Postkarte aus LÜBBEN

Lübben hat die Kahnfahrten und das Schloss. Lübben hat Gurken-Paule und die Paul-Gerhardt-Kirche. Lübben hat die Schlossinsel und das Hügellabyrinth. Es ist ganz einfach, sich im Labyrinth zu bewegen. Es ist ganz einfach, zum Mittelpunkt zu finden und wieder heraus. Geh nicht den kürzesten Weg. Der kürzeste Weg führt immer in eine Sackgasse.

Nachtschattennotizen im Tagwald

kuhfried

bleierner schlaf befrachtet mit bleiernen träumen 
in bleiernen zeiten
mir träumte, das offene bliebe uns zweibeinern verwehrt
und grasfresser schickten sich an, es sich zu nehmen

ja, kühe. 
so träumte mir, und eine sprach:
das hochleistungsdenken ist großer mist, kolleginnen, 
das beste-kuh-im-stall-sein-wollen führt nirgends hin!
so sagte die beste kuh im stall und verließ ihn stante pede
fünf kolleginnen folgten ihr, alle angetan mit weißen bauchbinden
zum zeichen ihrer friedlichen absichten 
sie zogen hinan in richtung einer saftigen bergwiese, die, 
wie sie wohl wussten, gespickt war mit bilsenkraut

die leitkuh trug ein banner zwischen ihren hörnern
ISST DIE KUH GESUND, FREUT SICH DER MENSCH
die sechste kuh, das schlusslicht, auch
ISST DER MENSCH GESUND, FREUT SICH DIE KUH
und im takt ihrer hufe skandierten sie 
FLUGKRAUT FÜR ALLE! FLUGKRAUT FÜR ALLE!

auf der bergwiese malmten sie genüsslich einige tage vor sich hin
und noch während ich mich träumend fragte, wo der knopf 
zum umschalten auf wachzeit wäre, hoben sie ab

sechs kuhkampfflugpiloten in sechs kampfflugzeugen
flogen nach afghanistan und schrieben 
sechsstrahlig und sechsfarbig in den himmel 
MAKE LOVE NOT WAR
wie einen gruß aus längst vergangenen tagen

errötet ob der kitschigen wendung des traumes 
wachte ich auf, schämte mich leise, schlug die bettdecke zurück
und hob ab

Sommerloch, das

Ricarda de Haas

Es gibt wörter, über die man erst nachdenkt, wenn man sie braucht. Sommerloch zum beispiel. Bisher bin ich gut ohne dieses wort ausgekommen. Ich kannte es, ich fand es doof. Fertig.

Und nun das: ich befinde mich in einem. Ich habe mir das nicht ausgesucht, es wurde mir vielmehr über geworfen. Über die entfernung von ein paar kilometern hat es mich ereilt. Und da sitze ich nun, mittendrin.

Und frage mich: was ist das überhaupt?

Ich kenne langeweile. Langeweile ist der zustand, bevor einem einfällt, was man stattdessen tun möchte. Ich kenne enttäuschung. Das ist der zustand, nachdem etwas nicht stattgefunden hat. Oder nicht so stattgefunden hat, wie es stattfinden sollte. Ich kenne auch Frust. Frust hat man, wenn etwas nicht stattgefunden hat, von dem man schon vorher wusste, dass es niemals stattfinden würde. Obwohl man es dringend brauchte.

Sommerloch ist anders. Sommerloch scheint ein zustand zu sein, wenn nichts da ist, obwohl etwas da sein sollte. Paradoxerweise weiss man weder, was dieses etwas gewesen wäre, noch warum dieses etwas fehlt. Zugleich kriegt man ohne jede vernünftige erklärung etwas vollkommen anderes, von dem man nur weiss, dass man es garantiert nicht braucht.

Wie zum Beispiel dieses Foto. Also wenn man Sommerloch ins internet schreibt. Und man kriegt dann dieses bild von dem strassenschild von dem ort der sommerloch heisst, aber kein sommerloch hat.

Oder das Sommerlochtier. Dieses wort war bisher an mir vorbei gegangen (ach, wie glücklich war ich gestern!). Leider erschliesst es sich schnell. Das sommerlochtier ist jedes beliebige tier, das irgendetwas tut, was es normalerweise nicht tut. Ohne dass es eine vernünftige erklärung dafür gibt, warum es tut, was es tut. Solange man darüber faseln kann, qualifiziert es sich als sommerlochtier.

Wie zum beispiel diese tiere hier, über die man super spekulieren kann:


Ist das nun ein krokodil, das nicht schwimmen kann?

Oder ein krokodil, das schwimmende menschen nicht essen darf?

