seitensprünge

So viele Fragen.

Von einer Straßenseite zur anderen müsste ich springen, wenn ich all die bunten Plakate mit den coolen Sprüchen lesen wollte, die zur Zeit Brandenburgs Straßen mit Farbe und Sinn erfüllen. Zu viert oder fünft hängen sie übereinander an allen Lichtmasten, dazwischen das eine oder andere Gesicht freundlich blickender Menschen.
Und erstmals auch Tiere: viele Bienen, auch einige Schweine. Aber keine Kühe – die furzen zu viel Methan. So viele Fragen. weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Liebe S.,
dein Bruder hat mir deine Texte gezeigt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. So viele hast du ihm zurückgelassen, als wolltest du sicherstellen, dass wenigstens einige davon gelesen werden. Das nehme ich als Zeichen.

In der Brückenstraße, wo du deine Wohnung hattest, habe ich dich manchmal gesehen. Du warst eine Schreibende so wie ich, aber eine, die die Lippen bewegte beim Schreiben. Überall in der Stadt hast du geschrieben, an die Hauswand gelehnt, auf einem Mäuerchen sitzend, an der Straßenbahnhaltestelle, mitten auf der Verkehrsinsel, sogar dort hast du schreibend gesessen und die Lippen bewegt dabei. Verständigt hast du dich mit niemandem mehr. Trotzdem hast du, als du gestorben bist, deine Texte zurückgelassen, war die ganze Wohnung gefüllt mit von dir beschriebenen Seiten, die ich deinen Bruder bat mir zu zeigen.

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Glatt gelogen!

Ich hatte diese Frage, die ich online nicht stellen konnte, und rief deshalb die Nummer auf dem Schreiben an, auf dem stand, man helfe mir gerne weiter. Sogleich meldete sich eine weibliche Stimme, die sich mir als künstliche Person vorstellte und vorschlug, ich könne ja auch online oder eben warten, bis ihre menschliche Mitarbeiterin frei sei, und dann klingelte es kurz und ich hörte wieder eine weibliche Stimme, die diesmal wohl menschlich sein sollte und doch von der vorherigen nicht zu unterscheiden war, und die menschliche weibliche Stimme fragte tatsächlich und zuckersüß, womit sie mir denn weiterhelfen könne. Ich stellte frohen Mutes meine Frage, ein bisschen vertrackt war die ganze Angelegenheit, sonst hätte ich ja auch online …

Sie antwortete, es tue ihr leid, da könne sie mir auch nicht weiterhelfen, plötzlich gar nicht mehr menschlich, aber noch immer sehr weiblich und zuckersüß und bedauernd. Das Gespräch war damit beendet.

Und ich saß da. Mit dem Telefon in der einen und dem Schreiben in der anderen Hand, den Blick starr auf die Wand gerichtet. Und mit einer Körperschwere, als hätte ich seit dreiundzwanzig Tagen und Nächten nicht geschlafen, so müde, so abgebügelt und doch nicht faltenfrei. Schon einmal hatte ich mich so gefühlt, damals war ich unaufmerksam gegen einen Straßenpfeiler gelaufen. Aber dieser ließ sich – immerhin – danach noch umgehen, wenn auch mit einer Beule auf der Stirn.
Und jetzt?
Und. Was. Jetzt?
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Wer hat Angst vorm blauen Mann?

Neue Studien haben es bestätigt: In jeder heiligen Frau steckt mindestens ein Mann, der im Allgemeinen blau ist oder auf andere Weise auffällig, wie nicht ganz deutlich zu erkennen in obiger Wesensaufnahme einer Heiligen, ein völlig neues Verfahren, das entwickelt wurde von Forscherinnen der biochemischen Seuchenabteilung der Universität Wowadáschnochma, die sich vor allem dem Problem der geistig-psychischen Unterwanderung durch Parasiten widmen. Noch ist dieses Verfahren leider nicht ganz ausgereift, sodass es immer wieder zu Unschärfen kommt.

