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Nachtschattennotizen aus dem Tagwald

mit den augen eines schwamms. versuch einer selbstvergewisserung

manche zeiten erfordern es, andere fragen zu stellen als bislang, den standpunkt zu wechseln oder dem blick aus dem fenster das recht einzuräumen, die geschicke des tages einmal einzig und allein in seine bahnen zu lenken, die bahnen des augenblicks vom ersten augenaufschlag an, heraus aus dem traumreich, hinein in eine direkt vor der eigenen nase liegende wirklichkeit.

so könnte ich zum beispiel fragen:

hätten Sie nicht auch gerne einmal die wahl zwischen eisbeinen, schweinshaxen und einem zünftigen schwammdrüber?

die unzähligen schweinshaxen nämlich, die ich letzte nacht, am schweinshaxenfließband stehend, verspeisen musste, mit dem pistolenlauf des großküchenkochs an meiner schläfe, nahmen leise knisternd und britzelnd, während ich ungläubig die augen wiederholt zukniff, blinzelte, aufriss, zukniff, nahmen also leise knispelnd und bei zunehmender wachwerdung immer deutlicher die form von kristallklaren kakerlakenbeinen an, überdimensioniert zitterten sie durch mein gesichtsfeld, während mir noch das fett aus den mundwinkeln troff. 

mit einer barschen handbewegung wischte ich mir die traumgespinste aus dem gesicht, nicht willens, auch nur einen einzigen gedanken an die deutung des schlafend erlebten zu verschwenden.

blieben: die eisbeine über mir. 

wäre das bis hierher geschilderte nun eine geschichte, die ich mir ausgedacht hätte, hätte ich mich sauber in eine textecke verrannt, aus der es so leicht kein entkommen mehr gäbe: was weiter anfangen mit diesem bizarren insektengebein knapp über meinem kopf, an einem beliebigen mittwochmorgen.

ich nähme, nach langem starren auf den verknurpselten text auf meinem monitor, die löschfunktion meines bildbearbeitungsprogramms zu hilfe, hielte die linke maustaste gedrückt, ein kleiner schwamm statt des blinkenden cursors erscheint, und wischte in zackigen bewegungen das foto auf meinem monitor weg wie ein missratenes tafelbild.

sehr befriedigende vorstellung, die deutungshoheit habe immer noch ich.

und so warte ich als real existierendes ich auf die ersten sonnenstrahlen, die langsam über mein dachfenster lecken. man wird ansonsten ja noch ganz irre in diesen zeiten.

Wiener Häuslichkeiten

Ricarda de Haas

Auf dem Weg zum Campus schlendere ich durch den neunten Bezirk, vorbei an Cafés, Trafik* und dem Freud-Museum, das gerade umgezogen ist. Und da entdecke ich es. Unscheinbar steht es da, zwei Stockwerke niedrig, mit geschlossenen Läden träumend, zwischen Gründerzeitbauten, die es um vier Stockwerke stolz überragen.

Traum-Haus. Biedermeierhaus.

Die deutsche Sprache ist merkwürdig. Warum ist ein Traumhaus ein Haus, von dem Menschen träumen, und nicht ein Haus, das träumt? Ist ein Biedermeierhaus ein Haus, in dem Menschen biedermeiern? Oder doch ein Haus, das bieder meiert? Und wie genau zieht ein Museum um? Schlüpft Freud aus der Kiste, um ein letztes Mal Kisten zu packen? Oder zieht das Museum die Wände aus dem Boden und sucht sich ein schönes freies Plätzchen?

Dieses Haus jedenfalls zieht nicht um, und es renoviert sich nicht. Etwas zerzaust steht es da, die Schrift über den geschlossen Läden noch lesbar, das Hausschild über der Tür verblasst. Ein Rudolf Schlapota, Pferdefleischhauer und Selcher, verkaufte hier, ein Alexander Häuser nutzte einen Teil als Lager, ein Rechtsanwalt praktizierte im oberen Stock, ein Fenster- und Zimmerputzer hatte unten ein schmales Geschäft.

Im oberen Stock ein angelehntes Fenster. Blumentöpfe hinter den Scheiben, Fensterschlangen. Irgendjemand wohnt da noch. Trotzt der Zugluft im alten Haus.

Wovon träumt dieses Haus?