Wieso ist hier überhaupt ein krokodil?

Hat es ihm an der unstrut nicht gefallen?



Und warum hängt der frosch am baum?

Sind dem Frosch Bäume verboten?

Oder ist der frosch selbst verboten?

Hofft man, dass das krokodil das schild liest und versteht, dass es auch frösche nicht fressen soll?

Nichts ist klar, nur eins ist klar: das sommerlochtier hat wieder mal keiner vernünftig erklärt.

(Ethisch wäre es eigentlich ein problem, dass hier nicht steht, dass dieser frosch in brandenburg lebt und jenes krokodil in kenia, dass sie sich also praktisch in echt nicht kennen. Ist aber kein problem. Es gehört zur DNA der sommerlochtiere, dass jeder alles behaupten darf und keiner irgendwas belegen muss.)

Im englischen heisst sommerloch übrigens „silly season“. Und ein paar smarte briten haben vor ca. 160 jahren eine sinnvolle definition für ihren begriff der parlamentarischen pause gefunden:

„[…] we sink from nonsense written with a purpose to nonsense written because the writer must write either nonsense or nothing.“

An dieser definition sieht man, dass die briten glückliche menschen sind. Das englische wort betont die komik, das deutsche die agonie. Von den briten lernen heisst… glücklich nonsense schreiben.

Zitat:
„The Silly Season“. Saturday Review. 12 (298): 37–38. 13 July 1861. Retrieved 31 July 2021.

Ein Rädchen am Tier

Heute stelle ich euch mein Lieblingstier vor: die Kröte, namens Schildi, von der ich allerdings nicht weiß, ob ich für sie auch der Lieblingsmensch bin. Schildi läuft in der amtlichen Einordnung  m/w/d  unter d. Das liegt nicht an ihrem Namen, sondern daran, dass sie weder Eier legt noch eierlegenden Artgenossinnen hinterherrennt. Der Tierarzt, wird er nach dem Geschlecht dieses Wesens gefragt, zuckt mit den Schultern und wiegt den Kopf. Also am Ehesten divers.

Schildis Lieblingsspeise ist eine Löwenzahnblüten- Erdbeerenmischung an Kopfsalatblättern, alles aus biologischem Anbau und todsicher vegan. Die Lieblingsfarbe dieses Tieres ist aber nicht grün, sondern graugelbbraun, die Tarnfarbe für Verbuddeln im Sand.

Schildi ist körperlich stark beeinträchtigt, aber sehr gut ins Familienleben inkludiert. Vor sechs Jahren wurde das Tier von einem Fuchs angegriffen, der ihr das rechte Vorderbeinchen ganz und das linke Hinterbeinchen zur Hälfte abgebissen hat. Vielleicht ist er daraufhin an den Krallen der zweimal vier Zehen erstickt. Die Tierärztin fragte: Wollen sie investieren oder soll ich der Kröte die Spritze geben? Was für eine Horrorfrage, Schildi gehörte damals schon seit einundzwanzig Jahren zur Familie. Es folgte eine Odyssee mit Operationen, Medikamenten und langen Fahrten zu Spezialtierkliniken.

Bei den nächsten, nachcoronalen, Paralympics im Tierreich startet Schildi in der Disziplin: Einrädriger Rollersprint. Das Tier ist laut Cites erst neunundzwanzig Jahre jung, noch etwas verspielt, aber frohgemut, und wird es in seinem Leben sicher sehr weit bringen.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 8: Elouise trifft Babsi, das europäische Minischwein

Élouise hat Babsi getroffen, ein europäisches Minischwein mit deutschem Namen, das in der Provence lebt, bei Uta. Uta ist früher in meine Klasse gegangen – oder ich in ihre. Babsi hört, wenn Uta sie ruft, liegt im Winter vor dem Kamin und im Sommer auf dem Küchenfußboden herum. Ihre Tage verbringt sie bei den Hühnern, deren Namen ich mir nicht alle gemerkt habe.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 8: Elouise trifft Babsi, das europäische Minischwein weiterlesen

Postkarte aus Angermünde

Im neueröffneten Museum im Haus Uckermark stand es vor mir, das Modell des blauweißen E 512. Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, summte es in meinem Kopf. Sehr früh ging sie zur Arbeit, wenn sie auf den Mähdrescher stieg. Aber bevor sie die Ernteschlacht schlug, reisten wir im himmelblauen Trabant quer durch das Land und machten Urlaub an der Ostsee. Es waren heiße Sommer. Aber die Sehnsucht nach Veränderung wuchs im Land. Konzerte mit Bob Dylan und dem Boss konnten das Verschwinden des Landes, in dem der E 512 im Sommer über die Felder fuhr, nicht mehr aufhalten.

