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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Ich laufe das Ufer entlang, trotz „Frühling“ in dicker Winterjacke und obwohl ich friere, hole ich mir einen Sonnenbrand. Gerade will ich anfangen, mich darüber zu ärgern, als ich den Mann im Wasser entdecke. In Badehose, also halbnackt, und das bei dieser Kälte! Ein Held, fürwahr! Sozusagen die personifizierte Abhärtung und Disziplin und damit das Gegenteil von mir.

Er steht da ganz lässig, als würde nicht der eisige Wind um seinen halbnackten Körper pfeifen und blickt in meine Richtung. Ohne Brille kann ich den Grad seiner Attraktivität nicht abschätzen. Als ich sie endlich in meiner Tasche gefunden habe und aufsetze, werde ich enttäuscht: Der Mann im Wasser ist eine Schaufensterpuppe.

Mein Held ist also nur eine Illusion, die sich – wie nahezu alle meine Illusionen – wieder einmal nicht lange aufrechterhalten ließ. Mir sterben die Illusionen in den letzten Jahren weg wie die Fliegen! Ich beobachte neiderfüllt, wie andere sich aus ihren robusten Illusionen prächtige Puppenhäuser bauen, ja, ein ganzes Leben, und daraus Hoffnung ziehen, Mut und Tatkraft. Sie springen  vermutlich jeden Tag frisch und energiegeladen aus dem Bett, während sich bei mir schon morgens die Sinnlosigkeit wie eine Staubschicht aufs Gemüt legt und mich in Lethargie verfallen lässt.

Ich lasse den falschen Helden hinter mir und laufe desillusioniert gegen den eisigen Wind an. Er kann mich nicht aufhalten. Na also, sage ich mir und tröste mich mit dem Gedanken, dass meine Illusionslosigkeit womöglich ebenfalls eine Illusion ist, aus der doch immerhin ein Trotz erwächst, der mich durchs Leben bringt, irgendwie.