Ein Rädchen am Tier

Heute stelle ich euch mein Lieblingstier vor: die Kröte, namens Schildi, von der ich allerdings nicht weiß, ob ich für sie auch der Lieblingsmensch bin. Schildi läuft in der amtlichen Einordnung  m/w/d  unter d. Das liegt nicht an ihrem Namen, sondern daran, dass sie weder Eier legt noch eierlegenden Artgenossinnen hinterherrennt. Der Tierarzt, wird er nach dem Geschlecht dieses Wesens gefragt, zuckt mit den Schultern und wiegt den Kopf. Also am Ehesten divers.

Schildis Lieblingsspeise ist eine Löwenzahnblüten- Erdbeerenmischung an Kopfsalatblättern, alles aus biologischem Anbau und todsicher vegan. Die Lieblingsfarbe dieses Tieres ist aber nicht grün, sondern graugelbbraun, die Tarnfarbe für Verbuddeln im Sand.

Schildi ist körperlich stark beeinträchtigt, aber sehr gut ins Familienleben inkludiert. Vor sechs Jahren wurde das Tier von einem Fuchs angegriffen, der ihr das rechte Vorderbeinchen ganz und das linke Hinterbeinchen zur Hälfte abgebissen hat. Vielleicht ist er daraufhin an den Krallen der zweimal vier Zehen erstickt. Die Tierärztin fragte: Wollen sie investieren oder soll ich der Kröte die Spritze geben? Was für eine Horrorfrage, Schildi gehörte damals schon seit einundzwanzig Jahren zur Familie. Es folgte eine Odyssee mit Operationen, Medikamenten und langen Fahrten zu Spezialtierkliniken.

Bei den nächsten, nachcoronalen, Paralympics im Tierreich startet Schildi in der Disziplin: Einrädriger Rollersprint. Das Tier ist laut Cites erst neunundzwanzig Jahre jung, noch etwas verspielt, aber frohgemut, und wird es in seinem Leben sicher sehr weit bringen.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 8: Elouise trifft Babsi, das europäische Minischwein

Élouise hat Babsi getroffen, ein europäisches Minischwein mit deutschem Namen, das in der Provence lebt, bei Uta. Uta ist früher in meine Klasse gegangen – oder ich in ihre. Babsi hört, wenn Uta sie ruft, liegt im Winter vor dem Kamin und im Sommer auf dem Küchenfußboden herum. Ihre Tage verbringt sie bei den Hühnern, deren Namen ich mir nicht alle gemerkt habe.

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Postkarte aus Angermünde

Im neueröffneten Museum im Haus Uckermark stand es vor mir, das Modell des blauweißen E 512. Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, summte es in meinem Kopf. Sehr früh ging sie zur Arbeit, wenn sie auf den Mähdrescher stieg. Aber bevor sie die Ernteschlacht schlug, reisten wir im himmelblauen Trabant quer durch das Land und machten Urlaub an der Ostsee. Es waren heiße Sommer. Aber die Sehnsucht nach Veränderung wuchs im Land. Konzerte mit Bob Dylan und dem Boss konnten das Verschwinden des Landes, in dem der E 512 im Sommer über die Felder fuhr, nicht mehr aufhalten.

Nachtschattennotizen im Tagwald

Wenn LOLA dann GERTI

…well, I’m not dumb but I can’t understand
why she walked like a woman but talked like a man
oh my Lola
La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola

well, we drank champagne and danced all night
under electric candlelight
she picked me up and sat me on her knee
and said „dear boy, won’t you come home with me?“La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola…


Wenn ich LOLA von den KINKS höre, denke ich an den MOHREN.

Wenn ich an den MOHREN denke, sehe ich GERTI vor mir.

MOHREN, der: legendäre Kneipe meines Heimatstädtchens (R.I.P.)
Hier wuchs ich step by step und noch leicht jugendlich verschämt ins Nachtleben hinein, das überwiegend bevölkert wurde von biertrinkenden Kerlen in Lederjacken, die grünen Ascot rauchten, Selbstgedrehte, ganz Harte bevorzugten Schwarzen Krauser – alles, was irgendwie links war, alternativ, politisch aktiv, wohnte nachts im bluesverhangenen Qualm des MOHREN*. 