Von den wilden Zeiten seiner Jugend? 1781 zwischen Porzellanmanufakturen, Ziegeleien, Webereien und Seidenraupenzucht geboren, hatte es kurz nach der Jahrhundertwende bereits schwere Brände zu überstehen, einen Pestausbruch, die napoleonische Besetzung sowie einen Eisstoß in Donau und Donaukanal. Wasser bekam es erst nach 55 Jahren, Quellwasser, das aus den Bergen durch die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung nach unten strömte. Knapp siebzigjährig zitterte es sich durch die Wiener Oktoberrevolution, als viele Häuser durch kaiserliche Truppen beschädigt wurden. Als rundum Gründerzeithäuser die Biedermeierhäuser verdrängten blieb das träumende Haus verschont.

Seine späten Jahre waren nicht weniger gefährlich — oder besser: gefährdend? Es überstand Weltkrieg, kommunistischen Putschversuch, Weltwirtschaftskrise. Wurde Zeuge des Novemberpogroms, der Deportation von 12.000 jüdischen Bewohnern aus dem Bezirk. An einige Hundert von ihnen erinnern jetzt in den Boden gelassene „Steine der Erinnerung“, vierzehn davon allein in dieser Straße. Keiner vor diesem Haus. Weil niemand deportiert wurde? Oder weil sich niemand erinnert?

Den Bombenhagel, der viele Häuser im Viertel zerstörte, überstand es fast unbeschädigt. Befreiung durch die Rote Armee und zehn Jahre amerikanische Besatzung hinterließen kaum Spuren. Wirtschaftswunder, Deindustrialisierung, Gentrifizierung und Tourismus folgten – ob es davon noch etwas gemerkt hat? Es träumt so tief..

Als ich es fotografiere, kommt eine Frau vorbei, sagt: „Ewig schad“. Nur diese zwei Worte, hingeworfen in dieser unnachahmlichen Wiener Melancholie. Wo sich Kummer mit Protest mischt, die Stimme erst hoch und dann in den Keller geht. Ich frage, ob sie von dem Haus Genaueres wüsste. Sie verneint. Es sei eine Schande, das Haus verkommen zu lassen. Aber die da hinter den Fenstern, die sei starrsinnig. Sie wolle nicht ausziehen, auch der Gemeinde das Haus nicht übergeben. Ob sie die Frau kennt, die da wohnt? Nein, aber – und nun spricht sie mit Autorität – sie lese die Bezirkszeitung.

* Trafik – zu deutsch-deutsch: Tabakladen

Nairobi, am Abend

Ricarda de Haas

Eine Straße im Zentrum, kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Autos, Musik, Leuchtreklame. Offene Ladentüren. Zigaretten, T-Shirts, Haare & Nägel. Auf dem Gehweg plaudernde Männer, fliegende Händlerinnen, Straßenkinder.

Im zweiten Stock ein Restaurant. Gesprächswolken dick wie Zigarettenqualm. Sieben Sorten Fleisch, neben 🐄 und 🐓 auch 🐐  und 🐫. Kein Alkohol. Dafür frischer Juice aus praktisch allem. Mango, Passionsfrucht, Ananas, Avocado.  Oder Dawa, Medizin. Ein heißer Trank aus Ingwer, Knoblauch und Zitrone.

An der Wand sind Waschbecken für die Gäste. Und ein grün leuchtender Kasten. Ein Automat?

Schließfächer. In jedem Fach ein USB. Während die Gäste speisen, träumen ihre Handies. Es ist der große Traum von einem grün schimmernden Leben nach dem Akku-Tod.

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Nachtschicht

Sie musste wach bleiben, den Blick auf die Formel richten, P1010165adie noch immer nicht stimmte. Sie gähnte. Rieb sich die Augen. Gähnte erneut. Den ganzen Tag lang das Grübeln und Verwerfen für nichts. Eine neue Berechnung. Der nächste Versuch. Papierkorb, real und digital. Weg damit.
Es arbeitete weiter und immer weiter in ihrem Hirn, obwohl längst das Mondlicht hell auf ihren Schreibtisch fiel. Etwas war falsch falsch falsch.
Die Glieder wie Steine so schwer. Sie ließ die Schultern kreisen und spürte keine Besserung. Vielleicht sollte sie kurz den Kopf auf die Arme sinken lassen. Und die Augen schließen. Nur für … ein paar … Minuten. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen