift von vor 81 Jahren.

Keine Kleinigkeit, weil am Ende ein schreckliches Ende für Millionen.

Keine Kleinigkeit in Zeiten von Pegida und AfD.

Weshalb lesen er/sie oder wer auch immer die Hetzschrift „Mein Kampf“?

Kritisch kommentierte 2000 Seiten mit 3700 Fußnoten.

Die Historiker sind sich uneins über die Notwenigkeit und Richtigkeit und Wichtigkeit.

Und gibt es über 55 000 Historiker, die zu Forschungszwecken Schreckliches neu entdecken?

Lesen mehr als 55 000 überhaupt die Kommentare?

Weshalb wird dieses Geschreibe zu einem Bestseller?

Weshalb ist diese Hetzschrift nicht auf dem Index gelandet?

Weshalb ist es vorgesehen zur Lehrplanaufnahme an den Schulen?

Gibt es nichts Besseres zu lesen?

Zum Beispiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ von Gert Schramm. Letzten Monat in Eberswalde im Alter von 87 Jahren verstorben. Hat viele Jahre vorher er an den Schulen von seiner KZ-haft berichtet.

Zum Beispiel Svenja Flaßpöhler oder Siegfried König oder Richard David Precht oder Sven Böttcher, die das Leben für sie/ihn/mich versuchen zu erklären?

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Fragen über Fragen.

Aber wer gibt ihr/ihm/mir Antworten?

Wohin mit der Sorge, dass aus dieser Hetzschrift ein Geist erwacht, den keiner mehr überwacht? Überwachen kann, der sich selbständig macht? Und Macht hat.

Plötzlich und unerwartet.

Plötzlich und nicht beachtet.

„Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los“, meinte Goethes Zauberlehrling.

Wir haben nichts mitbekommen, haben ihre/seine/meine Großeltern hinterher gesagt.

Wir haben nichts gewusst, haben ihre/seine/meine Großeltern hinterher gesagt.

Und was sagen sie/er/ich – später?

Hoffentlich wird nichts zu rechtfertigen sein!

 

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Was ist denn jetzt mit den Geschichten?

Warum fragt das niemand?
Wo die Kinder herkommen, wollen die Kinder wissen, aber dass die Geschichten da sind, nehmen sie einfach hin, brauchen keinen Klapperstorch dafür. Schlagen die Bücher auf und sehen die Bilder an, lassen sich vorlesen und lesen selbst, später, wenn der Klapperstorch schon fortgeflogen ist aus ihren Köpfen, dem anderen gewichen, dieser Realität, von der die Wissenschaft nicht weiß, ob sie Teilchen ist oder Welle.

Na, Teilchen ja wohl, jedenfalls wenn man sie anfassen kann. Geiles Teil, sagen die Kinder, wenn sie keine Kinder mehr sind und das neue neueste allerneueste Smartphone haben wollen, geiles Teil und nicht geile Welle. Und dann laden sie sich die Geschichten herunter, am besten für lau, und noch immer fragen sie nicht, wo kommen sie denn her, die Helden und die Lieblinge, die Männer und Frauen und Kobolde, mit denen sie fiebern, die Monster und Geister und Psychopathen. Oder Psychopathinnen, o ja, die gibt es auch.

Jedenfalls lesen sie weiter, blättern um und können ES nicht aus der Hand legen, das Buch. Oder sie wischen auf dem Teil und werden dabei geil, und das kann folgen haben, je nach Konstellation. So lesen sie bald den eigenen Kindern vor, bald den Enkeln, stellen mit den Jahren die Schrift größer und größer und fragen noch immer nicht, wo kommen sie her, die Geschichten.

Buchen eine Flatrate in der Bibliothek oder in diesem Netz, in dem sie sich längst verfangen haben, lesen nur noch Anfänge. Ende ist eh nicht so toll, aufs Ende marschieren sie selber zu, und kurz bevor es so weit ist, liest ihnen hoffentlich wieder jemand vor an ihrem Bett aus einem Buch. Alles andere wird vergessen, nur die Geschichten nicht. Schließlich ist es vorbei und sie legen das geile Teil aus der Hand und werden Welle.

Nehmen die Geschichten mit.
Und niemand weiß, wohin.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

… mir kam also die Idee, das optische Experiment (sehhilfenfreie Welterkundung, siehe Blogbeitrag vom 9. Oktober) noch in Richtung Akustik zu erweitern. Befreit von Brille und ausgestattet mit Ohrstöpseln begab ich mich erneut in die Welt hinaus und habe dabei keinen erwähnenswerten Schaden erlitten, obwohl ich mitten hineinlief ins Ungefähre.

Mein Atmen übertönte all die zu Hintergrundrauschen degradierten Geräusche wie Motorenlärm, Kindergeschrei, Vogelzwitschern, und die Welt entfernte sich von mir. Mein Denken hielt inne. So konnte ich mich zunächst bedenkenlos auf mich selbst konzentrieren, um mich dann wieder dem Außen zuzuwenden, intensiver und paradoxerweise unbehelligter von mir selbst. Man könnte sagen, ich verlor das Denken, anstatt mich wie sonst im Denken zu verlieren, und hatte nun endlich Muse zu schauen und mich zu wundern über das plötzlich so Fremdartige, das mich umgab. Und hier trifft sich die Weltwahrnehmung der schwerhörigen Astigmatikerin mit der Weltwahrnehmung der Lesenden. Je verzerrter, nebulöser und fremder Literatur und Kunst die Welt darstellen, desto klarer lassen sie mich erkennen, wie blind die eigenen Sinnes- und Denkgewohnheiten machen können.

Oben stehendes Filmchen  ist natürlich nur ein jämmerlicher Annäherungsversuch, auch weil meine Kamera und ich ein schwieriges Verhältnis pflegen. Es verstimmt sie sehr, dass sie aufgrund meiner Unbedarftheit weit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Im Übrigen findet sie meine Herangehensweise an die Dinge etwas zu schräg.

Es empfiehlt sich also, das Experiment selbst zu machen, um einen richtigen Eindruck zu erhalten. Übrigens müssen Menschen ohne Augenprobleme sich dabei nicht benachteiligt fühlen. Ohrstöpsel sind allen zugänglich und womöglich könnte es helfen, sich die Brille eines Freundes auszuleihen, mit deren Hilfe sich auch Normsichtige die Welt ausreichend verzerren können, um ihren Verstand mal im Diffusen zu verlieren für 7 bis 10 Minuten. Denn länger dauerte es bei mir leider nicht, bis das Denken wieder die Macht ergriff und vorbei war es mit dem Zauber. Seither mache ich mir viele Gedanken über die Gedankenlosigkeit, die mir ein gesegneter Zustand zu sein scheint …