Schlagwort-Archive: Schreiben

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Liebe S.,
dein Bruder hat mir deine Texte gezeigt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. So viele hast du ihm zurückgelassen, als wolltest du sicherstellen, dass wenigstens einige davon gelesen werden. Das nehme ich als Zeichen.

In der Brückenstraße, wo du deine Wohnung hattest, habe ich dich manchmal gesehen. Du warst eine Schreibende so wie ich, aber eine, die die Lippen bewegte beim Schreiben. Überall in der Stadt hast du geschrieben, an die Hauswand gelehnt, auf einem Mäuerchen sitzend, an der Straßenbahnhaltestelle, mitten auf der Verkehrsinsel, sogar dort hast du schreibend gesessen und die Lippen bewegt dabei. Verständigt hast du dich mit niemandem mehr. Trotzdem hast du, als du gestorben bist, deine Texte zurückgelassen, war die ganze Wohnung gefüllt mit von dir beschriebenen Seiten, die ich deinen Bruder bat mir zu zeigen.

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Klein(ich)keiten – Marion Boginski

Das stille Leben der Finger

Unauffällig, unscheinbar, unaufdringlich. Ihre Bewegungen lebensnotwendig oder lebensvereinfachend.

Sie ziehen, drehen, halten, stemmen, streicheln, streichen, geben, nehmen … tippen.

Meine tippen auf Tastaturen herum. S E I T  22  J A H R E N.

Nicht alle Finger. Meist sechs. Meist dieselben. Meist stundenlang.

Blog Finger

Und nun das! Klein(ich)keiten – Marion Boginski weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stillleben mit Händen

Wenn ich die Hände auflege beim Tippen, kann ich ruhig sein beim Schreiben, bette Handballen auf  Kissen aus Gel, entspanne die Schultern. Zum Nachdenken schaue ich fensterwärts, dann wieder auf die Hände hinunter. Unbeteiligt und still liegen sie auf den Tasten herum, so als ob es doch nicht die meinigen wären.

Doch sie scheinen mein Alter zu haben (der Rest von mir sieht, finde ich, ein klein wenig jünger aus ;)). Und da sie meistens tippen, was ich vorher dachte, scheint zwischen ihnen und mir eine Verbindung zu bestehen. Sie sind eindeutig festgemacht an meinen Armen und Schultern dazwischen mein alter Kopf, in den ich altmodische Wörter spreche, um ihren Klang zu testen. So leise spreche ich in ihn hinein, dass manchmal die Wörter, die ich schreibe andere sind, als ich dachte. Sie gleiten hinab auf meine Schultern, rutschen die Arme hinunter bis zu den Händen, die still auf der Tastatur liegen und warten. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie auch die merkwürdigen Wörter schreiben, die von ganz hinten unten kommen und es schwer haben, sich auf dem Bildschirm zu behaupten. Manche Wörter brauchen lang, bis sie richtig sind.

SprachZeitRäume

Ricarda de Haas

Eldoret

I

Sprechen
Zuhören
Schauen
Denken
Fotografiert werden
Warten.

II

Konferenzen sind Zeit-Räume. SprachwandelOrte. Schrift wird zu gesprochener Sprache.  Körper zu Text. Komplexe Satzstrukturen zu simplen Schlagworten, an die Wand geworfen.

Viele Worte in vielen Sprachen. Notgedrungen einigt man sich auf eine. Spricht nebenher noch die eigene. Hört die anderen als Klang. Eine sticht heraus. Die neue, die man grade lernt.

Der Klang hallt im Ohr nach. Es ist, als würde ich die Sprache mit Verzögerung hören. Während wer antwortet, verstehe ich erst die Frage. Als wäre ein Kurzzeitspeicher in meinem Kopf, der alle Gespräche aufzeichnet, damit ich sie später rekonstruieren kann.

 

III

Nie wirklich allein sein. Kaum setze ich mich in die Sonne, kommt eine besorgte Sekretärin. Ob mir nicht gut sei. Mir geht’s gut. Ich will nur mal nichts hören, nichts denken, für mich sein. Das Konzept scheint unübersetzbar. Alleinsein ist Einsamkeit ist Unwohlsein. Ich kriege Tee und Kekse für einen wehen Bauch. Einblicke ins Familienleben für Verbundenheit.

Am nächsten Tag wähle ich eine ferne Bank unter Bäumen. Genieße die leichte Brise. Stille. Sehe von fern eine Schulklasse. Fünf Minuten später sind sie da. Ein paar Jungs traun sich, mich anzusprechen. Als ich antworte, umringt mich die ganze Klasse. Ich schüttele dreißig Hände, lerne dreißig Namen. Selfies natürlich.
Konferenzen sind erholsam, im Vergleich zu Schulklassen.