Ein solcher Mann, wie man ihn auf der Wesensaufnahme sehen kann, ist nötig, um die Heiligkeit der Frau  herzustellen und aufrechtzuerhalten, da eine Frau ohne einen Mann, der sie zur Heiligen erklärt, keine Heilige ist und womöglich auch keine Heilige sein will, da das Heiligsein unabweisbare Nachteile hat. So ist eine Heilige mit Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

erinnerungskultur

fallen fiel gefallen sagt man 

wenn man worte beugen will

(auch ein zer- oder verfallen ist durchaus möglich und 

kann gebeugt werden bei bedarf)

kinnladen können herunterfallen

ziegel vom dach 

matrosen vom mast 

flugzeuge vom himmel 

der baum fällt einfach nur

türme (als prominentes beispiel) fallen mitunter in sich zusammen 

dazu müssen sie nicht einmal vorher schief sein

in sich zusammenfallen fiel in sich zusammen in sich zusammengefallen

kannst mensch du auch

neulich erst war ich in mich zusammengefallen nur kurz mal eben –

das unterscheidet uns von türmen

(grundlegend aber gilt für alle gläubigen: 

EIN TURM IST SICHER 

der aufzug hat einen boden das stockwerk auch der treppenabsatz 

selbst die kleinste stufe trägt 

dich mensch über das fallen hinweg)

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

.

II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

.

III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Bedeutung

Am Morgen liegt eine Feder vor der Treppe des Hauses. Keine kleine, eine handgroße.

Da ich Federn mag und denke, es wird eine Bedeutung haben, wenn sie so offensichtlich vor meinen Füßen liegt, hebe ich sie auf.

Stecke sie in die Blumenschale auf der Treppe. Sehe sie jeden Tag und erfreue mich an ihr.

Eine schöne Feder. Graubraun gefiedert.

Blog feder 1

Wer sie wohl verloren hat. Eine Eule vielleicht? Elster oder Taube nicht. Die erkenne ich. Die fliegen um das Haus und auf das Haus. Meine Feder schweigt. Marion Boginski – Klein(ich)keiten weiterlesen

seitensprünge

Seitensprünge

Der klassische Seitensprung – wir kennen ihn. Bereits aus der Schulzeit. Deutschunterricht … Da war doch was …  In diesem Jahr kommt wohl keine(r) an Effi vorbei.

Ich habe sie neu entdeckt: im Archiv und im Museum.

  • Am 1. Juni 2019 in der Villa Quant in Potsdam, die das Fontane-Archiv beherbergt, bei einer Lesung des Jugendprojekts eff.i19. Wie frisch und modern sie doch sein kann, die Effi.

Zum Selbstentdecken einer rebellischen Effi =>http://www.effi19.org

und in dem Buch mit allen Texten der fünf Projektgruppen.

Hier bitte auch das Impressum lesen (neben dem Inhaltsverzeichnis) – das Team Frankfurt/Oder wurde von unserer Carmen Winter geleitet.

 

 

  • Am 16. Juni 2019 bei einem Besuch im Museum Neuruppin mit der Leitausstellung Fontane 200/Autor – einen ganzen Raum allein für Effi gibt es dort – und vieles andere mehr: zum Verweilen und Suchen, zum Aufspüren Fontanischer Wortschöpfungen und Zitate, zum Lachen, Schmunzeln und Nachdenken.

 

Weitere Fontanische Wortschöpfungen: Zärtlichkeitsallüren, Waldteufelgebrumm, Generalkladdersdatsch …

Und zum Schluss noch ein Zitat (aus einem Brief Fontanes an seine Frau Emilie, 1879):

„Personen, die ich gar nicht als Schriftsteller gelten lasse, erleben nicht nur zahlreiche Auflagen, sondern werden auch womöglich ins Vorder- und Hinterindische übersetzt; um mich kümmert sich keine Katze.“

 

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Standort Berlin

Ich bin wieder in Berlin, teile hiermit meinen Standort mit euch. Ich bin wieder in Berlin, zunächst in Kreuzkölln um genau zu sein, ein Bezirk, den es, als ich fortging von hier, so noch nicht gab. Und, dass ich wieder in Berlin bin, stimmt eigentlich nicht, weil dieses Ich, welches jetzt das meine ist, so noch niemals in Berlin war, eine binsige Wahrheit, die sowohl auf Berlin zutrifft, als auch auf mich. Manchmal treffe ich Berliner*innen, die heimlich älter geworden sind, die ich nur von der Straße kenne, deren Namen ich weder heute weiß noch damals wusste. Nur meine Freundinnen altern gemeinsam mit mir, begleitetes Altern sozusagen, was tröstlich und schön ist, denn das Alter kann cool sein und entspannt, hier in Berlin allemal. Und so sammle ich meine Freundinnen wieder zusammen, in Kreuzberg und Alt-Treptow, bringe uns auf den neuesten Stand, Berlin und mich, umarme die Alten im Neuen und die Neuen im Alten. Demütiger sind wir geworden, auch weil die Mehrzahl der Jahre nicht mehr vor, sondern hinter uns liegt. Und die Demut steht uns gut. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen