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Reiseandenken

Ricarda de Haas

Wer kennt noch dieses schöne Wort ‚Reiseandenken‘. Aus der Zeit, bevor man ‚Souvenir‘ sagte. Als Reisen etwas Besonderes war. Sommerurlaub. Klassenfahrt. Wintersport. Je einmal im Jahr. (Zu Freunden wurde nicht gereist, das galt als ‚Besuch‘). Etwas, an das man sich jedenfalls erinnern wollte, später. Im Alter? Oder wenn man wieder zu Hause saß? Fernweh bekam.

Das Reiseandenken erzählte davon, dass die Welt größer war. Selbst wenn die Reise manchmal nur in die nächste Stadt führte. Ein paar hundert Kilometer nach Norden, Süden oder Osten. (Westen war keine Reiserichtung. Im Westen lag Fantasia.) Bei manchen wohnten Reiseandenken hinter Glas. In der Guten Stube. In der Mitte der Schrankwand. Neben der Glaskugel, in der es schneite. Das Souvenir hat nie eine solche Magie besessen. Darin ähnelte es dem Mitbringsel: eine Kleinigkeit, die, sofern nicht essbar, bald verstaubte.

Jetzt könnte das Reiseandenken ein Revival erfahren. Statt an eine konkrete Reise zu erinnern, könnte es ein Gedenken ans Reisen sein. An eine Ära, in der Reisen alltäglich war. Damals, vor März 2020. Als Unterwegs sein eine Selbstverständlichkeit war, eine Art des In-Der-Welt-Seins. Mobilität eine Lebenshaltung. Ein Diktum individueller Freiheit.

Fragt sich nur, wie diese Art Reiseandenken beschaffen sein wird. Wie lässt sich die Abwesenheit von etwas darstellen? Die Lücke zwischen Hier und Dort.

Eine App, die Selfies vor den schönsten Hintergründen der Welt im Loop projiziert? Die Stimme in der S-Bahn, die unverändert ansagt, dass Reisende Richtung Flughafen Tegel in Jungfernheide umsteigen sollen? Ein virtueller Ticketgenerator, der Reise-Gutscheine für eine nicht näher bezeichnete Zukunft ausspuckt? Ein Gedenktag, an dem die einen lauthals trauern, während andere sich leise schämen?

Sicher ist nur, dass es eins nicht sein wird: Eine Kugel, in der Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe durcheinander wirbeln, wenn man sie schüttelt.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Vielleicht werden eines Tages Roboter(Innen???) das Problem mit den Fusseln lösen, sie mit geschickten stählernen Fingern vom Mantel sammeln oder uns schon vor dem Kauf beraten, in Quantencomputergeschwindigkeit den Fusselindex aus Materialbeschaffenheit und -dichte errechnen.

Warum sagen Wissenschaftler(Innen, ja!!!) eigentlich immer, dass sie Gott spielen, wenn sie an den Humanoiden herumbasteln? In der Regel halten sie doch jeden irgendwie religiös gefärbten Glauben für unvereinbar mit ihrem Selbstverständnis, während sie in der Forschung wetteifern, wer den besten stets verfügbaren Pflegehelfer, die aalglatteste Servicekraft oder die martialischste von Ferne zu steuernde Waffe entwickelt. Das alles klingt gruselig, und doch beflügeln die Neuheiten aus den Laboren meine Fantasie. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen