Per Anhalter unterwegs in Israel

Am Shabbat des Pessach-Festes sind wir von Haifa nach Tiberias getrampt.
Als wir in Haifa mit unserem Schild an der Ausfahrtstraße im Regen warteten, sammelte ein Obdachloser an der Bushaltestelle Flaschen. Er kam extra zu uns herüber, um unser Schild anzuschauen, auf das wir „Tiberias“ geschrieben hatten, und uns wild gestikulierend in Hebräisch auf den einzigen Bus zu verweisen,  der noch aus der Stadt heraus fuhr. Wir sind seinem Rat gefolgt, sind mit dem Bus aus der Stadt herausgefahren und haben uns dort an die Autobahn gestellt. Insgesamt haben uns vier Autos mitgenommen.

  1. Zwei junge Männer mit einem winzigen Hund, der von dem Schoß des einen auf den des anderen hüpfte und wieder zurück. Im Kofferraum lag eine Gitarre.
  2. Ein Designer mit schwarzen Locken und schwarzer Sonnenbrille, der schon mal in Mainz auf einem Austausch war und die letzen Jahre in Südamerika gelebt hat. Er hatte das schickste Auto. Auf der Rückbank lag seine schwarze Lederjacke.
  3. Eine junge Frau, die vor kurzem in Berlin war und dort den Sommer verbrachte. Die ganze Rückbank war voller Einkäufe.
  4. Zwei junge arabische Frauen, die in Tiberias in einem Hotel arbeiten. Der Onkel der einen hat ein marokkanisches Restaurant in Düsseldorf mit Salzgrotte. Sie haben uns bis zu unserem Hotel gebracht.
    Als wir ausstiegen schien die Sonne am See Genezareth.
    Nehmt Anhalter mit!

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Anhalten

Messer und Gabel auf blauem Grund. Eigentlich möchte ich die Fahrt nicht unterbrechen, doch ich setze den Blinker und ärgere mich, denn mein Körper lässt mir keine Wahl. Ist es ein Nachteil des Reisens mit dem Auto, dass ich mich von den Überflüssigkeiten nicht während der Fahrt befreien kann wie im Zug, wie im Flugzeug? Oder ist es ein Glück? Ein morgenkühler Wind weht mich wach, die Muskeln lockern sich, und mein Blick sieht dankbar nicht mehr nur Leitplanken und Rücklichter, sondern das Treiben auf dem Parkplatz. Zwei Motoradfahrer kommen unter ihren Helmen zum Vorschein, ein junges Paar knutscht am Fahrbahnrand, eine Mutter wickelt am Spielplatz erst das Baby, dann belegte Brote aus, und die anderen Reisenden schlendern auf das Restaurant zu. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

GEMOBBT

Irgendwo muss es doch Hilfe geben für Menschen wie mich, Menschen, denen schon morgens die Stehlampe im Schlafzimmer den Mittelfinger zeigt und damit zum Ausdruck bringt, was ihr bescheidenes Besitztum von ihnen hält.

Ich werfe der Lampe einen empörten Blick zu und schlurfe in die Küche, wo eine angebrochene Rotweinflasche bei meinem Anblick den Korken ausspuckt und sich vom Tisch wirft. Der nun benötigte Wischlappen Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Es regnete, es war dunkel und kalt. Ich hatte Hunger. „Tausche alte Kaffeekanne gegen Tasse Kaffee“ las ich am Schlosskaffee. Ich hatte keine Kaffeekanne dabei. Also weiter. In der nächsten Gaststätte wurde ein Geburtstag gefeiert. Der DJ hatte die Bässe bis zum Anschlag hoch gefahren. „Bella ciao„, „Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär“ und das Rennsteiglied spielte er direkt nacheinander. Ich löffelte meine Tomatensuppe. Die Ohren kann man nicht schließen.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

whatsapp goes knigge

zum beispiel mal gefragt werden vorher

um sein einverständnis gebeten werden

das gibt es, allerdings selten, und macht einen ja sofort misstrauisch

„Entschuldigen Sie bitte, darf ich Sie eventuell der Gruppe

Ich will mit niemandem mehr in einer Gruppe sein mit dem

ich nicht mindestens einmal ordentlich saufen war oder im

Bett hinzufügen?“

ich habe „ja“ gesagt, teils weil ich so nett gefragt wurde,

teils weil ich die chance auf nette bar- und bettbekanntschaften witterte,

frei haus quasi, obendrein eine bar und ein bett auch ein versprechen

auf etwas handfestes sind

in diesen flüchtigen zeiten mal etwas solides, nahezu paradiesisch wäre das

bodenhaftung, denke ich mir, statt virtuell durch die decke zu gehen

was soll ich sagen – das erste date steht, nervosität kommt auf

und ich stelle plötzlich fest, keine passende exitstrategie zu haben

fatal, man sieht ja, wo das hinführt so ganz ohne

ich stecke mir schnell meine gruppenaustrittversicherung in die tasche

ein ganzkörperchat in echtzeit, denke ich, mal ganz was anderes

fühlt sich an wie backen ohne mehl, wie skypen ohne monitor

ich packe noch eben das handy wieder aus, heute naked, die tür fällt ins schloss,

freier fall, und schalte auf autopilot

Frauentag, Berlin

Ricarda de Haas

Ältere Frau auf buntem Fahrrad.
Sie bremst scharf, steht.

