Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

erinnerungskultur

fallen fiel gefallen sagt man 

wenn man worte beugen will

(auch ein zer- oder verfallen ist durchaus möglich und 

kann gebeugt werden bei bedarf)

kinnladen können herunterfallen

ziegel vom dach 

matrosen vom mast 

flugzeuge vom himmel 

der baum fällt einfach nur

türme (als prominentes beispiel) fallen mitunter in sich zusammen 

dazu müssen sie nicht einmal vorher schief sein

in sich zusammenfallen fiel in sich zusammen in sich zusammengefallen

kannst mensch du auch

neulich erst war ich in mich zusammengefallen nur kurz mal eben –

das unterscheidet uns von türmen

(grundlegend aber gilt für alle gläubigen: 

EIN TURM IST SICHER 

der aufzug hat einen boden das stockwerk auch der treppenabsatz 

selbst die kleinste stufe trägt 

dich mensch über das fallen hinweg)

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

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II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

.

III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Bedeutung

Am Morgen liegt eine Feder vor der Treppe des Hauses. Keine kleine, eine handgroße.

Da ich Federn mag und denke, es wird eine Bedeutung haben, wenn sie so offensichtlich vor meinen Füßen liegt, hebe ich sie auf.

Stecke sie in die Blumenschale auf der Treppe. Sehe sie jeden Tag und erfreue mich an ihr.

Eine schöne Feder. Graubraun gefiedert.

Blog feder 1

Wer sie wohl verloren hat. Eine Eule vielleicht? Elster oder Taube nicht. Die erkenne ich. Die fliegen um das Haus und auf das Haus. Meine Feder schweigt. Marion Boginski – Klein(ich)keiten weiterlesen

seitensprünge

Seitensprünge

Der klassische Seitensprung – wir kennen ihn. Bereits aus der Schulzeit. Deutschunterricht … Da war doch was …  In diesem Jahr kommt wohl keine(r) an Effi vorbei.

Ich habe sie neu entdeckt: im Archiv und im Museum.

  • Am 1. Juni 2019 in der Villa Quant in Potsdam, die das Fontane-Archiv beherbergt, bei einer Lesung des Jugendprojekts eff.i19. Wie frisch und modern sie doch sein kann, die Effi.

Zum Selbstentdecken einer rebellischen Effi =>http://www.effi19.org

und in dem Buch mit allen Texten der fünf Projektgruppen.

Hier bitte auch das Impressum lesen (neben dem Inhaltsverzeichnis) – das Team Frankfurt/Oder wurde von unserer Carmen Winter geleitet.

 

 

  • Am 16. Juni 2019 bei einem Besuch im Museum Neuruppin mit der Leitausstellung Fontane 200/Autor – einen ganzen Raum allein für Effi gibt es dort – und vieles andere mehr: zum Verweilen und Suchen, zum Aufspüren Fontanischer Wortschöpfungen und Zitate, zum Lachen, Schmunzeln und Nachdenken.

 

Weitere Fontanische Wortschöpfungen: Zärtlichkeitsallüren, Waldteufelgebrumm, Generalkladdersdatsch …

Und zum Schluss noch ein Zitat (aus einem Brief Fontanes an seine Frau Emilie, 1879):

„Personen, die ich gar nicht als Schriftsteller gelten lasse, erleben nicht nur zahlreiche Auflagen, sondern werden auch womöglich ins Vorder- und Hinterindische übersetzt; um mich kümmert sich keine Katze.“

 