 

Nairobi

Verhandeln am Eingang zum Campus. Ich habe einen Termin, aber keinen Uniausweis. Die Diensthabende ist überfordert. Ihr Kollege flirtet dezent, winkt mich durch. Da wird sie streng. Ich muss detaillierte Angaben machen: Name, Anliegen, Büro. Und ein Ausweis muss sein. Egal welcher, Hauptsache Foto.

Ihr Kollege ist besorgt. Ob ich den Weg fände? Das weiße Gebäude dort vorn, fünfter Stock. Ich schaue mich um. Alle Gebäude sind mehrstöckig und weiß. Er lacht und bittet jemanden, mich ins Department for Modern Languages zu begleiten.

Ich hatte mehrfaches Verlaufen eingeplant. Jetzt bin ich zu früh und warte auf dem Gang. Alles ist still. Die Mitarbeiter sind im Streik. Nur Prüfungen finden statt. Ich blättere in Kaminers ‚Ausgerechnet Deutschland‘, das ich als Gastgeschenk dabei habe. Schlendere zu den Aushängen. Lese. Stutze.

Dying in Germany?? Und dazu ein fröhliches Gesicht? Ich zupfe am Plakat, das darüber lappt. Jetzt heisst es: ‚dying in Germany – simply tempting.“

Hm, ich habe in den hiesigen sozialen Medien schon einige sehr seltsame Annahmen über Deutschlands Umgang mit Flüchtlingen gelesen. Aber das scheint mir nun doch etwas pointiert. Oder bin ich gerade in eine von Kaminers Geschichten gepurzelt? Es ist so still hier. In welcher Zeit, in welchem Raum bin ich? Diesem Autor ist ja so einiges zuzutrauen..

Schritte hallen. Meine Verabredung kommt. „Bewunderst du unsere Werbung für’s Studieren in Deutschland?“

 

 

 

 

 

 

 

Seitensprünge

 

Ein Albtraum hat mir die Nacht versaut. Ich will ihn aufschreiben, das soll helfen, habe ich gehört. Also klappe ich mein Laptop auf – und werde von ihm schief angesehen. Das muss an dem Albtraum liegen, ich blicke schief zurück und klappe das Teil wieder zu. Aus der hintersten Ecke der Schreibtischschublade krame ich einen Füllfederhalter hervor und ziehe mir aus dem Drucker ein Stück weißes Papier. Mit einem spöttischen Lächeln zum Laptop hin beginne ich, auf Papier zu schreiben, mit Tinte. Tinte, das ist eine (meist blaue) wasserlösliche Flüssigkeit die aus einem Füllfederhalter fließt, wenn man diesen zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger presst und mit etwas Druck auf das Papier setzt. Druck ausüben – ich bin wieder bei meinem Albtraum, und der ging so:

Irgendetwas wollte ich auf einer Internetseite recherchieren. Auf einer Seite, die mir sehr, sehr vertraut war, wollte ich mich von Link zu Link klicken. Doch kein Link funktionierte. Da ich auch am Laptop gern mit Maus arbeite, traktierte ich das arme Tier, mit dem Zeigefinger, dem Mittelfinger, dem …, mit zunehmendem Druck. Dann Faust, dann Ferse. Der Link verlinkte mich nicht, aber die Maus zersprang. Also musste der Touchscreen ran, Zeigefinger, Mittelfinger, zunehmender Druck, Faust, Ferse – und mein Laptop hatte einen Sprung, und nochmal Ferse und noch ein Sprung, und … ich sprang aus dem Bett. Aufschreiben, aufschreiben und loswerden.

 

kaffeepotIch koche mir einen Kaffee und denke nach, und habe das Gefühl, der Albtraum ging noch irgendwie anders. War da nicht noch etwas? Versonnen drehe ich meinen alten Lieblingkaffeepot in der Hand, starre ihn an. Der hat ja einen Sprung! An der Seite mit der Kuh! Erschrocken stelle ich den alten Lieblingkaffeepot auf das mit meinem Albtraum beschriebene Blatt. Und beobachte, wie aus dem Seitensprung der Kaffee sickert, sich mit der Tinte mischt, die ja wasserlöslich ist und mein Kaffee wohl doch zu dünn. Oder dünn genug, dass der Albtraum Wort für Wort in einer blaubraunen Lache ertrinken kann.

 

Mit einem Seitenblick spähe ich zu meinem Laptop hinüber, es gafft immer noch beleidigt zurück. Also schnappe ich mir Papier und Füllhalter und gehe zur Bibliothek. Recherchieren kann man ja auch in Büchern, so von Seite zu Seite …