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heute morgen

Irgendwann in dieser viel besungenen vorigen Nacht erhielt ich einen Anruf vom Nikolaus.

Er müsse dringend mit mir zoomen oder skypen oder … Egal, ich solle jedenfalls schnell meinen PC hochfahren. Mit Seitenblick auf meine noch leeren ungeputzten Stiefel tat ich, wie er mir geheißen. Dass er in Quarantäne sei, erzählte er mir per Videoschalte und mich dazu auserkoren habe, ihn zu vertreten.

„Wieso ich?“

„Frauenquote.“

„Ach so.“ Stille.

„Aber ich kann doch nicht treppauf,  treppab … ich bin doch schließlich auch schon al…“

„Papperlapapp“, unterbrach der Nikolaus meinen zaghaften Protest. „Dann poste eben den Kindern, dass sie ihre Schule vor die Haustür stellen sollen, aber jedes nur den linken Stiefel, damit das Gedränge auf der Straße nicht zu groß wird.“

„Aber nein, das ist viel zu gefährlich.“ Und ich begann, dem Nikolaus die Geschichte von Tyll zu erzählen, der alle Dorfbewohner dazu aufgefordert hatte, einen ihrer Schuh (war es der Linke?) in die Luft zu werfen. Und was daraus wurde, als sich alle auf die Suche nach ihrem Schuh machten.

Doch meine Erzählung gelang wohl nicht so rasant, wie bei Daniel Kehlmann. Jedenfalls schlief der Nikolaus vor dem Bildschirm ein und seine Nase begann rot zu leuchten. Ich versuchte ihn durch meine Ansprache zu wecken. Erfolglos, er begann laut zu schnarchen. So laut, dass ich davon aufwachte und – noch im Halbschlaf – darüber nachdachte, warum der Nikolaus eine rot leuchtende Nase hat. Schnupfen? Oder war er etwa durch die eiskalte Nacht gelaufen, trotz Quarantäne? Oder ist er gar ein Säufer?

Inzwischen konnte ich meine schweren Augenlider öffnen, schälte mich langsam aus den Decken, schlich in den Flur zu meinen Stiefeln, Ich kippte sie um, leuchtete sie aus mit Sternlein und Lichtern.

links Quarantäne, rechts Kontaktbeschränkung

Euch allen trotz allem eine schöne Adventszeit.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 4

Élouise und ich liefen durch den Herbst-Wald zum Heidelberger Bergfriedhof und sie galoppierte vorne weg, vollführte Freudensprünge, so als hätte man sie nach zwei Wochen aus der Quarantäne entlassen. Nachdem wir das schwere, kunstvoll geschmiedete Friedhofstor aufgeschoben und uns hindurchgeschoben hatten, stiegen wir vorsichtig die Treppe hinunter, liefen ruhiger, versuchten es respektvoll zu tun, respektvolles Laufen für die, deren Namen die Steine trugen um uns herum.

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Leeres Land

Ricarda de Haas

Platz, wohin man schaut. Im doppelten Sinn. Wo die Leute fehlen, ist statt dessen Platz da.
Zugleich ist es das, wonach der Blick Ausschau hält: Wo ist Platz?
Leute-freie Lücken finden. Beim Einkaufen. Im Park. Um sich Platz nehmen zu können.

Diese Leere ist vertraut. Von früher. Auch jetzt ist alles ein bißchen grau. Wie damals. Als wir hier in dem anderen Land lebten. Als wir auch abends zu Hause saßen. Distanzlos, mit Freunden um den Küchentisch. Damals.

Doch im Park die Bänke sind alle in Ordnung. Heute.