GERTI, die: Inkarnation einer Wirtin, in ihren 50ern damals, klein, sie ragte kaum über ihr enges Thekenreich hinaus, aber mit Volumen in jeder Hinsicht. 

Die geballte Autorität der Chefin lag in ihrem Blick, mit dem sie uns herrisch Redeerlaubnis zur Bierbestellung erteilte, kurz auffordernd nickte; selten barsch ein „was willsch“, mehr Befehl als Frage; optisch fesselnd war sie ohnehin: wasserstoffperoxidblondes langes Haar wippte auf ihrem, mit Verlaub: Atombusen; schreckliches Wort, obendrein seltsam, sind Atome nicht etwas sehr Winziges – ich vermute aber, das Wort wurde für sie erfunden, auch wenn Gertis Busen eigentlich in gar kein Wort, auch in keinen Blick hineinpasste, ich übertreibe nicht.

Bisch du überhaupt scho 16 – ich schüchtern: na klar, das war für Jahre unsere einzige Unterhaltung, vielleicht noch GERTI: an schnaps kansch hao, als ich dort meinen 18. geburtstag feierte, ICH: machsch mir n deckl bitte, strichlisten auf Bierfilzln führte Gerti so lange, bis kein Platz mehr für weitere Striche war.

Die MOHREN-Luft war immer geschwängert mit Rauch, zudem mit Musik aus der Jukebox, die Münzen drückte uns Gerti in die Hand. Jimi und Janis hoch und runter, Hotel Californiaund la-la-la-la-LOLA, yeah, Lola, die erste Transe meiner Jugend, den Text fand ich stark**, und das Klackern der Billardkugeln aus dem Hinterzimmer drang wie zur Beruhigung durch alle Stimmlagen der lautstark geführten Kneipendiskurse. 

Doch nichts erreichte in seiner akustischen Einmaligkeit Gertis Lachen, unvermittelt und in höchsten Höhen einsetzend, wie übersteuert, schrill, kaskadenartig nach unten stürzend, um harmonisch glucksend zu verebben in ihrem festen Kugelbauch. 

Obendrein ihre derben Sprüche. Wollte sie die letzten verbliebenen männlichen Thekengäste loswerden, kam gerne dieser: Gand hoim zu eire wüaschte Weiber!– Kaskadenlachen. Niemand durfte sowas sagen, damals schon nicht. Außer Gerti.

Es gibt keine Tonaufnahme von Gertis Lachen. Aber es gibt LOLA. Ich liebe diesen Song.

*Um den Namen dieser Wirtschaft, die zur Zeit meiner Großeltern (die dort damals ebenfalls verkehrten, tagsüber allerdings) eine gutbürgerliche Gaststätte war, scherte sich kein Mensch; 2001 wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen und die MOHREN-Ära endete, Gerti wurde arbeits- und heimatlos, sie wanderte aus. Und wir ehemaligen MOHREN-Kinder irren noch heute durch Memmingens nächtliche Gassen, keinen Ersatzhafen gefunden bislang, also: obdachlos, ziellos schlendernd auf alten Pfaden, beim Anblick des neu gebauten schmucken Geschäftshauses an MOHRENs Statt LOLA aus der Jukebox im Ohr, im Hintergrund Gertis Lachen. 

** LOLA von The Kinks

I met her in a club down in old Soho
Where you drink champagne and it tastes just like coca cola
C-O-L-A, Cola

She walked up to me and she asked me to dance
I asked her her name and in a dark brown voice she said Lola
L-O-L-A, Lola
La-la-la-la Lola

Well, I’m not the world’s most physical guy
But when she squeezed me tight she nearly broke my spine
Oh my Lola
La-la-la-la Lola

Well, I’m not dumb but I can’t understand
Why she walked like a woman but talked like a man
Oh my Lola
La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola

Well, we drank champagne and danced all night
Under electric candlelight
She picked me up and sat me on her knee
And said „Dear boy, won’t you come home with me?“

Well, I’m not the world’s most passionate guy
But when I looked in her eyes, well I almost…

Der Gesang Der Ratten

Ricarda de Haas

Mit dem Leben kommen zugleich alle Geräusche zurück. Töne, Sound, Musik. Die ersten Nachbarn, die live auftreten, sind Katzen. Jellicle Ball im Hinterhof.

