Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gibt es sie noch?

… die unhöfliche Verkäuferin aus der Mangelwarenzeit.

… mit ihren Worten: Ham wa nich!

Dabei wusste jeder, ham se doch!

Nur unter dem Ladentisch.

Nur nicht für mich.

Die nichts zum Tauschen vorweisen konnte.

Kein Buch gegen Blumen. Kein Fleisch gegen Duschbad. Kein Obst gegen Briefpapier.

19.2.1981 – „Gleich zum Anfang erstmal eine Entschuldigung wegen des karierten Papiers, es gibt nirgendswo in der Stadt Briefpapier …“

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seitensprünge

Zeitensprünge

P.S. 
Ihr könnt diesen Blogbeitrag auch gerne von unten nach oben lesen.
Ob ich das mit dem Buch auch einmal versuchen sollte?
Oh, es ist ja gar nicht mehr da. Vielleicht sollte ich nochmal in die Buchhandlung gehen?

19. – 29. Oktober 2018
Endlich am Ort des Geschehens: La Laguna / Santa Cruz / San Andres.
Wir verbringen den zweiten Teil unseres Urlaubs wieder am östlichen Stadtrand von Santa Cruz, inmitten der einfachen kanarischen Häuser, die ihre unterschiedlichen Farben an die Füße der braun-grünen Kegel des Anaga-Gebirges tupfen, gleich neben dem Teresitas Strand. Um uns herum wird spanisch gesprochen und geschrieben, kaum englische, nur wenige deutsche Worte.
Lesen am Strand, jetzt sind wir schon im Jahr 1981 angelangt. Je weiter es in der Geschichte der Insel zurückgeht, desto interessanter wird das Buch. Die letzten Seiten sind schnell erreicht. Das Gefühl von Löchrigkeit hat sich gelegt.

Ich sehe die Menschen um uns herum jetzt mit anderen Augen, besonders die Alten vor ihren Häusern,  die sich laut rufend unterhalten.
Ich gebe das Buch weiter, lasse es auf der Insel.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Where have you been, when the wall came down?

Die Frage schickte mich von Porto zurück nach Berlin. Ich war schon zweimal gereist in der Zeit, vom Sommer in den Winter und von Frankfurt nach Porto. Zeitreisen war leicht und ich lehnte mich einfach noch weiter zurück.

Als die Mauer fiel in Berlin, sang ich Mozart aus dem Fenster der Musikschule hinaus, hinein in den sandigen Todesstreifen zwischen den Hälften der Stadt.

Bei Mähännern, wehelche Liehiebe fühlen, fehlt auhauch ein guhutes Herherze nicht.

Grüne Uniformen gingen dort mit Hunden auf Patrouille, mit Jeeps und Maschinengewehren. Mein Mozart beeindruckte sie nicht.

 

Als die Mauer gefallen war, ging ich durch einen der schmalen Grenzübergänge die Straße zu Ende und in den Osten der Stadt. Mein Bruder, ein Mauerspecht, legte mir triumphierend bunte Mauerstücke auf die Hand, so als sei er es gewesen,  der die Durchgänge schuf. Wir kletterten mit den anderen auf die Mauer hinauf und schauten hinüber zum Mozartfenster. Obwohl es geschlossen war, hörte ich Gesang. Die Trabis fuhren zwar wieder auf der anderen, aber doch auf der falschen Seite. Es war durcheinander geraten, und das stimmte mich froh. Die Uniformen waren fort oder standen ratlos am Rand.

Einmal in der Zeit ins Rutschen geraten, glitt ich weiter hinab. Ich bettete mich im Hotel auf die Kissen, sank langsam hindurch auf die Rückseite des Schlafs, sah meinen Hinterkopf von unten.

Ich saß auf der Rückbank, mein Vater am Steuer, meine Mutter, die Hüterin des Proviants, auf dem Beifahrersitz. Neben mir auf der Rückbank, meine Schwester, mein Bruder. Wir hatten den Vater noch niemals Angst haben sehen. Die Uniformen kamen und schoben einen Spiegel unter das Urlaubsauto, wie der Zahnarzt in meinen Mund, nur größer und auf Rollen. Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Haben Sie Funk im Auto?

Haben Sie Liebe im Herzen?

Wir schüttelten beide den Kopf. Ich schob ihm den kleinen Spiegel vom Zahnarzt unter das lindgrüne Hemd und sah, dass es stimmte. Er trug ein gepelltes, hartes Herz in der Brust. In seinem Brusthaar schaukelten Reste von Eierschalen.

Als ich erwachte, war ich ängstlich wie damals und suchte im Adressbuch den Namen meiner Schwester.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Vor der Tür stehen, das heißt ja: Nicht mehr lange,
bis es kommt, gleich, gleich.
Ein Countdown der besonderen Art ist der Kalender mit den 24 Türchen. Nur ein bisschen Schokolade, ein buntes Bild, die Kinder freuen sich.