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Standort Berlin

Ich bin wieder in Berlin, teile hiermit meinen Standort mit euch. Ich bin wieder in Berlin, zunächst in Kreuzkölln um genau zu sein, ein Bezirk, den es, als ich fortging von hier, so noch nicht gab. Und, dass ich wieder in Berlin bin, stimmt eigentlich nicht, weil dieses Ich, welches jetzt das meine ist, so noch niemals in Berlin war, eine binsige Wahrheit, die sowohl auf Berlin zutrifft, als auch auf mich. Manchmal treffe ich Berliner*innen, die heimlich älter geworden sind, die ich nur von der Straße kenne, deren Namen ich weder heute weiß noch damals wusste. Nur meine Freundinnen altern gemeinsam mit mir, begleitetes Altern sozusagen, was tröstlich und schön ist, denn das Alter kann cool sein und entspannt, hier in Berlin allemal. Und so sammle ich meine Freundinnen wieder zusammen, in Kreuzberg und Alt-Treptow, bringe uns auf den neuesten Stand, Berlin und mich, umarme die Alten im Neuen und die Neuen im Alten. Demütiger sind wir geworden, auch weil die Mehrzahl der Jahre nicht mehr vor, sondern hinter uns liegt. Und die Demut steht uns gut. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Viel Vergnügen

Sonntag und Sommerwetter und ich mit einem guten Buch am Ufer des Teltowkanals, bis der Hunger kommt. Moment mal, Anfang Juni, ist da nicht ein Rummel im Park um die Ecke wie in jedem Jahr? Ich stelle die Ohren auf Empfang: Tatsächlich, nun höre ich ein Jauchzen und Kreischen und Hupen und wummernde Bässe. Ist ja nicht so, dass man mich mit Autoscootern und einem Riesenrad locken könnte, aber wenn ich mir Knoblauchbrot und Erdbeerbowle vorstelle, sieht es schon anders aus. Das Buch zugeklappt, zehn Minuten Fußweg, und schon bin ich mitten im Getöse. Alles dreht sich, alles bewegt sich, eine Menschentraube an der Losbude, die Oma bringt fünf Punkte, der Opa zehn. Nichts Neues, denke ich und folge dem Duft von gebrannten Mandeln, bis  mich etwas abrupt innehalten lässt:
Eine Gondel steht senkrecht hoch über den Baumkronen, die andere ist gerade am Boden und wird frisch befüllt, sechs coole, aber kreideweiße Teenager torkeln heraus, fünf neue werden festgesteckt, ein Mädchen springt ab im letzten Moment, sichbar verzweifelt, wohl weil der Mut sie verlassen hat. Dabei brauchte es doch schon immer viel mehr Courage, sich dem Gruppendruck zu widersetzen, als eine Wahnsinnstat zu begehen. Denn für die anderen gibt es schon kein Entrinnen mehr. Langsam, schneller, rasend herum und herum und wieder herum wie eine Waschmaschine im Schleudergang, nur nicht Shirts und Shorts an Bord, sondern Halbwüchsige, und eine Trommel dreht sich nicht auch noch um die eigene Achse und schaukelt dabei hin und her wie dieses Höllengerät.
Da heißt es immer, die Jugendlichen litten heutzutage unter Bewegungsmangel. Nun, diese hier nicht. Es kann auch keine Rede von Entschleunigung sein, noch lange hin, bis die Kids Rosinen kneten und im Storchengang durch Schlamm waten werden. Wildes Geschrei saust an mir vorbei, zum Glück, sie leben noch, und auch meine Fantasie ist quicklebendig. So weiche ich zurück für den Fall, dass jemandem da oben der noch eben genossene Imbiss aus dem Gesicht fällt; ein Schauer durchgekauter Pommes rot-weiß aus tintenblauem Himmel. Und was geschieht eigentlich, wenn ein plötzlicher Defekt die Maschine nicht mehr stoppen lässt?
Aber nein. Aber nein. Das Tempo verlangsamt sich. Allmählich. Die Bremsen scheinen zu greifen. Das Karussell bleibt stehen, und hinter der Absperrung hat sich schon eine Schlange gebildet für die nächste Fahrt. Es gibt sie, die Außerirdischen, sie leben mitten unter uns. Die da und ich – das kann doch nicht dieselbe Spezies sein.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Bedrohliche Untergrundbewegung