Anders als bei Cats ist die höfische Victoria eine reinschwarze Katze. Klein, elegant, mit scharfen Krallen. Macavity ist viel netter als sein Ruf, aber er gibt sich Mühe, dass niemand das merkt. Bombalurinas Stimme, wie könnte es anders sein, ist am häufigsten zu hören. Nächtelang. Kater finden sie sehr verführerisch. Mr Mistoffelees ist neu eingezogen, aber verzaubert schon alle. Und ist vermutlich nicht binär (soweit Menschen das bei Katzen beurteilen können).

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Und Alt Deuteronomus? Schläft.
Und interessiert sich ansonsten für Hühnchen.

Alle zusammen bilden eine Compagnie.
Sie singen für sich, nicht für uns, und man hört, dass sie Spaß daran haben.
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Noch vor den Katzen sangen die Ratten.
Im Lockdown verteilten sie sich auf die Fenster,
pro Fenster eine Corona-Gemeinschaft.
Die bekannten „Interpretationen der
Kirchenchor-Top-Ten und DDR-Arbeiterkampflieder“
(O-Ton rattenbar.com) schallten durch die Höfe,
enthusiastisch, politisch
und nicht ganz synchron.

Sie probten für einen Sommer mit Live-Auftritten. Rattenbar und Rattenchor werden dieses Jahr zwanzig. Und der CSD ruft, natürlich.
Sie sangen für sich, nicht für uns, und man hörte, dass sie Spaß daran hatten.

Und doch: Hinterhof-Konzerte gehören allen, die zufällig hinhören. Sie sind der Sound eines heißen Sommers.

Bleibt nur die Frage: Wieso hat noch niemand Rats komponiert? Das queere Kiezmusical mit „Räkeldamen“, „Armdrücken“ und „Trashexzessen“. Laut, schrill, widerständig. Und selbstverständlich asynchron.

shownotes:
http://rattenbar.com/rattenbar/

Songs, verwirbelt, verzwirlt

Da gab es eine, die bekam als Kind einen Flügel geschenkt, dass er SIE in die Künste hinaustrage. SIE spielte nicht darauf, SIE nutzte ihn als Stehpult … um Gedichte zu schreiben, Gedichte von einer einzigartigen Poesie getragen und beflügelt. Viele Jahre später schrieb SIE ein Requiem. Ein Requiem aus Worten. Ein Requiem für Ernst Jandl. Songs von IHR sind mir nicht bekannt.

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Maja Linthe: A Post for a Song

Manchmal ein Post von dir über Whatsapp, zynisch meist und verschwurbelt. Da bleibst du ihm treu. Den Link hast du mir geschickt zu dem Song und der Geschichte dahinter. Well I’ll be damned, here comes your ghost again… Und es ist nicht so recht klar, wer von uns den Geist gibt, und zur Madonna tauge ich nicht, denn, wie du weißt, war ich schon immer besser darin, geliebt zu werden, als darin zu lieben.

In unserem besetzten Institut in Berlin sang ich während des Unistreiks, war blöde aufgeregt, so wie immer. Ich wollte manchmal wie Melanie klingen, manchmal wie Nina Hagen, was mir nicht gelang. In der alten Lederjacke, die Gitarre über der Schulter, bin ich aus dem Fenster geklettert, um artig zur Arbeit zu gehen. Du nanntest mich den weiblichen Bob Dylan, aber ich stand mehr auf Joan Baez. Sie hatte dieses Konzert in der Waldbühne mit Bettina Wegner gegeben, die sich vor lauter Schüchternheit kaum auf die Bühne traute. Das war mehr meine Welt. Während du bei den Rolling Stones schriest und natürlich Bob Dylan verehrtest, versuchtest, so auszusehen wie er, dich selbst so fotografiertest. Trotzdem gefiel mir, was du sagtest zu mir, und auch ich habe mich von da an gerne durch deine Augen gesehen und durch deine Kamera.

