seitensprünge

Neujahrsempfang

Die Zeit der Neujahrsempfänge neigt sich schon dem Ende zu. Es soll Menschen geben, die in dieser Zeit von einem Empfang zum nächsten springen. Bekanntlich benötigt man für derartige Anlässe eine Einladung. Leider habe ich keine bekommen – hat vielleicht die Post gestreikt?
Wie dem auch sei, ich mache das Beste daraus und gebe selbst einen Neujahrsempfang. Allerdings ist meine Wohnung etwas zu klein, nicht einmal ein Stehbankett in großem Stil wäre möglich. Dazu stehen schon zu viele herum, stehen in Schränken, Regalen, auf dem Schreibtisch, unter der Treppe … Überall diese Bücher.

Also gut, ich gebe einen Neujahrsempfang für Bücher.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren stockte die Zeit zwischen gestern und morgen wie eine Single auf dreiunddreißig und füllte den Spalt mit Traurigkeit. Nur wer die Zähflüssigkeit der Trauer spürte, war hellsichtig genug, konnte die feinen Fäden erkennen, gesponnen von der Zeit zwischen den Jahren wie zwischen den Lebenden und ihren Toten.

Und am letzten Tag zwischen den Jahren teilten wir einen Baum als unseren Standort auf WhatsApp, bis wir viele waren mit von Trauer geschärftem Blick. Wir schalteten auf Flugmodus, fassten uns wortlos an den Händen und erhoben uns in die Dunkelheit der Luft mit noch leuchtenden Displays in unseren Hosentaschen. Unsere Schuhbänder verhedderten sich in den Ästen des Baumes und wir strampelten uns frei, ließen die Schuhe zurück. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Dunkel um vier. Graupelschauer. Kein Blatt am Baum. Der Wind dreht auf Nord. Bloß schnell Frostschutz für das Wagenwischwasser holen, sozusagen für das www.

Ob der Drogeriemarkt so etwas führt? Groß genug wäre die Filiale ja, zwei Etagen neuerdings. Unten Eau de Toilette und Bio-Nudeln. Ich könnte hochfahren. Hochfahren fürs www. Andererseits: Erst die Rolltreppe und dann alle Gänge absuchen für nichts?
Da hinten steht jemand im Kittel. Ich warte, während die Verkäuferin einen Rentner in Gesundheitsfragen berät. Schauen Sie mal hier: Selen plus Jod. Der Alte zieht zum Glück die Nase kraus.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

StressTEXT

Vielleicht am besten irgendwie eine art instanttext, also in gewisser weise wahrscheinlich so etwas wie eine buchstabensuppe, in diesem zusammenhang natürlich mit wirklich heißer luft zubereitet. Hauptsache einfach mal schnell, nicht wahr, en blog sozusagen, regelrecht direktemang und ganz zweifellos mit sicherlich viel nährstoffarmem füllmaterial, zugegeben.
Das alles dann relativ stressfrei geschrieben und wenn auch praktisch nicht wirklich nachhaltig, so doch im prinzip mit umschweife, also vergleichsweise wohl doch einigermaßen aufwendig letzten endes.

Postkarte vom OHRFELDHAFF

 

Ohrfeldhaff, Niesgrau – das sind Orte, die mich allein wegen ihrer Namen neugierig machen. Ich sehe ein Feld, auf dem Ohren wachsen. Ich lausche.  Ich höre graue Wolken niesen. Ich sehe das Meer. Ich sehe eine Stadt, einen Hafen. Der Himmel ist grau. Der Regen jagt mich nach drinnen, in eine Aalräucherei. An der Tür Poesie: Sage Kapseln nie Adieu ohne einen Aal von Föh.

PS: Als Souvenir  bringe ich außer dem Aal eine graue Regenjacke mit.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

schwanensee

 

NOCTURNE (als mitternächtliche schwanzette getarnt)

 

gehe nachts die straße entlang, als es mir zu schwanen beginnt

so geht das nicht weiter, vögel, immer nur

SCHÖN AUSSEHEN SCHÖNER WOHNEN wollen

(shine shine shine my pretty oberflächendesign)

oder LUDWIG-DONALD heißen und

mauern-bauen-wie-es-mir-gefällt-mache-mir-die-welt- u.s.w.

reit’-auf-ihr-herum-didum als top of the pops:

NEUSCHWANSTEIN!

von meiner eigenen trübsinnigkeit angeödet muss ich gähnen

und dann noch all die vielen wir die vielen NO NAMES dazwischen

//blätter / unbeschriebene / revolutionäre massen / herbstschlapp /

ohne revolte in den adern / wo wehre zu verstopfen wären /

/ kein unbegrenzter fluss des kapitals mehr: ÄTSCH//

treiben lassen sie sich wir uns so dahin so romantisch so seinsvergessen

ins unbestimmte welches sie wir zu faul sind zu bestimmen

das macht dann eben LUDWIG – und sie wir machen leise shine shine shine

 

eine gähnende oma stellt sich neben mich, steckt mich an

gemeinsam gähnend beobachten wir die schwäne

trost stellt sich unerwartet ein

(NO FUTURE hatte ich als slogan meiner jugend sowieso ad acta gelegt

und sauber eingemottet)

ich starre auf die schwäne auf meinem handydisplay und finde sie trotzig: schön

da ploppt eine nachricht auf von meiner dichterfreundin aus liverpool

mal wieder mit gut gemeinten ratschlägen, oh my dear:

 

no no no

no go no go

better swim better swim

best in future be born

as a fish knowing everything

or as a pretty swan

by the way:
There is no future in England’s dreaming!  (Sex Pistols, God save the Queen, 1977)

Augen Blicke

Ricarda de Haas


Immer Wenn Ich So

In Die Welt


Geworfen Bin


Sehe Ich Anders.