Vor ihr quert eine junge Frau. Vermutlich Frau.
Geht, schreitet. Unberührt vom Verkehr, den Blicken.
Schmale Beine in engen schwarzen Hosen, Stiefel, Lederjacke.
Rot leuchtendes Schottenröckchen.
Um die Schultern wippen schwarze dichte Strähnen.
Das Gesicht davon verborgen, umhüllt.

Wer ist sie?
Ein Goth aus den 80ern, auf der Suche nach dem verschwundenen Kreuzberg?
Eine Manga Figur? Afrofuturistisches Model? Riot Grrrl?
In diesem Kiez, in dem nichts je erschütterte, drehen alle sich um.

Als hätte ein Baum sich keck aufgemacht, urbanes Leben zu erkunden.
Zarte Weidewurzeln aus Erde und Wasser gezogen.
Kariertes Schürzchen umgeschnallt.
Und spazierte nun, mit stolz ausladender Krone, neben der Hochbahn.
Der schmale Stamm von dicht belaubten Zweigen umspielt.

Die ältere steht noch immer, schaut. Sehnsucht im Blick.
Fährt mit der Hand durch kurzes Haar. Was sieht sie?
Ihre eigene verwegene Jugend?
Die Freiheit, alles zu wagen, zu sein?
So sichtbar, und doch geschützt.

Der Verkehr rollt an. Die Geräusche kommen zurück.
Das Baummädchen verschwindet.
Die andere steigt in die Pedale.
In ihrem Gesicht zeigt sich Glück.

Klein(ich)keiten – Marion Boginski

Das stille Leben der Finger

Unauffällig, unscheinbar, unaufdringlich. Ihre Bewegungen lebensnotwendig oder lebensvereinfachend.

Sie ziehen, drehen, halten, stemmen, streicheln, streichen, geben, nehmen … tippen.

Meine tippen auf Tastaturen herum. S E I T  22  J A H R E N.

Nicht alle Finger. Meist sechs. Meist dieselben. Meist stundenlang.

Blog Finger

Und nun das! Klein(ich)keiten – Marion Boginski weiterlesen

seitensprünge

Verbleibpunkte

Zwei Dinge sind mir in den letzten Wochen zugeflogen, die scheinbar irgendetwas miteinander zu tun haben: Ein Bild, frisch digitalisiert (Danke Maja!) flog aus dem Netz in mein E-Mail-Postfach und ein Zettelchen flatterte aus einem alten Hefter, fiel zu Boden. VERBLEIBPUNKTE las ich auf dem Zettel, wusste nichts damit anzufangen und versuchte, die Stelle im Hefter zu finden, zu der dieser Begriff gehörte. Vergeblich sprang ich von Seite zu Seite, von Überschrift zu Überschrift, ratlos – was sind VERBLEIBPUNKTE?

Ich fragte Dr. Google. „Meinst du Verbleib Punkte“ antwortete er. Das Fragezeichen fehlte. Verbleibpunkte weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stillleben mit Händen

Wenn ich die Hände auflege beim Tippen, kann ich ruhig sein beim Schreiben, bette Handballen auf  Kissen aus Gel, entspanne die Schultern. Zum Nachdenken schaue ich fensterwärts, dann wieder auf die Hände hinunter. Unbeteiligt und still liegen sie auf den Tasten herum, so als ob es doch nicht die meinigen wären.

Doch sie scheinen mein Alter zu haben (der Rest von mir sieht, finde ich, ein klein wenig jünger aus ;)). Und da sie meistens tippen, was ich vorher dachte, scheint zwischen ihnen und mir eine Verbindung zu bestehen. Sie sind eindeutig festgemacht an meinen Armen und Schultern dazwischen mein alter Kopf, in den ich altmodische Wörter spreche, um ihren Klang zu testen. So leise spreche ich in ihn hinein, dass manchmal die Wörter, die ich schreibe andere sind, als ich dachte. Sie gleiten hinab auf meine Schultern, rutschen die Arme hinunter bis zu den Händen, die still auf der Tastatur liegen und warten. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie auch die merkwürdigen Wörter schreiben, die von ganz hinten unten kommen und es schwer haben, sich auf dem Bildschirm zu behaupten. Manche Wörter brauchen lang, bis sie richtig sind.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Irgendwo weit hinten in der Kommode stapeln sich die Erinnerungsschachteln, liegt ein altes Tagebuch, in Leder gebunden und versehen mit einem winzigen Schloss. Die Worte darin handgeschrieben und mit nichts verlinkt als mit dem tiefen Gefühl eines längst vergangenen Augenblicks. Das Private ein wohlgehütetes Gut, nur der besten Freundin erzählt von Angesicht zu Angesicht. Alles persönlich und wahr, sentimental oder kämpferisch oder voller Ironie, auf jeden Fall aber flüchtig. Eine Momentaufnahme. Unsinn reden und lachen und vergessen. Und kaum jemals eine Kamera dabei. Mit eigenen Augen sehen. Graue Zellen speichern den Sonnenuntergang und die Milchstraße in tiefschwarzer Nacht. Und nirgends eine Cloud.