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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Streit. Kultur.

Setzen Sie sich doch einen Augenblick, sagt die Assistentin von ihrem Platz hinter dem Tresen her und gibt mir die Chipkarte zurück. Ich tue, wie mir geheißen, muss gar nicht erst ins Wartezimmer; keine Konsultation, nur ein Rezept. Finde einen Stuhl nahe beim Empfang. Herbstvoll ist die Praxis, die Kabinen besetzt, vermutlich EKG, Grippeschutz und Nadeln im Kopf gegen Migräne. Es hustet ringsumher, es schnaubt, eine Alte schlurft aus dem Behandlungsraum, schiebt ihren Rollator vor sich her, setzt sich darauf ab, ein Taxi wird gerufen.

Die Tür geht auf. Er kommt herein. Aufrecht geht er, ist groß und schlank von Statur. So jung, wie er sein möchte, ist er nicht mehr, aber alles an ihm ist anerkennenswert: der Dreitagebart, der BMI, die Warnweste zum Fahrradhelm. Sogar die Hosenbeine hat er in die Socken gesteckt. Keine Sturzgefahr.

Noch lächle ich in mich hinein, aber schon dreht er sich um neunzig Grad und mir seinen Rücken zu. Da steht es in riesigen Lettern auf neongelbem Grund: CARFREE CITIES!

Ups! Öfter mal das Auto stehen lassen – okay. Klimaneutrale Mobilität jetzt – einverstanden. Steht da aber nicht. Da steht: CARFREE CITIES.
Adrenalin schießt ein. Nicht aufregen. Ruhig atmen. Nichts werde ich sagen, gar nichts. Ich will doch nur ein Rezept. Die Alte wartet noch immer auf ihr Taxi. In meiner Fantasie macht sie sich nun zu Fuß auf den Weg, sicher hat sie es nicht so weit, vielleicht zweieinhalb Kilometer. Dann die Erinnerung und mit ihr die Mutter auf dem Beifahrersitz, erledigt von der Bestrahlung, die hinter ihr liegt. Zum Adrenalin kommt das Herzblut. Frühling. Blumenerde für den Balkon. Vier Kästen mal zwanzig Liter.

Wie ist es möglich, dass ein Hormon so dominant werden kann? Mach schon, gib’s ihm, ruft es mir zu. Warum kann dieser Kerl nicht endlich an der Reihe sein. Sein Anliegen vortragen und verschwinden, ins Wartezimmer oder weiß der Teufel wohin.

Der Teufel? Was will der denn jetzt in meinem Text? Flüstert mir die Worte zu. Los, Junge, besorg dir deine Anti-Aging-Pillen. Besprich die Werte deines Fitness-Trackers mit Frau Doktor. Hol‘s dir bei ihr ab: braves Bürschchen, fein gemacht. Und dann komm in die Gänge, denk auf dem Heimweg an die Hafermilch für dein Flohsamen-Porridge und …

Stopp!
Verschwinde, Satan!
Was weiß ich denn schon? Vielleicht wurde diesem da ja übel in Mamas und Papas Wagen, vielleicht hat er Angst vor dem Stadtverkehr, vielleicht wurde sein Kind überfahren – nichts weiß ich.
Vermutlich hat er bloß eine Mission. Zu viele davon sind schon unterwegs. Ich lasse ihm den Imperativ im Kreuz. Aber er ist noch immer nicht dran. Ob das ein Zeichen ist?
Also doch, ihn ansprechen. Immer sachte.
Reden. Hören.