Klarer.


Ausschnitte Nur.



I

Gedränge Am Hauptbahnhof.
Ein Mann Bückt Sich Über Den Abfall.
Sucht Nach Flaschen.
An Seinem Handgelenk Baumelt Leer Eine Tasche
Vom Drogeriemarkt.
Darauf Dicke Buchstaben: Home Sweet Home.

II
Der Flug Nach Wien Nicht Ausgebucht. Sie Stopfen Uns In Eine Kleinere Maschine. Mit Propellern. Eine Frau Fragt, Wann Das Ding Gebaut Wurde. Niemand Will Die Antwort Wissen. Wir Stöpseln Uns Musik In Die Ohren Und Hoffen Das Beste. Die Zur Arbeit Müssen Öffnen Laptops Auf Knien, Die An Den Vordersitz Stoßen. Vermutlich Hätte Die Fluggesellschaft Uns Menschen Gern Eckig. Dann Könnten Sie Uns Stapeln, Wie Tetrapacks.

III
Addis Abeba, Nachts, Von Oben.
Kleine Bunte Lichter Blinken Im Schwarz.
Sie Sind Rot, Blau, Grün,
Doch Meistens Gelb.
Punkte Nur.
Hingeworfen.
Ohne Struktur.
So Sahen Städte Im Dunkeln Aus, Als Ich Kind War.
Je Nördlicher Wir Fliegen Desto Heller Wird
Die Nacht Am Boden.
Lichterketten, Streifen, Autobahnkreuze.
Muster.
Städte Wie Landkarten,
Aus Licht Gezeichnet.

IV

In Frankfurt Wird Unsere Gruppe Geteilt. Hier Die EU-Pässe, Da Alle Anderen. Die Schlange Der Anderen Ist Lang.
Wir Gelten Als Maschinenlesbar. Passieren Mitten Im Flughafen Die Grenze
Zwischen Der Welt Und Schengen, Per Automatischer Schranke.
Mein Automat Kann Mich Nicht Lesen. Muss Ich Jetzt Zu Den Anderen?
Natürlich Nicht. Eine Menschliche Assistentin Hilft. Mir…
 


Mobility Als Paradigma Unserer Zeit.

Ich Denke Darüber Nach, Wer Eigentlich Mobil Ist.

Sein Kann. Darf. Muss. Wohin. Und Wann.

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gibt es sie noch?

… die unhöfliche Verkäuferin aus der Mangelwarenzeit.

… mit ihren Worten: Ham wa nich!

Dabei wusste jeder, ham se doch!

Nur unter dem Ladentisch.

Nur nicht für mich.

Die nichts zum Tauschen vorweisen konnte.

Kein Buch gegen Blumen. Kein Fleisch gegen Duschbad. Kein Obst gegen Briefpapier.

19.2.1981 – „Gleich zum Anfang erstmal eine Entschuldigung wegen des karierten Papiers, es gibt nirgendswo in der Stadt Briefpapier …“

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seitensprünge

Zeitensprünge

P.S. 
Ihr könnt diesen Blogbeitrag auch gerne von unten nach oben lesen.
Ob ich das mit dem Buch auch einmal versuchen sollte?
Oh, es ist ja gar nicht mehr da. Vielleicht sollte ich nochmal in die Buchhandlung gehen?

19. – 29. Oktober 2018
Endlich am Ort des Geschehens: La Laguna / Santa Cruz / San Andres.
Wir verbringen den zweiten Teil unseres Urlaubs wieder am östlichen Stadtrand von Santa Cruz, inmitten der einfachen kanarischen Häuser, die ihre unterschiedlichen Farben an die Füße der braun-grünen Kegel des Anaga-Gebirges tupfen, gleich neben dem Teresitas Strand. Um uns herum wird spanisch gesprochen und geschrieben, kaum englische, nur wenige deutsche Worte.
Lesen am Strand, jetzt sind wir schon im Jahr 1981 angelangt. Je weiter es in der Geschichte der Insel zurückgeht, desto interessanter wird das Buch. Die letzten Seiten sind schnell erreicht. Das Gefühl von Löchrigkeit hat sich gelegt.

Ich sehe die Menschen um uns herum jetzt mit anderen Augen, besonders die Alten vor ihren Häusern,  die sich laut rufend unterhalten.
Ich gebe das Buch weiter, lasse es auf der Insel.

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