Postkarte vom OHRFELDHAFF

 

Ohrfeldhaff, Niesgrau – das sind Orte, die mich allein wegen ihrer Namen neugierig machen. Ich sehe ein Feld, auf dem Ohren wachsen. Ich lausche.  Ich höre graue Wolken niesen. Ich sehe das Meer. Ich sehe eine Stadt, einen Hafen. Der Himmel ist grau. Der Regen jagt mich nach drinnen, in eine Aalräucherei. An der Tür Poesie: Sage Kapseln nie Adieu ohne einen Aal von Föh.

PS: Als Souvenir  bringe ich außer dem Aal eine graue Regenjacke mit.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

schwanensee

 

NOCTURNE (als mitternächtliche schwanzette getarnt)

 

gehe nachts die straße entlang, als es mir zu schwanen beginnt

so geht das nicht weiter, vögel, immer nur

SCHÖN AUSSEHEN SCHÖNER WOHNEN wollen

(shine shine shine my pretty oberflächendesign)

oder LUDWIG-DONALD heißen und

mauern-bauen-wie-es-mir-gefällt-mache-mir-die-welt- u.s.w.

reit’-auf-ihr-herum-didum als top of the pops:

NEUSCHWANSTEIN!

von meiner eigenen trübsinnigkeit angeödet muss ich gähnen

und dann noch all die vielen wir die vielen NO NAMES dazwischen

//blätter / unbeschriebene / revolutionäre massen / herbstschlapp /

ohne revolte in den adern / wo wehre zu verstopfen wären /

/ kein unbegrenzter fluss des kapitals mehr: ÄTSCH//

treiben lassen sie sich wir uns so dahin so romantisch so seinsvergessen

ins unbestimmte welches sie wir zu faul sind zu bestimmen

das macht dann eben LUDWIG – und sie wir machen leise shine shine shine

 

eine gähnende oma stellt sich neben mich, steckt mich an

gemeinsam gähnend beobachten wir die schwäne

trost stellt sich unerwartet ein

(NO FUTURE hatte ich als slogan meiner jugend sowieso ad acta gelegt

und sauber eingemottet)

ich starre auf die schwäne auf meinem handydisplay und finde sie trotzig: schön

da ploppt eine nachricht auf von meiner dichterfreundin aus liverpool

mal wieder mit gut gemeinten ratschlägen, oh my dear:

 

no no no

no go no go

better swim better swim

best in future be born

as a fish knowing everything

or as a pretty swan

by the way:
There is no future in England’s dreaming!  (Sex Pistols, God save the Queen, 1977)

Augen Blicke

Ricarda de Haas


Immer Wenn Ich So

In Die Welt


Geworfen Bin


Sehe Ich Anders.


Klarer.


Ausschnitte Nur.



I

Gedränge Am Hauptbahnhof.
Ein Mann Bückt Sich Über Den Abfall.
Sucht Nach Flaschen.
An Seinem Handgelenk Baumelt Leer Eine Tasche
Vom Drogeriemarkt.
Darauf Dicke Buchstaben: Home Sweet Home.

II
Der Flug Nach Wien Nicht Ausgebucht. Sie Stopfen Uns In Eine Kleinere Maschine. Mit Propellern. Eine Frau Fragt, Wann Das Ding Gebaut Wurde. Niemand Will Die Antwort Wissen. Wir Stöpseln Uns Musik In Die Ohren Und Hoffen Das Beste. Die Zur Arbeit Müssen Öffnen Laptops Auf Knien, Die An Den Vordersitz Stoßen. Vermutlich Hätte Die Fluggesellschaft Uns Menschen Gern Eckig. Dann Könnten Sie Uns Stapeln, Wie Tetrapacks.

III
Addis Abeba, Nachts, Von Oben.
Kleine Bunte Lichter Blinken Im Schwarz.
Sie Sind Rot, Blau, Grün,
Doch Meistens Gelb.
Punkte Nur.
Hingeworfen.
Ohne Struktur.
So Sahen Städte Im Dunkeln Aus, Als Ich Kind War.
Je Nördlicher Wir Fliegen Desto Heller Wird
Die Nacht Am Boden.
Lichterketten, Streifen, Autobahnkreuze.
Muster.
Städte Wie Landkarten,
Aus Licht Gezeichnet.

IV

In Frankfurt Wird Unsere Gruppe Geteilt. Hier Die EU-Pässe, Da Alle Anderen. Die Schlange Der Anderen Ist Lang.
Wir Gelten Als Maschinenlesbar. Passieren Mitten Im Flughafen Die Grenze
Zwischen Der Welt Und Schengen, Per Automatischer Schranke.
Mein Automat Kann Mich Nicht Lesen. Muss Ich Jetzt Zu Den Anderen?
Natürlich Nicht. Eine Menschliche Assistentin Hilft. Mir…
 


Mobility Als Paradigma Unserer Zeit.

