Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Die Folterkammer in Venedigs Dogenpalast nimmt sich im Vergleich zu den Folterkammern in mittelalterlichen Burgverließen bescheiden aus. Sie setzt auf die Schmerzen beim Ausrenken und Brechen von Knochen und verzichtet auf überflüssiges Blutvergießen. Diese nahezu elegante Art der Folter passt in diese prächtige Stadt, in deren Straßen auch Folterwerkzeuge von ausgesuchter Schönheit und Eleganz angeboten werden, wie beispielsweise Stilettos, die Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Sonderbare Sondierungen
Tage und Nächte im Schein der Argumente oder Argumente zum Schein.
Reporter und Journalistinnen beißen sich mit ihren Fragen die Zähne aus.
Still schweigen die Verhandelnden. Keine Reg(ier)ung.
Aber die Macht ist ein sehr altes Tier. Immer hungrig.
GroKo und Kroko schnappen zu.

 

Postkarte vom HELENESEE

Wo auch immer wir uns befinden an den letzten Tagen eines Jahres, wir schauen zurück und wir schauen nach vorn. Haben wir den Drachen besiegt? Hat der Kampf uns eine Hand, einen Fuß gekostet? Standen wir am Steuer des Schiffes oder schrubbten wir das Deck oder waren wir Gäste in der Kapitänskajüte?

Die meisten von uns sind einfach nur tagtäglich ihrer Arbeit nachgegangen. Ein paar Gründe zum Feiern gab es auch. Und mit etwas Glück lag das Schiff am Morgen danach nicht in Trümmern am Strand.

Was wird es bringen, das neue Jahr? Wer greift nach dem Steuer?

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

jahresrückblick jahresrückblickblick rückrückblickblickblickblick

deine augen machen blickblick und alles ist vergessen

weil heute der letzte tag von     und morgen der erste tag von     ist

der blick in die röhrenkanäle und zurück und

das eigene wundern über das eigene jahr und

wo es hin ist auf einmal das eigene jahr wo ist es hin die tage so aneinandergetackert so und dann und dann und dann so und

dann sollst du aber sooo nicht einen aufsatz schreiben, hast du mal

in der schule gelernt, so viele ungezählte nebeneinander und nach- und übereinander getürmte zeiten, ewige bald

so ein urzeitlich daherkommender strom aus alten tagen, der

sich ungefragt weiter dahinwälzt und

sich einfach jetzt und jetzt und jetzt in dein jetzt ergießt, so einfach geht das

das leben, so geht das, mit oder ohne rückblick, und aber

das SCHÖNE daran ist ja, dass du nicht lügen musst, wenn du sagst, was war

was so wahr war bei dir und damals

du variierst nur aus deinem jetzt heraus die vielen jetzte von damals

und jede variation stimmt für dich, jetzt

das ist aber schööön

jetzt

blickblick rück vor und dann und

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Weihnachtliches Alphabetum

Alle Jahre wieder plötzlich da

Bratapfelduft mit Baumkerzenschein

Cash Cashmerepullover bezahlt

Draußen glüht das Lichtermeer

Eines Jahres am Heiligabend wieder

Flockenwirbelzentimeterhoch

Gänsebratengerippe

Heiligabend aber noch nicht

Immer dieses Warten auf den Weihnachtsmann

Jedes Jahr neu

Kinderaugenlächeln beim Geschenkeaufreißen

Liedersingen bis zur ersten Strophe

Marzipankartoffel als Weihnachtsgemüse

Nichtalleinsein überlebensnotwendig

OmaOpaOnkelbesuch

Passend gemacht Weihnachtskommerz und Christi Geburt

Qual der Geschenkewahl

Rituale – Kartoffelsalat mit Wiener, Ente mit Rotkohl, Nachmittagsspaziergang mit offenem Hosenknopf

Spielen mal wieder Mensch ärgere dich nicht

Tausche Schal gegen Seidenbluse

Umständehalber Hund abzugeben

Vor dem Fest hat fast jeder gute Laune

Weihnachtlicher Geschenketausch von Mann zu Frau zu Oma zu Opa zu Kind und zurück

Xanthippe hat über Weihnachten (Wihenaht – heilige Nächte) Auftrittsverbot

Ysop für die Tage nach dem Schlemmen

Zum Feste nur das Beste – Glück und Liebe und Frieden!

 

Schöne Weihnachten!

 

 

 

 

 

 

 

Stadtspaziergang, Wien

Entzücken über architektur und kaffeehäuser. Ich trinke schönheit, esse punchkrapferl und hefigen strudl. Wann immer ich in wien bin, fällt etwas von mir ab. Vielleicht eine anstrengung, die berlin einem abverlangt: dass man immer so viel trostloses ignorieren muss, um das schöne genießen zu können – sei es grauer beton, schlafsäcke unter brücken oder trauriges gebäck. Hier dagegen sind ästhetik und genuss selbstverständlich.

Wenn man durch diese strassen läuft – mit verwaltungs- und regierungsgebäuden, die älter, höher, reicher sind als alles, was in berlin je gebaut wurde, wo selbst die keller, in denen man shoppen oder clubben geht, mehrere geschosse und hohe, verzierte decken aufweisen – scheint es unglaublich, dass die preußen jemals maria theresia besiegen konnten.

Ich stehe an einer kreuzung, warte bei rot, schaue auf die ampel und muss lachen. Selbst die gibt sich mühe, unser berühmtes ampelmännchen zu toppen. Sie haben zwei ampelwesen hier, ein ampelpärchen steht hand in hand. Ich freue mich über gleichberechtigung im strassenverkehr. Die ampel springt auf grün. Das pärchen läuft los, mit klopfendem herzen zwischen den köpfen.

Während ich über
die strasse schlendere
frage ich mich
was wohl die wiener
queer-community
zu dieser zurschaustellung
von hetereonormativität
sagt.

An der nächsten kreuzung
sehe ich
die antwort

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seitensprünge

Jahresbilanz: keine Ungereimtheiten

… und wieder ist es ihnen gelungen, geschickt und mutig sind sie gesprungen, aus Köpfen in die Tastaturen, auf Server und in Agenturen, in Blogs oder zu den Lektoren*, auf volle Tische, in offene Ohren von Verlegern* und Juroren*, in manche kassennahe Regale oder auf hippe Webportale, unbeirrt auf Lesebühnen => => die Ideen der alphabettínen

(*: na, ihr wisst schon, die ‚innen‘ sind immer und an erster Stelle mitgedacht, reimen sich aber nicht so gut – also doch Ungereimtheiten …)

Besucht uns: www.alphabettínen.de

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bushaltestelle

Trüb der Himmel. Sprühregen und Nebel. Ich ziehe die Schultern hoch und den Schal bis über die Nase. Der Bus kommt. Hat nur noch fünfzig Meter bis zur Haltestelle so wie auch ich. Aber er fährt und kommt näher. Ich warte an der roten Ampel. Autos rauschen vorbei, viel zu viele, viel zu schnell.
Der Bus hat die Haltestelle beinahe erreicht. Ich sehe den Blinker, trete auf der Stelle. Die Ampel springt um.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Zieht euch warm an, die Zeit der Windsbraut ist gekommen! Sturmzerzaust braust sie mit gewetzten Zähnen durch schwarzes Gewölk und wirbelt über finsteren Himmeln rasende Schönheit auf. Sie heult um die Ecken vermeintlich sicherer Häuser, in denen Frevel hausen, schreit bis die Fenster platzen und fegt durch schmutzige Stuben, tobt durch missbrauchte Betten, reißt und zerrt am Niederträchtigen bis es in Fetzen liegt …