Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Irgendwo weit hinten in der Kommode stapeln sich die Erinnerungsschachteln, liegt ein altes Tagebuch, in Leder gebunden und versehen mit einem winzigen Schloss. Die Worte darin handgeschrieben und mit nichts verlinkt als mit dem tiefen Gefühl eines längst vergangenen Augenblicks. Das Private ein wohlgehütetes Gut, nur der besten Freundin erzählt von Angesicht zu Angesicht. Alles persönlich und wahr, sentimental oder kämpferisch oder voller Ironie, auf jeden Fall aber flüchtig. Eine Momentaufnahme. Unsinn reden und lachen und vergessen. Und kaum jemals eine Kamera dabei. Mit eigenen Augen sehen. Graue Zellen speichern den Sonnenuntergang und die Milchstraße in tiefschwarzer Nacht. Und nirgends eine Cloud.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

UNBERECHENBAR

Er schreit sie an, immer wieder schreit er sie an, die jungen Männer, sie sollen sich von seiner Frau fernhalten; die meiste Zeit jedoch läuft er nur allein den Gehweg lang, über Straßen und Tramgleise, um Ecken, an parkenden Autos vorbei und ich beobachte ihn von fern, weil sein Schreien mich schreckt, ihn unberechenbar macht für mich, diesen magerschmächtigen alten Mann mit dem schlohweißen Haar, der Frauen freundlich ansieht und ihnen Kusshändchen zuwirft.

Er findet immer wieder nach Hause, der alte Mann, und ich frage mich, ob dort jemand auf ihn wartet, ob die Frau bei ihm geblieben ist. Denn er hat sich in meine Gedanken geschrien und geküsst und ich achte darauf, seinen Weg nicht zu kreuzen. Doch er erwischt mich in einem lichten Moment, spricht mich an wie ein Philosoph und ich bin mir nicht sicher, ob es sein lichter Moment ist oder der meine. Erst als ich ihn Tage später dabei beobachte, wie er einen Baum küsst, erkenne ich, dass er mir weit voraus ist, weil er den Verstand längst hinter sich gelassen hat. Denn er schrumpft durch Liebe und Schmerz hindurch in die Unendlichkeit zurück und ich misstraue meiner Hoffnung, es ihm eines Tages gleichtun zu können, anstatt einfach nur sterben zu müssen.

Postkarte aus Kołobrzeg

In Kołobrzeg schwammen die Fische im Wald umher. Nachts sahen wir UFOs am Himmel und der Bogen einer Brücke leuchtete in Gelb, Blau, Grün, Orange und Rot. Vor dem Rathaus nahmen die Menschen auf einem roten Sessel aus dem Weihnachtsmannland Platz und ließen sich fotografieren. Im Schaufenster standen Marilyn und Rambo beieinander. Sie flüsterten sich etwas zu. Ich konnte es sehen, aber nicht hören. Ich habe die Möwen und die Dohlen gefragt, was hier geflüstert wird. Ich habe den Leierkastenmann gefragt und seine Papageien. Ich habe keine Antwort bekommen. Es regnete die ganze Zeit.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 

HEIMATSCHUTZHELM

 – wos host gsogt?

– goa nix

vogel pfeift ton schwebt luft vibriert küsst trommelfell

– host wos gsogt?

– na, imma no nix

stein segelt wasser weicht welt bricht schwappt an land

(diese ruhe zerrt an meinen nerven, ich höre schon gespenster)

– jetzat host aba wos gsogt

– na, nur denkt hob i mer wos

– na, wannds net reden wuist, lass mers holt

 axt schlägt zapfen fällt vogel kreischt fliegt auf dreht kreise

(ich lang mir an den kopf)

– diese schlawackis da aus poln san a zu deppert füa an oanfaches formular zum ausfuin

(gestelzt) aber du, des schönen deutsch mächtig qua geburt, hast das mit links für sie erledigt

– na, mit rechts, mia imma mit rechts aufm revier

– wos hoamatherzerl schlägt, mit vui gfui

– geeenau

 axt schlägt baum fällt vogel kreischt fliegt auf dreht kreise

(ich sehe hoch in die kronen, wolken ziehen, schwindel, natur muss man aushalten können)

Der moment des losgehens..