Ich Denke Darüber Nach, Wer Eigentlich Mobil Ist.

Sein Kann. Darf. Muss. Wohin. Und Wann.

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gibt es sie noch?

… die unhöfliche Verkäuferin aus der Mangelwarenzeit.

… mit ihren Worten: Ham wa nich!

Dabei wusste jeder, ham se doch!

Nur unter dem Ladentisch.

Nur nicht für mich.

Die nichts zum Tauschen vorweisen konnte.

Kein Buch gegen Blumen. Kein Fleisch gegen Duschbad. Kein Obst gegen Briefpapier.

19.2.1981 – „Gleich zum Anfang erstmal eine Entschuldigung wegen des karierten Papiers, es gibt nirgendswo in der Stadt Briefpapier …“

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seitensprünge

Zeitensprünge

P.S. 
Ihr könnt diesen Blogbeitrag auch gerne von unten nach oben lesen.
Ob ich das mit dem Buch auch einmal versuchen sollte?
Oh, es ist ja gar nicht mehr da. Vielleicht sollte ich nochmal in die Buchhandlung gehen?

19. – 29. Oktober 2018
Endlich am Ort des Geschehens: La Laguna / Santa Cruz / San Andres.
Wir verbringen den zweiten Teil unseres Urlaubs wieder am östlichen Stadtrand von Santa Cruz, inmitten der einfachen kanarischen Häuser, die ihre unterschiedlichen Farben an die Füße der braun-grünen Kegel des Anaga-Gebirges tupfen, gleich neben dem Teresitas Strand. Um uns herum wird spanisch gesprochen und geschrieben, kaum englische, nur wenige deutsche Worte.
Lesen am Strand, jetzt sind wir schon im Jahr 1981 angelangt. Je weiter es in der Geschichte der Insel zurückgeht, desto interessanter wird das Buch. Die letzten Seiten sind schnell erreicht. Das Gefühl von Löchrigkeit hat sich gelegt.

Ich sehe die Menschen um uns herum jetzt mit anderen Augen, besonders die Alten vor ihren Häusern,  die sich laut rufend unterhalten.
Ich gebe das Buch weiter, lasse es auf der Insel.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Where have you been, when the wall came down?

Die Frage schickte mich von Porto zurück nach Berlin. Ich war schon zweimal gereist in der Zeit, vom Sommer in den Winter und von Frankfurt nach Porto. Zeitreisen war leicht und ich lehnte mich einfach noch weiter zurück.

Als die Mauer fiel in Berlin, sang ich Mozart aus dem Fenster der Musikschule hinaus, hinein in den sandigen Todesstreifen zwischen den Hälften der Stadt.

Bei Mähännern, wehelche Liehiebe fühlen, fehlt auhauch ein guhutes Herherze nicht.

Grüne Uniformen gingen dort mit Hunden auf Patrouille, mit Jeeps und Maschinengewehren. Mein Mozart beeindruckte sie nicht.

 

Als die Mauer gefallen war, ging ich durch einen der schmalen Grenzübergänge die Straße zu Ende und in den Osten der Stadt. Mein Bruder, ein Mauerspecht, legte mir triumphierend bunte Mauerstücke auf die Hand, so als sei er es gewesen,  der die Durchgänge schuf. Wir kletterten mit den anderen auf die Mauer hinauf und schauten hinüber zum Mozartfenster. Obwohl es geschlossen war, hörte ich Gesang. Die Trabis fuhren zwar wieder auf der anderen, aber doch auf der falschen Seite. Es war durcheinander geraten, und das stimmte mich froh. Die Uniformen waren fort oder standen ratlos am Rand.

Einmal in der Zeit ins Rutschen geraten, glitt ich weiter hinab. Ich bettete mich im Hotel auf die Kissen, sank langsam hindurch auf die Rückseite des Schlafs, sah meinen Hinterkopf von unten.

Ich saß auf der Rückbank, mein Vater am Steuer, meine Mutter, die Hüterin des Proviants, auf dem Beifahrersitz. Neben mir auf der Rückbank, meine Schwester, mein Bruder. Wir hatten den Vater noch niemals Angst haben sehen. Die Uniformen kamen und schoben einen Spiegel unter das Urlaubsauto, wie der Zahnarzt in meinen Mund, nur größer und auf Rollen. Ich pellte ein Ei und aß es gegen die Angst.