Kinder? Wie jetzt, Kinder? Und die Erwachsenen?
Die brauchen das doch auch, noch viel dringender sogar, sich überraschen lassen, wo gibt es das denn noch in Zeiten des Word Wide Web, wo wir schon vorher wissen, wie das Klo aussehen wird, in das wir im Urlaub pinkeln werden, welche Ecke am Strand zu meiden ist, weil das angeschwemmte Plastik den Meerblick trübt. Türchen also, wunderbar, und wo die Kleinen klein, sind die Großen groß, größer, gigantisch. Schokolade war einmal. Und Türchen auch. Jetzt sind es Säcke, Pakete, Ungetüme im Schrankformat. Der Adventskalender wird zum Statussymbol. In 24 Raten abstottern, was schiefgegangen ist übers Jahr, damit Frieden herrscht zum Fest. Die Premiumausgabe ist schon für knapp 230 Talerchen zu haben, Peanuts das alles, Zinsen gibt’s ja nicht, bloß weg mit dem Geld. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Fahnengewäsch

Neulich gab es bei den Vereinten Nationen jede Menge Gewäsch, nachdem mal wieder Blut vergossen worden war und dann auch noch ein paar unappetitliche alte Herren in die Fahnen gerotzt hatten. Es handelt sich hier wohlgemerkt nicht um die Fahnen aus der Jägersprache, also nicht um die Schwanzbehaarung von Hunden, Eichhörnchen oder sonstigem Getier, sondern um die müde vor sich hin flatternden, immer noch leicht fleckigen, bunten Stoffbahnen, mit denen bei Staatsakten jede mögliche Blöße bedeckt wird.
Nach all dem Gewäsch hängte man die feuchten Fahnen nach dem Wind, damit sie trocknen. Während sie da hingen, kam unerfreulicherweise der dauerhaft von Dünnschiss geplagte Wolpertinger Donald auf seiner aufblasbaren Fahnenstange geflogen (hier berufe ich mich nun doch auf das Jägerlatein). Und die Moral von der Geschicht: Nationalfahnen ohne Blut-, Scheiße- und Rotzflecken gibt es nicht.

Postkarte aus FRANKFURT (ODER)

Vor 30 Jahren bin ich hier her gezogen. Damals war Frankfurt noch Bezirksstadt. Die erste Wohnung hatte Ofenheizung und einen Nachbarn, der den Schlüssel nahm und heizte, wenn wir im Winter mal eine Woche weg waren.
Ich erinnere mich, das ich immer müde war. Auch im Büro musste morgens ein Ofen geheizt werden. Es war das Büro des Bezirksliteraturzentrums. Der Platz auf einer Postkarte reicht nicht aus, um zu erklären, was das für eine Einrichtung war.
1988 habe ich natürlich nicht gedacht, dass ich 2018 immer noch in Frankfurt (Oder) leben würde.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 himmelfahrt

stunde hat zugeschlagen

zeit ist vorbei (zeit war gekommen?)

noch wen verloren ans (so war es doch, wacklig?)

gefüge aus tag und nacht und morgenmilch (und bier mit wodka, manchmal)

an eine endlosschleife (hier bild: ameise auf möbiusband)

 

// zugfahren hilft aus schiefen lagen (nach mitternacht)

ein rosafarbenes mädchen starrt ins dunkle hinaus

(große pupillen space taxi fallhöhe überbrückt)

der schaffner lacht über die fahrkarte von berlin nach berlin

(allein) das mädchen fährt modelleisenbahn

die plastikmännchen stehen am gleis und winken ihm treuherzig zu

trotz isolierglas, doppelwandig (keine fenstergriffe):

das ticken der mondgroßen bahnhofsuhr //

 

post scriptum (hier lied:)

https://www.youtube.com/watch?v=fOuPwPkRtk4

Nairobi, am Abend

Ricarda de Haas

Eine Straße im Zentrum, kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Autos, Musik, Leuchtreklame. Offene Ladentüren. Zigaretten, T-Shirts, Haare & Nägel. Auf dem Gehweg plaudernde Männer, fliegende Händlerinnen, Straßenkinder.

Im zweiten Stock ein Restaurant. Gesprächswolken dick wie Zigarettenqualm. Sieben Sorten Fleisch, neben 🐄 und 🐓 auch 🐐  und 🐫. Kein Alkohol. Dafür frischer Juice aus praktisch allem. Mango, Passionsfrucht, Ananas, Avocado.  Oder Dawa, Medizin. Ein heißer Trank aus Ingwer, Knoblauch und Zitrone.

An der Wand sind Waschbecken für die Gäste. Und ein grün leuchtender Kasten. Ein Automat?

Schließfächer. In jedem Fach ein USB. Während die Gäste speisen, träumen ihre Handies. Es ist der große Traum von einem grün schimmernden Leben nach dem Akku-Tod.

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Klein(ich)keiten: Marion Boginski

Empörung

Derdadieda … glasfaserschnell

Derdadieda … unsichtbar versteckt

Derdadieda … hinter Digitalgespenstern …

Derdadieda … Twittergezwitscher …

Derdadieda … eher krähenähnlich als finkengleich

Derdadieda … Glutnestershitstorm

Derdadieda … Hassschaum wie Grimm’scher „Süßer Brei“

Derdadieda … likejubilate

Derdadieda … Hashtagsaufschrei

Derdadieda … Empörung gegen die Empörung … wer schafft es lauter zu sein?

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