Habt ihr euch in letzter Zeit mal die Straßen angesehen, durch die ihr Tag für Tag lauft? Da finden sich zunehmend Kuhlen und Löcher, Risse in Häuserwänden – und das nicht nur in Berlin. In der Neuen Zürcher Zeitung war kürzlich zu lesen, dass weltweit immer mehr Häuser, Brücken, Gleise, ja ganze Städte absinken. Wir verlieren offensichtlich den Boden unter den Füßen! Man denke nur an das Busunglück in Trudering vom 20.09.1994, an den Einsturz des Stadtarchivs in Köln am 03.03.2009 oder an meinen Sturz vom 13.07.2018, als ich in ein Straßenloch trat und mir nicht nur den rechten Knöchel verstauchte, sondern auch mein linkes Knie aufschürfte! Und das sind nur drei Beispiele von vielen.

Manche glauben, dass daran die in Teilen schlecht befestigten Tunnelsysteme schuld sind, die ausgehend von Großbaustellen wie dem Flughafen BER in Berlin oder Stuttgart 21 unser Land durchziehen. Angeblich sollen in diesen Tunneln Millionen von Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus KLÜTZ

Ich fand einen Speicher, in dem Getreide gespeichert wurde. Es rieselte von Etage zu Etage durch das ganze Haus. Ich fand einen Speicher, in dem Literatur gespeichert wird. Texte, Wörter, festgehalten an den Wänden, in Büchern, auf Tonträgern. Uwe Johnson war hier – eigentlich nicht. Oder doch? Ist Klütz = Jerichow? Eigentlich nicht – oder doch? Der alte Speicher versucht, ein Leben und ein Werk zu fassen, Fakten und Fiktion. Tür und Fenster stehen offen. So kann das eine oder andere entweichen. Und ich konnte eintreten. Ich fand die Katze Erinnerung. Die kroch mir in den Jackenärmel.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

Zugstillleben : Toilettenfengshui

Stillleben, welch ein Wort. Zerfließt sofort auf der Zunge, meint aber etwas ganz Konkretes: die Darstellung toter oder regloser Gegenstände.

Je nach Art dieser (mindestens) reglosen Gegenstände unterscheidet man folgende Unterarten des Stilllebens, sagt Wikipedia:

Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte-, Frühstücks-, Jagd-, Küchen-, Markt-, Musikinstrumente-, Vanitas- oder Waffenstillleben.

Waffenstillleben. Dem braven Reichsbürger an die Wohnzimmerwand.

Dann doch lieber den Charme einer Zugtoilette preisen, vielleicht mit einem HAIKU?

Toilettenfengshui

/Wind und Wasser an Zugluft/

gereicht uns zum Glück

Ich lese nach: Die Lehre des Fengshui, chinesisch für Wind und Wasser / 風水 / 风水

will erreichen: die Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung.

Die Bahnchefs wollen das augenscheinlich auch, sie sagen: Harmonisieren Sie doch einfach mal mit einer ICE-Toilette, Sie werden staunen, welche Befreiung sich augenblicklich einstellt. Genießen Sie das friedvolle Ambiente des Lokus – dem 2001 ins Leben gerufenen Welttoilettentag sei Dank, der sich die Verbesserung der Verhältnisse an oder in Toiletten (!) auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Interieur-Design-Abteilung der Deutschen Bahn hat ihren Teil mit subtil asiatischer Anmutung erledigt, jetzt sind Sie am Zug, im Zug, und lassen es, bitteschön fengshui-anmutig wohlig laufen. Selbst wenn der gerade nicht rollt.

„Die Benutzung des Aborts ist während des Aufenthalts auf Bahnhöfen nicht gestattet“, diese Zeiten sind längst vorbei.

Meine Mutter hat die harmonisierenden Zeichen der Zeit noch nicht erkannt – selbst auf langen Zugfahrten weigert sie sich, den Abort, den Ab-Ort, diesen abseitigen Ort zu betreten. Lieber trinkt sie stundenlang nichts. Da läuft aller Häuselzauber ins Leere.