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Postkarte aus der Galerie

Der Vorhang hebt sich, sagt sie. Sie können hier durchgehen, sagt er, dann hören Sie Töne.

Ich gehe hindurch und herum und hinauf. Ich höre die Töne, ich sehe den Vorhang. Bunt ist der und er hebt sich noch nicht.

Aber morgen, morgen wird der Vorhang aufgehen und dann: Theater, Kino, Konzert,Lesung, Ausstellung. Begegnung, Gespräch, Futter fürs Gehirn. Lächeln.

(Rauminstallation „Der Schleier hebt sich“ von Kerstin Hoffmann in der Spectrum Galerie Kunigam)

Nachtschattennotizen im Tagwald

mal raus ins grüne / zeitzeichen raten

ein ewig geradezu ewig
langweiliges stück des spazierweges
schnurstracks am bahndamm entlang
dreierlei schallschutzgrün immerhin fiel dem 
schallschutzwandhersteller ein

blick sucht nach halt und DA! fällt auf  
den im deutschen schilderwald radikal neuen
hinweis für heimliche eidechsen unter uns 
– es gibt einen ausweg – down please! 
ihr bodennahen geschöpfe
ihr findet ebenerdig euer entkommen

warum hingegen zur rettung der grünen männchen
das European Centre for Disease Prevention and Control
vom jugendlichen sprayer vorgeschlagen wurde 
– the answer is blowing in the wind

oder hat der jugendliche sprayer eine E/A-schwäche 
(und obendrein den blitz zwischen C und D für 
vernachlässigenswert erachtet)

blick sucht nun halt im www // wird fündig:
Eisclub Die Coyoten Memmingen Indians e.V.
(geht noch einschüchternder – vormals:
Eliteclub Dynamo Chiemsee)

wie naheliegend / enttäuschend beinahe 
– der örtliche eishockeyverein
no news from outer space

Der kurze Traum vom Sommer

Ricarda de Haas

Manchmal träumt man ja völlig bekloppt. Wirr, bunt. Als wäre man in ein Wimmelbild gepurzelt.

Japanische Familien picknicken unter rosa Kirschbäumen. Junge Mädchen in weißen Kleidern drehen sich unter fallenden Blüten, die schwarzen Haare fliegen. Ihre Freunde fangen ihre Bilder mit dem Handy.

Am Spreeufer lassen Leute die Beine baumeln, nackte Waden neben Plateaustiefeln neben bunten Söckchen, eine nicht endende Reihe. Wenn ein Schiff kommt, gehen alle Füße hoch.

Leute, die auf rohen Steinblöcken sitzen. Mitten drin eine Rockband, coole Jungs 60plus, gestreifte Hosen, Stirnband im Haar. Sie sind gut, nur das Schlagzeug ist aus dem Rhythmus. Der Song ist zu Ende, die Trommeln nicht. Gegenüber steht eine Sambagruppe im Kreis. Als die Band wieder loslegt, trommeln sie weiter.

Ein zehnjähriger Junge mit Mafiabike reisst das Vorderrad hoch, fährt ein Wheelie. Fährt und fährt um den halben Platz. Ein Knirps mit Roller guckt mit großen Augen. Reisst den Lenker herum, fährt auf einen Hügel. Schaut stolz in die Runde.

Zwei Frauen in Tanktops sonnen sich auf hölzernen Liegen. Ein paar Männer mit wilden Bärten werfen Blicke. Als die Frauen genervt aufstehen, schnappen sie Tüten und Taschen und stürzen hin. Zwei erobern die Liegen, verscheuchen die anderen. Die schlagen grummelnd ihr Lager unter Bäumen auf.

An der Eisdiele sitzen Menschen auf Bänken, auf denen steht, dass sie da nicht sitzen sollen. Die Polizei kommt, schließt den Laden: „Einundzwanzig Uhr, Sperrstunde!“ Die Leute essen gemütlich ihr Eis auf.

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Als ich aufwache, rauscht Regen vorm Fenster.

Das war so‘n typischer Berlin-Traum,
denke ich.

Frage mich, wie das aussehen würde.

Wenn man Träume fotografieren könnte…