Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Fahnengewäsch

Neulich gab es bei den Vereinten Nationen jede Menge Gewäsch, nachdem mal wieder Blut vergossen worden war und dann auch noch ein paar unappetitliche alte Herren in die Fahnen gerotzt hatten. Es handelt sich hier wohlgemerkt nicht um die Fahnen aus der Jägersprache, also nicht um die Schwanzbehaarung von Hunden, Eichhörnchen oder sonstigem Getier, sondern um die müde vor sich hin flatternden, immer noch leicht fleckigen, bunten Stoffbahnen, mit denen bei Staatsakten jede mögliche Blöße bedeckt wird.
Nach all dem Gewäsch hängte man die feuchten Fahnen nach dem Wind, damit sie trocknen. Während sie da hingen, kam unerfreulicherweise der dauerhaft von Dünnschiss geplagte Wolpertinger Donald auf seiner aufblasbaren Fahnenstange geflogen (hier berufe ich mich nun doch auf das Jägerlatein). Und die Moral von der Geschicht: Nationalfahnen ohne Blut-, Scheiße- und Rotzflecken gibt es nicht.

Postkarte aus FRANKFURT (ODER)

Vor 30 Jahren bin ich hier her gezogen. Damals war Frankfurt noch Bezirksstadt. Die erste Wohnung hatte Ofenheizung und einen Nachbarn, der den Schlüssel nahm und heizte, wenn wir im Winter mal eine Woche weg waren.
Ich erinnere mich, das ich immer müde war. Auch im Büro musste morgens ein Ofen geheizt werden. Es war das Büro des Bezirksliteraturzentrums. Der Platz auf einer Postkarte reicht nicht aus, um zu erklären, was das für eine Einrichtung war.
1988 habe ich natürlich nicht gedacht, dass ich 2018 immer noch in Frankfurt (Oder) leben würde.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 himmelfahrt

stunde hat zugeschlagen

zeit ist vorbei (zeit war gekommen?)

noch wen verloren ans (so war es doch, wacklig?)

gefüge aus tag und nacht und morgenmilch (und bier mit wodka, manchmal)

an eine endlosschleife (hier bild: ameise auf möbiusband)

 

// zugfahren hilft aus schiefen lagen (nach mitternacht)

ein rosafarbenes mädchen starrt ins dunkle hinaus

(große pupillen space taxi fallhöhe überbrückt)

der schaffner lacht über die fahrkarte von berlin nach berlin

(allein) das mädchen fährt modelleisenbahn

die plastikmännchen stehen am gleis und winken ihm treuherzig zu

trotz isolierglas, doppelwandig (keine fenstergriffe):

das ticken der mondgroßen bahnhofsuhr //

 

post scriptum (hier lied:)

https://www.youtube.com/watch?v=fOuPwPkRtk4

Nairobi, am Abend

Ricarda de Haas

Eine Straße im Zentrum, kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Autos, Musik, Leuchtreklame. Offene Ladentüren. Zigaretten, T-Shirts, Haare & Nägel. Auf dem Gehweg plaudernde Männer, fliegende Händlerinnen, Straßenkinder.

Im zweiten Stock ein Restaurant. Gesprächswolken dick wie Zigarettenqualm. Sieben Sorten Fleisch, neben 🐄 und 🐓 auch 🐐  und 🐫. Kein Alkohol. Dafür frischer Juice aus praktisch allem. Mango, Passionsfrucht, Ananas, Avocado.  Oder Dawa, Medizin. Ein heißer Trank aus Ingwer, Knoblauch und Zitrone.

An der Wand sind Waschbecken für die Gäste. Und ein grün leuchtender Kasten. Ein Automat?

Schließfächer. In jedem Fach ein USB. Während die Gäste speisen, träumen ihre Handies. Es ist der große Traum von einem grün schimmernden Leben nach dem Akku-Tod.

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Klein(ich)keiten: Marion Boginski

Empörung

Derdadieda … glasfaserschnell

Derdadieda … unsichtbar versteckt

Derdadieda … hinter Digitalgespenstern …

Derdadieda … Twittergezwitscher …

Derdadieda … eher krähenähnlich als finkengleich

Derdadieda … Glutnestershitstorm

Derdadieda … Hassschaum wie Grimm’scher „Süßer Brei“

Derdadieda … likejubilate

Derdadieda … Hashtagsaufschrei

Derdadieda … Empörung gegen die Empörung … wer schafft es lauter zu sein?

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen


Der Algorithmus ist keine Erfindung des Internets, ist ein Unkraut, das wuchert und austreibt und sich zwischen all die zarten Pflänzchen des Möglichen drängt. Wenn Baby, dann Wiege, wenn Mädchen, dann rosa, wenn rosa, dann Puppe und Ponyhof. Anziehen. Vom Leibe halten. Die Haut wächsern unter dem Make-up, die Decke gläsern und doch aus Beton. Job und Geld, ab und zu, wenn alle anderen zufrieden sind. Familie und Ehrenamt. Rückenschule und Abendkurs. Auch mal Nein sagen. Fünf Doppelstunden und Praxisteil. Gepflegt altern. Zur Tafel gehen oder tafeln gehen auf hoher See. Wenn Kreuzfahrt, dann Cocktailkleid. Zum Schluss wieder Puppe. Roboter aus Plüsch rollt mit den Augen, gibt Pfötchen und zaubert ein Lächeln. Für sie allein.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

ZERBORSTENE WELT

die nicht auseinanderfällt dank Sicherheitsglas mit 100%iger Laminatqualität, ohne Blasenbildung und Schmutzeinschlüsse, entstanden im alten Sack-Verbund. Es handelt sich hierbei um eine neue Dimension gläserner Sicherheit für die gläserne Bürgerin von beispielloser Tragweite! Denn dieses Sicherheitsglas garantiert unübertroffene Steifigkeit, Tragfähigkeit und Biegefestigkeit, die unsere gläserne Welt stark machen gegen Stoß-, Schlag- und Biegebeanspruchungen. Nur so können wir nämlich Spontanausbrüche vermeiden und Abstürze und Durchbrüche hemmen und hindern. Was kümmern uns also noch Einschläge und Steinschläge äh … auf der Suche nach Synonymen meinte ich vielleicht Stunk seid umgefallen seid emigriert seid hinausgefahren seid hinausgegangen seid hinausgezogen seid hingefallen seid nachgehinkt seid umgedreht seid umgekehrt seid gebrochen Scherben Flitter Mandelsppplitter