Ricarda de Haas

… wenn man schon in der tür steht, sich verabschiedet von denen die bleiben.

Dieser moment, der die luft anhält, absolute stille, bewegungslosigkeit. Während eine hand sich noch ausstreckt zu den bleibenden und die andere sich schon zur klinke denkt.

Perfekte balance zwischen da sein und weg gehen.

In diesem augenblick scheint alles möglich.

Während man sich offiziell bereit macht für die geplante reise, ein paar tage nur, blitzt im innern eine tür zu einer anderen welt auf, ein netz möglicher wege.

Man könnte noch abbrechen, sich entscheiden, zu bleiben. Oder aus der tür gehen, um nie zurück zu kehren. Aufbrechen in ein anderes leben.

Man könnte alles wagen, alles..

Und dann ist der moment vorbei. Man hat die tür zugeschlagen, die träume vergraben, die leben, die anderen, verschoben. Auf später.

seitensprünge

Neujahrsempfang

Die Zeit der Neujahrsempfänge neigt sich schon dem Ende zu. Es soll Menschen geben, die in dieser Zeit von einem Empfang zum nächsten springen. Bekanntlich benötigt man für derartige Anlässe eine Einladung. Leider habe ich keine bekommen – hat vielleicht die Post gestreikt?
Wie dem auch sei, ich mache das Beste daraus und gebe selbst einen Neujahrsempfang. Allerdings ist meine Wohnung etwas zu klein, nicht einmal ein Stehbankett in großem Stil wäre möglich. Dazu stehen schon zu viele herum, stehen in Schränken, Regalen, auf dem Schreibtisch, unter der Treppe … Überall diese Bücher.

Also gut, ich gebe einen Neujahrsempfang für Bücher.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren stockte die Zeit zwischen gestern und morgen wie eine Single auf dreiunddreißig und füllte den Spalt mit Traurigkeit. Nur wer die Zähflüssigkeit der Trauer spürte, war hellsichtig genug, konnte die feinen Fäden erkennen, gesponnen von der Zeit zwischen den Jahren wie zwischen den Lebenden und ihren Toten.

Und am letzten Tag zwischen den Jahren teilten wir einen Baum als unseren Standort auf WhatsApp, bis wir viele waren mit von Trauer geschärftem Blick. Wir schalteten auf Flugmodus, fassten uns wortlos an den Händen und erhoben uns in die Dunkelheit der Luft mit noch leuchtenden Displays in unseren Hosentaschen. Unsere Schuhbänder verhedderten sich in den Ästen des Baumes und wir strampelten uns frei, ließen die Schuhe zurück. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Dunkel um vier. Graupelschauer. Kein Blatt am Baum. Der Wind dreht auf Nord. Bloß schnell Frostschutz für das Wagenwischwasser holen, sozusagen für das www.

Ob der Drogeriemarkt so etwas führt? Groß genug wäre die Filiale ja, zwei Etagen neuerdings. Unten Eau de Toilette und Bio-Nudeln. Ich könnte hochfahren. Hochfahren fürs www. Andererseits: Erst die Rolltreppe und dann alle Gänge absuchen für nichts?
Da hinten steht jemand im Kittel. Ich warte, während die Verkäuferin einen Rentner in Gesundheitsfragen berät. Schauen Sie mal hier: Selen plus Jod. Der Alte zieht zum Glück die Nase kraus.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

StressTEXT

Vielleicht am besten irgendwie eine art instanttext, also in gewisser weise wahrscheinlich so etwas wie eine buchstabensuppe, in diesem zusammenhang natürlich mit wirklich heißer luft zubereitet. Hauptsache einfach mal schnell, nicht wahr, en blog sozusagen, regelrecht direktemang und ganz zweifellos mit sicherlich viel nährstoffarmem füllmaterial, zugegeben.
Das alles dann relativ stressfrei geschrieben und wenn auch praktisch nicht wirklich nachhaltig, so doch im prinzip mit umschweife, also vergleichsweise wohl doch einigermaßen aufwendig letzten endes.