Schlagwort-Archive: Postkarte

Postkarte aus Groß Breesen

Hier hinterm Haus sitzen und lesen. Das Gemurmel der andern Gäste hören. Über der Schafweide die Schwalben – knapp überm Boden. Zwitschern, Blätterrauschen. Ein Stück gehen, in die Bücherscheune gucken, zurückkehren, einen ganz großen Eisbecher mit Erdbeeren essen, weiter lesen. Zwischendurch ein Foto machen für die Postkarte aus Groß Breesen. Dann ein großer Raubvogel überm Haus. Leider erkenne ich sie immer noch nicht am Flugbild.

Postkarte aus Seyðisfjörður

Seyðisfjörður, das bedeutet Zaubertrankfjord. Eine Trollfrau stand hier, das eine Bein auf dem rechten Berg, das andere Bein auf dem linken Berg und rührte mit einem großen Löffel den Zaubertrank um, den sie kochte, so erzählt man sich. So erzählt man sich in diesem Land, aus dessen Erde es blubbert und dampft, in diesem Land, das die Mutter der Berge verehrt, in diesem Land, das nicht anders entstanden sein kann als durch Erzählen. Berg und Fjord und Trollfrau wurden erzählt und mit dem Erzählen wurden sie sichtbar.

Postkarte aus WOLFENBÜTTEL

DSCF6353Wer Korn in die Schünemannsche Mühle trägt, wird es wieder nach Hause tragen müssen. Zwar rauscht das Wehr wie eh und je, aber in der Mühle malten wir uns was aus: einen Schriftstellerkongress und einen 50. Geburtstag mit Ehrengästen und eine neue Zukunftserzählung und eine Mandatsprüfungskommission und die Welt der Selfpublisher und die Zukunft der Arbeit und, und, und. Und eine las ein Stück aus einem Krimi vor, darin war einer Schuld an allem Übel. Jedenfalls glaubten das die Leute.

Postkarte vom HELENESEE

Wo auch immer wir uns befinden an den letzten Tagen eines Jahres, wir schauen zurück und wir schauen nach vorn. Haben wir den Drachen besiegt? Hat der Kampf uns eine Hand, einen Fuß gekostet? Standen wir am Steuer des Schiffes oder schrubbten wir das Deck oder waren wir Gäste in der Kapitänskajüte?

Die meisten von uns sind einfach nur tagtäglich ihrer Arbeit nachgegangen. Ein paar Gründe zum Feiern gab es auch. Und mit etwas Glück lag das Schiff am Morgen danach nicht in Trümmern am Strand.

Was wird es bringen, das neue Jahr? Wer greift nach dem Steuer?

ABC

Postkarte aus BLOSSIN

In den brandenburgischen Wäldern, außerhalb des Berliner Rings, ja, außerhalb dieses Autobahnrings rings um die Stadt, die sich beständig in die Wälder hineinfrisst und in die Dörfer, da liegt das Alphabet auf der Straße und auf allen Stufen, die nach oben führen und auf allen Stufen, die nach unten führen. Dort wollten wir uns treffen.
Autorinnentreffen im Wald bei Blossin. Die Buchstaben lagen so offenbar auf der Straße und auf den Treppenstufen, wir mussten uns dort treffen und lesen und reden, fragen und antworten, Texte abklopfen. (Ach, immer dieser begrenzte Platz auf den Postkarten, es gäbe noch so viel zu erzählen.)

Postkarte aus GÖRLITZ

Görlitz hat zwei Seiten: eine deutsche und eine polnische. Nachts hat es zwei andere Seiten: eine helle und eine dunkle.  Mehr muss man eigentlich nicht wissen über Görlitz.

Tags standen wir im Flüsterbogen. Der hat auch zwei Seiten. Ganz leise kann man einander etwas zuflüstern, auf deutsch oder polnisch, mit heller Stimme oder mit dunkler.

Abends, als es dunkelte, saßen wir vorm „Dreibeinigen Hund“ und aßen Ziegenrollbraten. Da schlichen die Katzen an uns vorbei. Sie waren noch nicht grau.

Postkarte aus BUCKOW

Zwischen Brecht und Kisch auf dem Schermützelsee. Das da hinten ist die „Weiße Taube“. Da schrieb und flirtete Kisch vor 90 Jahren ein paar Wochen lang. Brecht kam später mit Helli und drei, vier oder fünf anderen Frauen nach Buckow, 1952. Du müsstest dich umdrehen, um das Haus, die Eiserne Villa, zu sehen.  Aber diese digitale dritte Dimension hat meine Postkarte nicht. Der Blick kann nicht abschweifen, herumschweifen, es gibt keinen Kameraschwenk um 180°.  Postkarte bleibt Postkarte mit blauem Himmel, See und Wölkchen.

Postkarte aus ASCHAFFENBURG

Auch wenn es in Aschaffenburg ums Ende der Privatheit ging, hatte ich ein Zimmer für mich allein mit Blick auf den Hotelparkplatz. Privatsphäre. Nur die Stimmen derer, die nachts über den Hof gingen, drangen ein in meine Privatsphäre. Und mein Handy hing im Netz; es zappelte und ließ mich manches wissen über die Privatsphären der anderen. An irgend einen Knoten im Netz schickte es meine Koordinaten. Mein verräterisches Handy kommunizierte von Aschaffenburg aus mit der halben Welt – weil ich es ihm erlaubte.

Aber etwas, was ich in Aschaffenburg tat, weiß mein Handy nicht, obwohl es dabei war. Ich schreibe es jetzt auf diese Postkarte und schicke es in die Welt hinaus: Ich kaufte auf dem Markt vier Äpfel und einen halben Liter griechisches Olivenöl und meine Augen sahen sich satt an den Farben von Karotten, Paprika, Gurken, Primeln und Tulpen.

Postkarte aus JOACHIMSTHAL

Ich schreibe aus dem Lyrikhaus. Es steht in der Schorfheide. Ihr werdet es finden, ganz gewiss. Ich habe es an einem Wintertag im Januar gefunden, habe mich hier mit einem Lyriker aus Lübeck getroffen. Der Hausherr hatte für uns die Büchertische beiseite geräumt, seine Frau hatte Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und er hatte den Ofen geheizt, einen Lehmoffen. Wir durften auf der Ofenbank sitzen und uns den Hintern wärmen, während wir den Gästen unsere Gedichte vorlasen. Idylle? Ja. Idylle mit Tränen, die einer Frau über die Wangen rannen beim Gedicht über die Zeit von Neunzehnhundertdreiunddreißig bis Neunzehnhundertfünfundvierzig.