Haben Sie Funk im Auto?

Haben Sie Liebe im Herzen?

Wir schüttelten beide den Kopf. Ich schob ihm den kleinen Spiegel vom Zahnarzt unter das lindgrüne Hemd und sah, dass es stimmte. Er trug ein gepelltes, hartes Herz in der Brust. In seinem Brusthaar schaukelten Reste von Eierschalen.

Als ich erwachte, war ich ängstlich wie damals und suchte im Adressbuch den Namen meiner Schwester.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Vor der Tür stehen, das heißt ja: Nicht mehr lange,
bis es kommt, gleich, gleich.
Ein Countdown der besonderen Art ist der Kalender mit den 24 Türchen. Nur ein bisschen Schokolade, ein buntes Bild, die Kinder freuen sich.

Kinder? Wie jetzt, Kinder? Und die Erwachsenen?
Die brauchen das doch auch, noch viel dringender sogar, sich überraschen lassen, wo gibt es das denn noch in Zeiten des Word Wide Web, wo wir schon vorher wissen, wie das Klo aussehen wird, in das wir im Urlaub pinkeln werden, welche Ecke am Strand zu meiden ist, weil das angeschwemmte Plastik den Meerblick trübt. Türchen also, wunderbar, und wo die Kleinen klein, sind die Großen groß, größer, gigantisch. Schokolade war einmal. Und Türchen auch. Jetzt sind es Säcke, Pakete, Ungetüme im Schrankformat. Der Adventskalender wird zum Statussymbol. In 24 Raten abstottern, was schiefgegangen ist übers Jahr, damit Frieden herrscht zum Fest. Die Premiumausgabe ist schon für knapp 230 Talerchen zu haben, Peanuts das alles, Zinsen gibt’s ja nicht, bloß weg mit dem Geld. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Fahnengewäsch

Neulich gab es bei den Vereinten Nationen jede Menge Gewäsch, nachdem mal wieder Blut vergossen worden war und dann auch noch ein paar unappetitliche alte Herren in die Fahnen gerotzt hatten. Es handelt sich hier wohlgemerkt nicht um die Fahnen aus der Jägersprache, also nicht um die Schwanzbehaarung von Hunden, Eichhörnchen oder sonstigem Getier, sondern um die müde vor sich hin flatternden, immer noch leicht fleckigen, bunten Stoffbahnen, mit denen bei Staatsakten jede mögliche Blöße bedeckt wird.
Nach all dem Gewäsch hängte man die feuchten Fahnen nach dem Wind, damit sie trocknen. Während sie da hingen, kam unerfreulicherweise der dauerhaft von Dünnschiss geplagte Wolpertinger Donald auf seiner aufblasbaren Fahnenstange geflogen (hier berufe ich mich nun doch auf das Jägerlatein). Und die Moral von der Geschicht: Nationalfahnen ohne Blut-, Scheiße- und Rotzflecken gibt es nicht.

Postkarte aus FRANKFURT (ODER)

Vor 30 Jahren bin ich hier her gezogen. Damals war Frankfurt noch Bezirksstadt. Die erste Wohnung hatte Ofenheizung und einen Nachbarn, der den Schlüssel nahm und heizte, wenn wir im Winter mal eine Woche weg waren.
Ich erinnere mich, das ich immer müde war. Auch im Büro musste morgens ein Ofen geheizt werden. Es war das Büro des Bezirksliteraturzentrums. Der Platz auf einer Postkarte reicht nicht aus, um zu erklären, was das für eine Einrichtung war.
1988 habe ich natürlich nicht gedacht, dass ich 2018 immer noch in Frankfurt (Oder) leben würde.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 himmelfahrt

stunde hat zugeschlagen

zeit ist vorbei (zeit war gekommen?)

noch wen verloren ans (so war es doch, wacklig?)

gefüge aus tag und nacht und morgenmilch (und bier mit wodka, manchmal)

an eine endlosschleife (hier bild: ameise auf möbiusband)

 

// zugfahren hilft aus schiefen lagen (nach mitternacht)

ein rosafarbenes mädchen starrt ins dunkle hinaus

(große pupillen space taxi fallhöhe überbrückt)

der schaffner lacht über die fahrkarte von berlin nach berlin

(allein) das mädchen fährt modelleisenbahn

die plastikmännchen stehen am gleis und winken ihm treuherzig zu

trotz isolierglas, doppelwandig (keine fenstergriffe):

das ticken der mondgroßen bahnhofsuhr //

 

post scriptum (hier lied:)

https://www.youtube.com/watch?v=fOuPwPkRtk4