Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 6

Während ich mit Élouise durch die Stadt lief, hörte ich Musik und tippte von Zeit zu Zeit in den Rhythmus unserer Schritte und in mein Smartphone hinein meinen Text. Vor der Sammlung Prinzhorn hielten wir an, spähten durch die Scheibe und unser Spiegelbild ins geschlossene Museum. Ich reichte Élouise den rechten Knopf meiner Kopfhörer und gemeinsam hörten wir die Zeile des Refrains: „Don‘t look away, it will be gone.“ Also wandten wir den Blick nicht ab, sondern blieben stehen und ich notierte mir die Liedzeile, so gut es ging, blind.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 6 weiterlesen

Nachtschattennotizen im Tagwald

quakenbrück : ausfall II

es macht einen unterschied woher du kommst
ob aus hamburg, buxheim oder vom planeten trillaphon

wurde frau hauser danach gefragt
und das passierte selten genug aufgrund der allgemeinen 
homeoffice-verordnung
kam sie neuerdings „aus dem bett“

schlösse man vom namen ihres städtchens auf sie selbst
fürchtete sie für eine dieser schnattertanten gehalten zu werden
mit kissen auf fensterbank und allzeit im bilde
brühwarm die breaking news aus der nachbarschaft 
ganz smart per phone und pc in alle winde streuend tag für tag

genau so eine war sie auch
aber wer will das schon an die große glocke hängen

ihr kurzes knallrot gefärbtes kunstvoll toupiertes haar
die kühn um den hals geworfene grüne federboa sobald
sie das haus verließ forderten durchaus manch fremde 
zu der frage nach ihrer herkunft auf
„aus dem bett“ war eine hervorragende antwort
noch keiner der fragenden bislang hatte angemessen
auf diese auskunft reagiert

frau hauser amüsierte das köstlich und stets aufs neue
eintönige zeiten erfordern beherztes ausscheren aus selbigen

heute beschließt frau hauser blau zu machen
sie verlässt ihr 2-Zi/küche/bad/wc-büro
besorgt sich ein fläschchen eierlikör und richtet sich häuslich
auf ihrer lieblingsparkbank ein 
ruhige lage direkt hinter dem städtischen krankenhaus
und sichere 40 gehminuten von ihrer wohnung entfernt

als eine alte frau von einem pfleger in ihrem krankenhausbett
an ihr vorbeigeschoben wird
seufzt frau hauser leise und prostet ihr zu

die frau lächelt zurück
hebt einen daumen und ruft „kommen Sie – wir tauschen“
frau hauser fackelt nicht lange und steht auf

zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
.

.
für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
.

.
und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.

Vorträumen

Vorgenommen habe ich mir nichts für dieses gerade begonnene Jahr, vorsichtig bin ich geworden mit meinem Vorhersagen und Vorausschauen. Diese eigenartige VOR-Silbe führt mich zurzeit eher zurück:
Vor langer Zeit hat es in diesem ersten Monat des neuen Jahres stets viel Schnee gegeben. Vor zwei Jahren habe ich in dieser Woche meine Ski ins Auto geladen, um ins Gebirge zu fahren, dort auf den Brettern den Wald zu durchqueren, bergauf, bergab.

Vor einem Jahr habe ich an diesem Tag vor meinem PC gesessen und einen Flug gebucht, für Mai, mit Frühbucherrabatt, in einen entfernten Winkel unseres Kontinents …
Nun sitze ich hier und zerreiße den (inzwischen ungültigen) Gutschein der Fluggesellschaft.
Wenigstens vordenken könnte ich ja in meiner Traumbastelbude für Träume mit hohem Erfüllungspotenzial. Ich drehe am Globus und spähe durchs Fernglas.
Da ist einer: Ich streife mit Élouise durch den Tagwald, denke über Assoziation zwischen Kiez und Welt nach, hefte dabei Postkarten aus verborgenen Winkeln Brandenburgs an die Bäume und streue Nachtschattennotizen auf den Weg.

Und dort noch einer: An einem schönen Sommertag drehen alle alphabettínen zusammen in Plessa das Mühlrad.
Das Fernglas beginnt vor Freude zu zappeln.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 5

Élouise und ich spazierten zu zweit durch das Feld mit Platz zwischen uns für eine unsichtbare Dritte. Noch vor Anbruch der Sperrstunde wollten wir in der Dunkelheit die Unsichtbare nach Hause geleiten, wo immer das sei. Wir begegneten anderen spazierenden Paaren mit unsichtbaren Dritten in ihren Mitten, liefen in großen Bögen umeinander herum.

Mitten im Handschuhsheimer Feld lag ein Kaffeehäuschen, das schon länger im Lockdown war. Das große Fenster, durch das man einst Cappuccino hinausgereicht hatte oder Espresso Macchiato, war schon lange geschlossen, hatte kunstvoll Patina angesetzt, nach Graffiti-Art.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 5 weiterlesen

Postkarte aus dem KINDHEITSLAND

Als ich ein Kind war, fiel der Schnee in dicken Flocken. Mit weißen Tüchern deckte er die Fensterbretter zu, den Hof und das ganz Dorf. Wir rodelten. Die Großen schnallten die Skier unter. Wir bauten Schneemänner und lernten das Gedicht von den hungrigen Vögeln im Winter. „Buntspecht, komm nach vurn. Buntspecht, hier ist dein Wurm. Und besten Dank für die Arbeit.“

Einmal fiel der Schnee und fiel und fiel und hörte gar nicht mehr auf zu fallen. Die Großen nahmen die Schaufeln und schaufelten Gänge vom Haus zur Straße und vom Haus zum Holzschuppen und vom Haus zu den Hühnerställen. Wir formten Ziegel aus dem Schnee und bauten mitten im Garten einen Iglu. Nur ich konnte darin aufrecht stehen.

Nachtschattennotizen im Tagwald

totalausfall in quakenbrück

verdienstausfall unterrichtsausfall handballturnierausfall
ausstellungsausfall lesungsausfall
anstandsregelausfall abstandsregelausfall
gesundheitsausfall abschiebestoppausfall klimaschutzausfall
friedensausfall haarausfall (kriegsausfall: nein)
geburtstagsausfall hochzeitsausfall leichenschmausausfall
gedächtnisausfall wortfindungsausfall textausfall 
phantasieausfall empathieausfall
auffahrunfall wegen gesichtsfeldausfall (maskenbedingtem)
silvesterausfall 

und gestern dann vor dem quakenbrücker rathaus: auch ich

ich wurde so ausfällig, dass mich zwei der anwesenden polizisten
in gewahrsam nehmen mussten – zum schutz meines eigentlich 
sehr netten hippie-nachbarn aus dem dritten stock, den ich auf
einer querdenkerdemo gesichtet hatte – vergleiche hierzu gerne
und unbedingt: 

https://www.der-postillon.com/2020/11/querlenker.html

tzzzzzzzzzzzzzzzzsicherung durchgebrannt
ist ja auch sonst nichts los in quakenbrück
nur hin und wieder ein stromausfall 
die edv im umspannwerk hat immer noch kein 
virenschutzprogramm

stille nacht: kannst kommen