Nachtschattennotizen im Tagwald

Wenn LOLA dann GERTI

…well, I’m not dumb but I can’t understand
why she walked like a woman but talked like a man
oh my Lola
La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola

well, we drank champagne and danced all night
under electric candlelight
she picked me up and sat me on her knee
and said „dear boy, won’t you come home with me?“La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola…


Wenn ich LOLA von den KINKS höre, denke ich an den MOHREN.

Wenn ich an den MOHREN denke, sehe ich GERTI vor mir.

MOHREN, der: legendäre Kneipe meines Heimatstädtchens (R.I.P.)
Hier wuchs ich step by step und noch leicht jugendlich verschämt ins Nachtleben hinein, das überwiegend bevölkert wurde von biertrinkenden Kerlen in Lederjacken, die grünen Ascot rauchten, Selbstgedrehte, ganz Harte bevorzugten Schwarzen Krauser – alles, was irgendwie links war, alternativ, politisch aktiv, wohnte nachts im bluesverhangenen Qualm des MOHREN*. 

GERTI, die: Inkarnation einer Wirtin, in ihren 50ern damals, klein, sie ragte kaum über ihr enges Thekenreich hinaus, aber mit Volumen in jeder Hinsicht. 

Die geballte Autorität der Chefin lag in ihrem Blick, mit dem sie uns herrisch Redeerlaubnis zur Bierbestellung erteilte, kurz auffordernd nickte; selten barsch ein „was willsch“, mehr Befehl als Frage; optisch fesselnd war sie ohnehin: wasserstoffperoxidblondes langes Haar wippte auf ihrem, mit Verlaub: Atombusen; schreckliches Wort, obendrein seltsam, sind Atome nicht etwas sehr Winziges – ich vermute aber, das Wort wurde für sie erfunden, auch wenn Gertis Busen eigentlich in gar kein Wort, auch in keinen Blick hineinpasste, ich übertreibe nicht.

Bisch du überhaupt scho 16 – ich schüchtern: na klar, das war für Jahre unsere einzige Unterhaltung, vielleicht noch GERTI: an schnaps kansch hao, als ich dort meinen 18. geburtstag feierte, ICH: machsch mir n deckl bitte, strichlisten auf Bierfilzln führte Gerti so lange, bis kein Platz mehr für weitere Striche war.

Die MOHREN-Luft war immer geschwängert mit Rauch, zudem mit Musik aus der Jukebox, die Münzen drückte uns Gerti in die Hand. Jimi und Janis hoch und runter, Hotel Californiaund la-la-la-la-LOLA, yeah, Lola, die erste Transe meiner Jugend, den Text fand ich stark**, und das Klackern der Billardkugeln aus dem Hinterzimmer drang wie zur Beruhigung durch alle Stimmlagen der lautstark geführten Kneipendiskurse. 

Doch nichts erreichte in seiner akustischen Einmaligkeit Gertis Lachen, unvermittelt und in höchsten Höhen einsetzend, wie übersteuert, schrill, kaskadenartig nach unten stürzend, um harmonisch glucksend zu verebben in ihrem festen Kugelbauch. 

Obendrein ihre derben Sprüche. Wollte sie die letzten verbliebenen männlichen Thekengäste loswerden, kam gerne dieser: Gand hoim zu eire wüaschte Weiber!– Kaskadenlachen. Niemand durfte sowas sagen, damals schon nicht. Außer Gerti.

Es gibt keine Tonaufnahme von Gertis Lachen. Aber es gibt LOLA. Ich liebe diesen Song.

*Um den Namen dieser Wirtschaft, die zur Zeit meiner Großeltern (die dort damals ebenfalls verkehrten, tagsüber allerdings) eine gutbürgerliche Gaststätte war, scherte sich kein Mensch; 2001 wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen und die MOHREN-Ära endete, Gerti wurde arbeits- und heimatlos, sie wanderte aus. Und wir ehemaligen MOHREN-Kinder irren noch heute durch Memmingens nächtliche Gassen, keinen Ersatzhafen gefunden bislang, also: obdachlos, ziellos schlendernd auf alten Pfaden, beim Anblick des neu gebauten schmucken Geschäftshauses an MOHRENs Statt LOLA aus der Jukebox im Ohr, im Hintergrund Gertis Lachen. 

