Schlagwort-Archive: Winter

Postkarte aus ASCHAFFENBURG

Auch wenn es in Aschaffenburg ums Ende der Privatheit ging, hatte ich ein Zimmer für mich allein mit Blick auf den Hotelparkplatz. Privatsphäre. Nur die Stimmen derer, die nachts über den Hof gingen, drangen ein in meine Privatsphäre. Und mein Handy hing im Netz; es zappelte und ließ mich manches wissen über die Privatsphären der anderen. An irgend einen Knoten im Netz schickte es meine Koordinaten. Mein verräterisches Handy kommunizierte von Aschaffenburg aus mit der halben Welt – weil ich es ihm erlaubte.

Aber etwas, was ich in Aschaffenburg tat, weiß mein Handy nicht, obwohl es dabei war. Ich schreibe es jetzt auf diese Postkarte und schicke es in die Welt hinaus: Ich kaufte auf dem Markt vier Äpfel und einen halben Liter griechisches Olivenöl und meine Augen sahen sich satt an den Farben von Karotten, Paprika, Gurken, Primeln und Tulpen.

Postkarte aus JOACHIMSTHAL

Ich schreibe aus dem Lyrikhaus. Es steht in der Schorfheide. Ihr werdet es finden, ganz gewiss. Ich habe es an einem Wintertag im Januar gefunden, habe mich hier mit einem Lyriker aus Lübeck getroffen. Der Hausherr hatte für uns die Büchertische beiseite geräumt, seine Frau hatte Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und er hatte den Ofen geheizt, einen Lehmoffen. Wir durften auf der Ofenbank sitzen und uns den Hintern wärmen, während wir den Gästen unsere Gedichte vorlasen. Idylle? Ja. Idylle mit Tränen, die einer Frau über die Wangen rannen beim Gedicht über die Zeit von Neunzehnhundertdreiunddreißig bis Neunzehnhundertfünfundvierzig.

Postkarte aus SYRAKUS

Blauer Himmel, Sonne, Ortigia, Steinbrüche, das griechische Theater, essen im Il Blu, der Markt, das Meer und viel Espresso, das ist Syrakus. Syrakus am Mittelmeer, unweit von Lampedusa. Ich las Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus. „Sobald Gerechtigkeit sein wird, wird Friede sein und Glück: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit, Großmut, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, bloß weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben.“ Das schrieb er 1802.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Ist das eigentlich ein Vorbote des Alters, dass ich mich neuerdings immer mal wieder bei sentimentaler Rückschau ertappe und Sehnsucht verspüre nach den kleinen Dingen, die irgendwann einmal passiert sind, im richtigen Leben und nicht virtuell? Gestern erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind gemeinsam mit meiner besten Freundin einen am Rand des Gehwegs aufgetürmten Berg aus verharschtem Schnee und zusammengekehrtem Granulat zerhackte, mit voller Wucht und mit viel Lachen, immer hinein mit der Stiefelspitze, bis die Kristalle spritzten und das Ungetüm kleiner wurde, bis es verschwand. Das war keine Achtsamkeitsübung und war es doch, weil wir in unserem Tun völlig aufgingen und in diesem Moment nichts anderes existierte.

verschneite-birke

Ich kann diesen Augenblick abrufen wie einen Film, nicht einmal unscharf sind die Bilder, vielleicht hat etwas in mir sie im Laufe der Jahre aufgearbeitet, digital und emotional, vielleicht war es gar nicht so schön, wie es mir inzwischen erscheint, vielleicht fror ich und war wütend und wollte deshalb gegen irgendetwas treten. Davon weiß ich heute nichts mehr, aber ich frage mich, ob es überhaupt Schnee geben wird im kommenden Winter trotz des Klimawandels, ob ich mir die Zeit nehmen werde, das Haus zu verlassen, wenn er fällt, um durch die Straßen zu schlendern, ob ich dann nichts wissen will von Nässe und von Rutschgefahr, ob ich Anlauf nehmen und über eine Eisbahn schlittern werde ohne Furcht vor dem Fallen, während um mich her die Flocken niedersegeln und die Welt in Stille versinkt.

Es ist ein wehmütiges Fragen und ein Mäkeln an der Gegenwart, aber zu viele schon sind rückwärtsgewandt auf dieser Seite des Teiches und auf der anderen, erliegen dem mächtigen irrationalen Eindruck, dass alles einmal besser war. Ich spüre die Gefahr und richte den Blick nach vorn und fort vom Schnee von gestern, der nächste Winter kann kommen.
Wenn er nur keine Eiszeit bringt.

