Schlagwort-Archive: Winter

Postkarte aus EBERSWALDE

Diese Stadt wandelt sich, hat sich gewandelt, verwandelt, eine Metamorphose durchschritten, wurde vom Aschenputtel zur Prinzessin. Hier spielt eine ganz frühe Kindheitserinnerung. Ein großes altes Haus, ein altes Ehepaar in einer staubigen Wohnung. Onkel und Tante sagte mein Vater zu ihnen. Da stand eine Puppe mit einem weiten schwarzen in tausend Falten gelegten Rock auf einer Anrichte. Porzellankopf. Es kann ein Kaffeewärmer gewesen sein.
Ich wandle durch meine Erinnerungen.
Vor der Verwandlung:  Russenmagazin, Moskauer Eis, Mischkakonfekt, schmutziger Bahnhof, Spritzkuchen, Tierpark. Nach der Verwandlung: Spritzkuchen, Tierpark, Jazz, Eberhard & Bernadette, Kunstblumen auf dem Rasen, alphabettínentreffen, Weiße Schatten der Endmoräne, Goldschatz, Messingwerksiedlung, Paul-Wunderlich-Haus.

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Postkarte aus KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Es regnete, es war dunkel und kalt. Ich hatte Hunger. „Tausche alte Kaffeekanne gegen Tasse Kaffee“ las ich am Schlosskaffee. Ich hatte keine Kaffeekanne dabei. Also weiter. In der nächsten Gaststätte wurde ein Geburtstag gefeiert. Der DJ hatte die Bässe bis zum Anschlag hoch gefahren. „Bella ciao„, „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär“ und das Rennsteiglied spielte er direkt nacheinander. Ich löffelte meine Tomatensuppe. Die Ohren kann man nicht schließen.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Dunkel um vier. Graupelschauer. Kein Blatt am Baum. Der Wind dreht auf Nord. Bloß schnell Frostschutz für das Wagenwischwasser holen, sozusagen für das www.

Ob der Drogeriemarkt so etwas führt? Groß genug wäre die Filiale ja, zwei Etagen neuerdings. Unten Eau de Toilette und Bio-Nudeln. Ich könnte hochfahren. Hochfahren fürs www. Andererseits: Erst die Rolltreppe und dann alle Gänge absuchen für nichts?
Da hinten steht jemand im Kittel. Ich warte, während die Verkäuferin einen Rentner in Gesundheitsfragen berät. Schauen Sie mal hier: Selen plus Jod. Der Alte zieht zum Glück die Nase kraus.
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Postkarte aus Groß Breesen

Hier hinterm Haus sitzen und lesen. Das Gemurmel der andern Gäste hören. Über der Schafweide die Schwalben – knapp überm Boden. Zwitschern, Blätterrauschen. Ein Stück gehen, in die Bücherscheune gucken, zurückkehren, einen ganz großen Eisbecher mit Erdbeeren essen, weiter lesen. Zwischendurch ein Foto machen für die Postkarte aus Groß Breesen. Dann ein großer Raubvogel überm Haus. Leider erkenne ich sie immer noch nicht am Flugbild.

Postkarte aus Seyðisfjörður

Seyðisfjörður, das bedeutet Zaubertrankfjord. Eine Trollfrau stand hier, das eine Bein auf dem rechten Berg, das andere Bein auf dem linken Berg und rührte mit einem großen Löffel den Zaubertrank um, den sie kochte, so erzählt man sich. So erzählt man sich in diesem Land, aus dessen Erde es blubbert und dampft, in diesem Land, das die Mutter der Berge verehrt, in diesem Land, das nicht anders entstanden sein kann als durch Erzählen. Berg und Fjord und Trollfrau wurden erzählt und mit dem Erzählen wurden sie sichtbar.

Postkarte aus WOLFENBÜTTEL

DSCF6353Wer Korn in die Schünemannsche Mühle trägt, wird es wieder nach Hause tragen müssen. Zwar rauscht das Wehr wie eh und je, aber in der Mühle malten wir uns was aus: einen Schriftstellerkongress und einen 50. Geburtstag mit Ehrengästen und eine neue Zukunftserzählung und eine Mandatsprüfungskommission und die Welt der Selfpublisher und die Zukunft der Arbeit und, und, und. Und eine las ein Stück aus einem Krimi vor, darin war einer Schuld an allem Übel. Jedenfalls glaubten das die Leute.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bushaltestelle

Trüb der Himmel. Sprühregen und Nebel. Ich ziehe die Schultern hoch und den Schal bis über die Nase. Der Bus kommt. Hat nur noch fünfzig Meter bis zur Haltestelle so wie auch ich. Aber er fährt und kommt näher. Ich warte an der roten Ampel. Autos rauschen vorbei, viel zu viele, viel zu schnell.
Der Bus hat die Haltestelle beinahe erreicht. Ich sehe den Blinker, trete auf der Stelle. Die Ampel springt um.
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Postkarte aus GÖRLITZ

Görlitz hat zwei Seiten: eine deutsche und eine polnische. Nachts hat es zwei andere Seiten: eine helle und eine dunkle.  Mehr muss man eigentlich nicht wissen über Görlitz.

Tags standen wir im Flüsterbogen. Der hat auch zwei Seiten. Ganz leise kann man einander etwas zuflüstern, auf deutsch oder polnisch, mit heller Stimme oder mit dunkler.

Abends, als es dunkelte, saßen wir vorm „Dreibeinigen Hund“ und aßen Ziegenrollbraten. Da schlichen die Katzen an uns vorbei. Sie waren noch nicht grau.

Postkarte aus BUCKOW

Zwischen Brecht und Kisch auf dem Schermützelsee. Das da hinten ist die „Weiße Taube“. Da schrieb und flirtete Kisch vor 90 Jahren ein paar Wochen lang. Brecht kam später mit Helli und drei, vier oder fünf anderen Frauen nach Buckow, 1952. Du müsstest dich umdrehen, um das Haus, die Eiserne Villa, zu sehen.  Aber diese digitale dritte Dimension hat meine Postkarte nicht. Der Blick kann nicht abschweifen, herumschweifen, es gibt keinen Kameraschwenk um 180°.  Postkarte bleibt Postkarte mit blauem Himmel, See und Wölkchen.