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Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

Zugstillleben : Toilettenfengshui

Stillleben, welch ein Wort. Zerfließt sofort auf der Zunge, meint aber etwas ganz Konkretes: die Darstellung toter oder regloser Gegenstände.

Je nach Art dieser (mindestens) reglosen Gegenstände unterscheidet man folgende Unterarten des Stilllebens, sagt Wikipedia:

Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte-, Frühstücks-, Jagd-, Küchen-, Markt-, Musikinstrumente-, Vanitas- oder Waffenstillleben.

Waffenstillleben. Dem braven Reichsbürger an die Wohnzimmerwand.

Dann doch lieber den Charme einer Zugtoilette preisen, vielleicht mit einem HAIKU?

Toilettenfengshui

/Wind und Wasser an Zugluft/

gereicht uns zum Glück

Ich lese nach: Die Lehre des Fengshui, chinesisch für Wind und Wasser / 風水 / 风水

will erreichen: die Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung.

Die Bahnchefs wollen das augenscheinlich auch, sie sagen: Harmonisieren Sie doch einfach mal mit einer ICE-Toilette, Sie werden staunen, welche Befreiung sich augenblicklich einstellt. Genießen Sie das friedvolle Ambiente des Lokus – dem 2001 ins Leben gerufenen Welttoilettentag sei Dank, der sich die Verbesserung der Verhältnisse an oder in Toiletten (!) auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Interieur-Design-Abteilung der Deutschen Bahn hat ihren Teil mit subtil asiatischer Anmutung erledigt, jetzt sind Sie am Zug, im Zug, und lassen es, bitteschön fengshui-anmutig wohlig laufen. Selbst wenn der gerade nicht rollt.

„Die Benutzung des Aborts ist während des Aufenthalts auf Bahnhöfen nicht gestattet“, diese Zeiten sind längst vorbei.

Meine Mutter hat die harmonisierenden Zeichen der Zeit noch nicht erkannt – selbst auf langen Zugfahrten weigert sie sich, den Abort, den Ab-Ort, diesen abseitigen Ort zu betreten. Lieber trinkt sie stundenlang nichts. Da läuft aller Häuselzauber ins Leere.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stillleben mit Händen

Wenn ich die Hände auflege beim Tippen, kann ich ruhig sein beim Schreiben, bette Handballen auf  Kissen aus Gel, entspanne die Schultern. Zum Nachdenken schaue ich fensterwärts, dann wieder auf die Hände hinunter. Unbeteiligt und still liegen sie auf den Tasten herum, so als ob es doch nicht die meinigen wären.

Doch sie scheinen mein Alter zu haben (der Rest von mir sieht, finde ich, ein klein wenig jünger aus ;)). Und da sie meistens tippen, was ich vorher dachte, scheint zwischen ihnen und mir eine Verbindung zu bestehen. Sie sind eindeutig festgemacht an meinen Armen und Schultern dazwischen mein alter Kopf, in den ich altmodische Wörter spreche, um ihren Klang zu testen. So leise spreche ich in ihn hinein, dass manchmal die Wörter, die ich schreibe andere sind, als ich dachte. Sie gleiten hinab auf meine Schultern, rutschen die Arme hinunter bis zu den Händen, die still auf der Tastatur liegen und warten. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie auch die merkwürdigen Wörter schreiben, die von ganz hinten unten kommen und es schwer haben, sich auf dem Bildschirm zu behaupten. Manche Wörter brauchen lang, bis sie richtig sind.