** LOLA von The Kinks

I met her in a club down in old Soho
Where you drink champagne and it tastes just like coca cola
C-O-L-A, Cola

She walked up to me and she asked me to dance
I asked her her name and in a dark brown voice she said Lola
L-O-L-A, Lola
La-la-la-la Lola

Well, I’m not the world’s most physical guy
But when she squeezed me tight she nearly broke my spine
Oh my Lola
La-la-la-la Lola

Well, I’m not dumb but I can’t understand
Why she walked like a woman but talked like a man
Oh my Lola
La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola

Well, we drank champagne and danced all night
Under electric candlelight
She picked me up and sat me on her knee
And said „Dear boy, won’t you come home with me?“

Well, I’m not the world’s most passionate guy
But when I looked in her eyes, well I almost…

Der Gesang Der Ratten

Ricarda de Haas

Mit dem Leben kommen zugleich alle Geräusche zurück. Töne, Sound, Musik. Die ersten Nachbarn, die live auftreten, sind Katzen. Jellicle Ball im Hinterhof.

Anders als bei Cats ist die höfische Victoria eine reinschwarze Katze. Klein, elegant, mit scharfen Krallen. Macavity ist viel netter als sein Ruf, aber er gibt sich Mühe, dass niemand das merkt. Bombalurinas Stimme, wie könnte es anders sein, ist am häufigsten zu hören. Nächtelang. Kater finden sie sehr verführerisch. Mr Mistoffelees ist neu eingezogen, aber verzaubert schon alle. Und ist vermutlich nicht binär (soweit Menschen das bei Katzen beurteilen können).

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Und Alt Deuteronomus? Schläft.
Und interessiert sich ansonsten für Hühnchen.

Alle zusammen bilden eine Compagnie.
Sie singen für sich, nicht für uns, und man hört, dass sie Spaß daran haben.
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Noch vor den Katzen sangen die Ratten.
Im Lockdown verteilten sie sich auf die Fenster,
pro Fenster eine Corona-Gemeinschaft.
Die bekannten „Interpretationen der
Kirchenchor-Top-Ten und DDR-Arbeiterkampflieder“
(O-Ton rattenbar.com) schallten durch die Höfe,
enthusiastisch, politisch
und nicht ganz synchron.

Sie probten für einen Sommer mit Live-Auftritten. Rattenbar und Rattenchor werden dieses Jahr zwanzig. Und der CSD ruft, natürlich.
Sie sangen für sich, nicht für uns, und man hörte, dass sie Spaß daran hatten.

Und doch: Hinterhof-Konzerte gehören allen, die zufällig hinhören. Sie sind der Sound eines heißen Sommers.

Bleibt nur die Frage: Wieso hat noch niemand Rats komponiert? Das queere Kiezmusical mit „Räkeldamen“, „Armdrücken“ und „Trashexzessen“. Laut, schrill, widerständig. Und selbstverständlich asynchron.

shownotes:
http://rattenbar.com/rattenbar/

Songs, verwirbelt, verzwirlt

Da gab es eine, die bekam als Kind einen Flügel geschenkt, dass er SIE in die Künste hinaustrage. SIE spielte nicht darauf, SIE nutzte ihn als Stehpult … um Gedichte zu schreiben, Gedichte von einer einzigartigen Poesie getragen und beflügelt. Viele Jahre später schrieb SIE ein Requiem. Ein Requiem aus Worten. Ein Requiem für Ernst Jandl. Songs von IHR sind mir nicht bekannt.

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Maja Linthe: A Post for a Song

Manchmal ein Post von dir über Whatsapp, zynisch meist und verschwurbelt. Da bleibst du ihm treu. Den Link hast du mir geschickt zu dem Song und der Geschichte dahinter. Well I’ll be damned, here comes your ghost again… Und es ist nicht so recht klar, wer von uns den Geist gibt, und zur Madonna tauge ich nicht, denn, wie du weißt, war ich schon immer besser darin, geliebt zu werden, als darin zu lieben.

In unserem besetzten Institut in Berlin sang ich während des Unistreiks, war blöde aufgeregt, so wie immer. Ich wollte manchmal wie Melanie klingen, manchmal wie Nina Hagen, was mir nicht gelang. In der alten Lederjacke, die Gitarre über der Schulter, bin ich aus dem Fenster geklettert, um artig zur Arbeit zu gehen. Du nanntest mich den weiblichen Bob Dylan, aber ich stand mehr auf Joan Baez. Sie hatte dieses Konzert in der Waldbühne mit Bettina Wegner gegeben, die sich vor lauter Schüchternheit kaum auf die Bühne traute. Das war mehr meine Welt. Während du bei den Rolling Stones schriest und natürlich Bob Dylan verehrtest, versuchtest, so auszusehen wie er, dich selbst so fotografiertest. Trotzdem gefiel mir, was du sagtest zu mir, und auch ich habe mich von da an gerne durch deine Augen gesehen und durch deine Kamera.

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