Postkarte aus HAMELN

Ich habe in Hameln geblättert wie in einem Poesiealbum. An den Häusern stehen Sprüche, für die Ewigkeit eingemeißelt in die Holzbalken. „Ungerechtigkeit verwüstet alle Lande und böses Leben stürzt die Stütze der Gewaltigen“ las ich. „Kleinigkeiten sind die Baustelle zur Vollendung aber die Vollendung ist keine Kleinigkeit“, „Neid sieht nur das Blumenbeet, aber nicht den Spaten“, „DO TVNDE WI HIR VAN WATERS HAVEN  HIR IN GROTER FAR VOR SOLCKEM ALLEM QVADEM BEHOIDE VNS GODT DE HERE MIT SINER GOTTLIKEN GNADE“ Auch das unvermeidliche „Wir waren hier“ habe ich gesehen, „Himmel und Hölle“ und „geiler Popo“.

Ich kenne einen, der schrieb in Hameln eine Geschichte über eine Frau und einen Mann. Eine der Weserbrücken kommt darin vor und die Kormorane. Ich werde davon erzählen, wenn wir uns wiedersehen.

Ach ja, der Rattenfänger – den sah ich auch und unzählige Ratten.

Postkarte aus BEZ GRANIC

BEZ GRANIC – ohne Grenze. Ein Fluss, ein Grenzfluss, er fließt zwischen zwei Ländern. In den beiden Ländern werden verschiedene Sprachen gesprochen. Eine Fähre – Prom trägt mich und mein kleines rotes Auto von einem Ufer zum anderen. Der Boden unter meinen Füßen und unter den Rädern meines Autos schwankt ein wenig. Ich habe weiche Knie auf BEZ GRANIC zwischen den Ufern, schaue nach Norden und schaue nach Süden: der Fluss fließt grenzenlos. Nur die Ufer im Osten und Westen grenzen ihn ein.
Dann legt die Fähre an. Ich muss einsteigen und weiterfahren. Es ist ganz angenehm, festen Boden unter den Füßen und Rädern zu haben.

Postkarte aus KASSEL

Nein, ich bin nicht zum Lachyoga in Kassel. Ich bin zum Schreiben hier. „Über Lachen zu schreiben macht gute Laune“, hat heute jemand geschrieben. Jetzt sitze ich am Friedrichsplatz, auf dem die Menschen sich bewegen wie auf einer großen Bühne, und lausche welche Arten von Lachen ich zu hören bekomme. Ansteckendes Lachen war noch nicht dabei. Aber Auslachen: als die laute junge Frau am Nebentisch beim Aufstehen einen Stuhl umstieß.

 

Postkarte aus POTSDAM

Hier lebte die Witwe Quandt und nach ihr lebte hier Prinz Oskar. Dann folgte ein Loch in der Geschichte ein zeitliches Loch von 1945 bis 1990. Im Keller ist etwas von diesem Loch zu sehen. Wie soll ich es Euch beschreiben?  Es ist etwa drei Meter tief und weiß gefliest. Es gehörte zu einer баня. Putin soll darin … na, das gehört vielleicht doch ins Reich der Legende.

Eine Etage höher saß heute, während ein Archivar uns durchs Haus führte, ein leibhaftiger Archivbenutzer. Wir konnten ihn bei der Arbeit beobachten.  Dann durften wir noch einen Blick durchs Sicherheitsglas werfen. Irgendwo dahinter soll Fontanes Dochtschere liegen.

Carmen Winter: Postkarte aus LISUM

Grüße aus Lisum. Hast du erst Elisium gelesen? Denkst du, das ist ein Tippfehler? Nein, das Spiel mit den Buchstaben spielt hier Marion. ich reise und schreibe virtuelle Postkarten. Heute aus dem LISUM, einer ehemaligen Landwirtschaftlichen Erziehungsanstalt. Heute hat der Denkmalschutz seine Hand auf das Gelände gelegt. Erzieher und Lehrer gehen hier immer noch ein und aus. Sie bilden sich, bilden sich weiter.

Mit den Wörtern könnte mal Eine spielen: Erziehen, lehren, bilden. Und dann auch: spielen, lernen. Auf einer Postkarte ist nicht genug Platz,  um sich Wortspielerisch auszzutoben. Außerdem habt ihr euch doch sowieso in der Geschichte des LISUM festgelesen, die sich hinterm Gelände verstecken, oder?