Stille Frauen

Ricarda de Haas

Wohin man hört dieselben Worte. Unter der Akzeptanz ein leiser Ärger. Ziellos, richtungslos.
Frühlingsmüdigkeit, diesmal anders. Und still.

Die Performerin, die keine online Performances mehr macht, weil die icons klatschender Hände sie leer zurück lassen.

Die Hochschullehrerin, die das Gefühl hat, durch digitale Tage zu rasen, ohne jemals anzukommen.

Die Krankenschwester, die sich in die Klinik quält, vor ihrer Schicht fürchtet.

Die Forscherin, die zwei Projekte gleichzeitig abschließen muss, und sich fragt wofür.

Die Mutter, die sich zwischen home office und home schooling abhanden kommt.

Die Lehrerin, für die der Impftermin das Licht am Ende des Tunnels bedeutet, bevor er wieder abgesagt wird.

Die Rentnerin, die nicht immer alleine mit sich vor die Tür gehen mag.

Überall dieselben Worte: Müde. Ausgebrannt. Mag nicht mehr. Nicht nachvollziehbar. Akku leer. Kann nicht, muss ja.

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Festhalten an kleinen Freuden.

Warme Tage.

Aus dem Boden knallende Tulpen.

Leichte Jacken.

Skaten, Radfahren, Joggen.

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Doch diese Worte, diese Frauen, sind immer noch überall still.

Überall? Nein. Ein kleines queerfeministisches Grüppchen in Pankow leistet Widerstand…

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Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 7

Ich löse mich von meinem Hintergrund, in dem ich manchmal verschwinde, steige mühsam und steif aus meiner Kachel heraus. Ich will hinaus in die Natur, will spazieren gehen wie alle. Ob die Natur schon genervt ist von uns? Élouise wartet am vereinbarten Treffpunkt nur auf mich, grinst mich an zur Begrüßung. Beim Loslaufen freue ich mich über ihren wackelnden Schafsfellhintern, denke an die leere Kachel zu Hause. Ab und an mache ich Fotos, die ich mir später als Hintergrund auf die Plattform stelle, zur Erinnerung an die Orte hier draußen. Ich vermisse es, Orte zu teilen mit Freunden, mit Kolleginnen, das Café, das Restaurant, das Theater. Selbst die Mensa vermisse ich, den Espresso, der gar nicht so gut war.

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Postkarte aus dem TUNNEL

Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.
Stell ihn auf langsames Tropfen ein.
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
stell den Motor ab. Zähl die Tropfen.
Zähle eins und eins und zwei und drei und fünf und acht und
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.

Nachtschattennotizen im Tagwald

between WORK between LIFE between BALANCE between

so geht das seit wochen seit monaten seit sehr vielen monaten
man wird so müde die zeit zu zählen überhaupt zu zählen. zu zählen.

wer kann arbeitet weiter mit ohne neben der auch gegen die zeit
wer keine arbeit hat tut vielleicht so als hätte er/sie/* eine

wer gar nirgendwo mehr hinradeln mag sucht vielleicht
abwechslung in gut gewürzten speisen oder 
springt aus der kurve wechselt das gleis die richtung das medium

und findet vielleicht das weite im between der kunst

PS ich habe aus purem ausscherenwollen mein arbeitsgebiet verlassen und einen shrigley kopiert – zur besseren unterscheidung die bildüberschrift jeweils nicht unterstrichen – ich gebe zu seins ist besser irgendwie ausdrucksstärker oder hätte ich einen filzstift nehmen sollen

Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 6

Während ich mit Élouise durch die Stadt lief, hörte ich Musik und tippte von Zeit zu Zeit in den Rhythmus unserer Schritte und in mein Smartphone hinein meinen Text. Vor der Sammlung Prinzhorn hielten wir an, spähten durch die Scheibe und unser Spiegelbild ins geschlossene Museum. Ich reichte Élouise den rechten Knopf meiner Kopfhörer und gemeinsam hörten wir die Zeile des Refrains: „Don‘t look away, it will be gone.“ Also wandten wir den Blick nicht ab, sondern blieben stehen und ich notierte mir die Liedzeile, so gut es ging, blind.

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Nachtschattennotizen im Tagwald

quakenbrück : ausfall II

es macht einen unterschied woher du kommst
ob aus hamburg, buxheim oder vom planeten trillaphon

wurde frau hauser danach gefragt
und das passierte selten genug aufgrund der allgemeinen 
homeoffice-verordnung
kam sie neuerdings „aus dem bett“

schlösse man vom namen ihres städtchens auf sie selbst
fürchtete sie für eine dieser schnattertanten gehalten zu werden
mit kissen auf fensterbank und allzeit im bilde
brühwarm die breaking news aus der nachbarschaft 
ganz smart per phone und pc in alle winde streuend tag für tag

genau so eine war sie auch
aber wer will das schon an die große glocke hängen

ihr kurzes knallrot gefärbtes kunstvoll toupiertes haar
die kühn um den hals geworfene grüne federboa sobald
sie das haus verließ forderten durchaus manch fremde 
zu der frage nach ihrer herkunft auf
„aus dem bett“ war eine hervorragende antwort
noch keiner der fragenden bislang hatte angemessen
auf diese auskunft reagiert

frau hauser amüsierte das köstlich und stets aufs neue
eintönige zeiten erfordern beherztes ausscheren aus selbigen

heute beschließt frau hauser blau zu machen
sie verlässt ihr 2-Zi/küche/bad/wc-büro
besorgt sich ein fläschchen eierlikör und richtet sich häuslich
auf ihrer lieblingsparkbank ein 
ruhige lage direkt hinter dem städtischen krankenhaus
und sichere 40 gehminuten von ihrer wohnung entfernt

als eine alte frau von einem pfleger in ihrem krankenhausbett
an ihr vorbeigeschoben wird
seufzt frau hauser leise und prostet ihr zu

die frau lächelt zurück
hebt einen daumen und ruft „kommen Sie – wir tauschen“
frau hauser fackelt nicht lange und steht auf