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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bilanz eines Sommers

Die Badeseen schon im Juni so warm wie das Mittelmeer im August. Die Wasserläufe, die sie gewöhnlich verbinden, sind nur noch Rinnsale. Das Kanu tragen. Um Herzkranke fürchten bei vierzig Grad. Staubgrau die Schuhe beim Spaziergang durch den Wald, entwurzelte Bäume liegen kreuz und quer, Mehltau besiedelt die Eichenblätter. Ich lausche: Nichts summt um mich her.

Alle Fenster sind offen. Trotzdem kommen keine Mücken herein. Brandgeruch weht in die Stadt aus Richtung der Truppenübungsplätze. Niemand löscht, es liegt Sprengstoff im märkischen Boden, es liegt ein Unwetter in der Luft, kommt näher, tobt sich aus über den Dächern, Blitz und Donner kennen keine Pause, und Schlammlawinen drängen in die Häuser mit dem Wolkenbruch.

Vom Klimawandel reden. Den Klimawandel spüren.
Manche bezweifeln, dass es den Klimawandel gibt.

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

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II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

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III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Sehnsucht nach..

Ricarda de Haas

 

im winter keine sommer märchen erzählen.

niemand kann sich dann erinnern

An warme nächte

cafés in der sonne

goldenen glanz auf nackter haut.

Im winter..

niemand möchte sich erinnern.

An das nachttrunkene glück

vergangener monde

..

..

Im sommer..   warum nicht von winterstürmen faseln.

niemand wird sich noch erinnern

wie frieren geht

unbekümmert schlendern wir

am ufer

nur die kehle hat sehnsucht

nach kühlem eis.

Klein(ich)keiten: Marion Boginski

Nachbar links

 

Der Nachbar links ist Zimmermann.

Er zimmert.

Immer.

Mit Hörschutz auf den Ohren.

Und besonders an warmen Sommernachmittagen.

Wenn ich dreißig Zentimeter von ihm entfernt auf der Terrasse sitze.

Kreissägekreischen, hämmern, schleifen.

Holz. Metall. Steine.

Späne fliegen auf meine Laptoptastatur.

In mein Haar.

Ich fliehe ins Haus.

Komme ohne Laptop wieder raus.

Rufe: Hallo! Die Späne fliegen bis zu mir!

Oh, Entschuldigung, ich dachte, die fallen woanders hin.

Können Sie eventuell an das Grundstücksende gehen?

Da hängt Wäsche.

Die kann ich abnehmen.

Warmer Sommernachmittag.

Kreischen, hämmern, schleifen.

Hallo, hallo da fliegen …

Ich dachte …

Warmer Sommertag.

Hallo, hallo, hallo …

Ich dachte …

Sommertag.

Er versteht mich nicht, ich werde schreien müssen!

Heute. Jetzt. Sofort.

Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh … Feuer, Feuer, Feuer …

Es brennt, fragt der Nachbar links.

Ja, sage ich, sehr!

 

 

 

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Kleine helle Nacht mit Schafen

Tagsüber fraßen die weißen Schafe grünes Gras. Jetzt kommt die helle Nacht. Das Gras wird grauer, aber die immer noch weißen Schafe lassen sich den Appetit nicht verderben.

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Helle Nacht in Norwegen

Und immer noch liegt der Widerschein der Sonne auf dem dunklen Fjord neben großen, vom Eis geschliffenen Steinen.

Ich mache ein Panoramafoto von der Nacht, darin bewegt sich das Licht. An und aus geht das Licht, an und aus, in kleinen Kreisen aus Zeit.

Schaum, Wolken und Schafe sind hell mit der Nacht. Am Horizont liegen Wolken auf felsigen Bergen wie Eis. Dort reiht die kleine helle Nacht mit Schafen sich ein in die Zyklen der Zeit.