Nachtschattennotizen im Tagwald

Wenn LOLA dann GERTI

…well, I’m not dumb but I can’t understand
why she walked like a woman but talked like a man
oh my Lola
La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola

well, we drank champagne and danced all night
under electric candlelight
she picked me up and sat me on her knee
and said „dear boy, won’t you come home with me?“La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola…


Wenn ich LOLA von den KINKS höre, denke ich an den MOHREN.

Wenn ich an den MOHREN denke, sehe ich GERTI vor mir.

MOHREN, der: legendäre Kneipe meines Heimatstädtchens (R.I.P.)
Hier wuchs ich step by step und noch leicht jugendlich verschämt ins Nachtleben hinein, das überwiegend bevölkert wurde von biertrinkenden Kerlen in Lederjacken, die grünen Ascot rauchten, Selbstgedrehte, ganz Harte bevorzugten Schwarzen Krauser – alles, was irgendwie links war, alternativ, politisch aktiv, wohnte nachts im bluesverhangenen Qualm des MOHREN*. 

GERTI, die: Inkarnation einer Wirtin, in ihren 50ern damals, klein, sie ragte kaum über ihr enges Thekenreich hinaus, aber mit Volumen in jeder Hinsicht. 

Die geballte Autorität der Chefin lag in ihrem Blick, mit dem sie uns herrisch Redeerlaubnis zur Bierbestellung erteilte, kurz auffordernd nickte; selten barsch ein „was willsch“, mehr Befehl als Frage; optisch fesselnd war sie ohnehin: wasserstoffperoxidblondes langes Haar wippte auf ihrem, mit Verlaub: Atombusen; schreckliches Wort, obendrein seltsam, sind Atome nicht etwas sehr Winziges – ich vermute aber, das Wort wurde für sie erfunden, auch wenn Gertis Busen eigentlich in gar kein Wort, auch in keinen Blick hineinpasste, ich übertreibe nicht.

Bisch du überhaupt scho 16 – ich schüchtern: na klar, das war für Jahre unsere einzige Unterhaltung, vielleicht noch GERTI: an schnaps kansch hao, als ich dort meinen 18. geburtstag feierte, ICH: machsch mir n deckl bitte, strichlisten auf Bierfilzln führte Gerti so lange, bis kein Platz mehr für weitere Striche war.

Die MOHREN-Luft war immer geschwängert mit Rauch, zudem mit Musik aus der Jukebox, die Münzen drückte uns Gerti in die Hand. Jimi und Janis hoch und runter, Hotel Californiaund la-la-la-la-LOLA, yeah, Lola, die erste Transe meiner Jugend, den Text fand ich stark**, und das Klackern der Billardkugeln aus dem Hinterzimmer drang wie zur Beruhigung durch alle Stimmlagen der lautstark geführten Kneipendiskurse. 

Doch nichts erreichte in seiner akustischen Einmaligkeit Gertis Lachen, unvermittelt und in höchsten Höhen einsetzend, wie übersteuert, schrill, kaskadenartig nach unten stürzend, um harmonisch glucksend zu verebben in ihrem festen Kugelbauch. 

Obendrein ihre derben Sprüche. Wollte sie die letzten verbliebenen männlichen Thekengäste loswerden, kam gerne dieser: Gand hoim zu eire wüaschte Weiber!– Kaskadenlachen. Niemand durfte sowas sagen, damals schon nicht. Außer Gerti.

Es gibt keine Tonaufnahme von Gertis Lachen. Aber es gibt LOLA. Ich liebe diesen Song.

*Um den Namen dieser Wirtschaft, die zur Zeit meiner Großeltern (die dort damals ebenfalls verkehrten, tagsüber allerdings) eine gutbürgerliche Gaststätte war, scherte sich kein Mensch; 2001 wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit abgerissen und die MOHREN-Ära endete, Gerti wurde arbeits- und heimatlos, sie wanderte aus. Und wir ehemaligen MOHREN-Kinder irren noch heute durch Memmingens nächtliche Gassen, keinen Ersatzhafen gefunden bislang, also: obdachlos, ziellos schlendernd auf alten Pfaden, beim Anblick des neu gebauten schmucken Geschäftshauses an MOHRENs Statt LOLA aus der Jukebox im Ohr, im Hintergrund Gertis Lachen. 

** LOLA von The Kinks

I met her in a club down in old Soho
Where you drink champagne and it tastes just like coca cola
C-O-L-A, Cola

She walked up to me and she asked me to dance
I asked her her name and in a dark brown voice she said Lola
L-O-L-A, Lola
La-la-la-la Lola

Well, I’m not the world’s most physical guy
But when she squeezed me tight she nearly broke my spine
Oh my Lola
La-la-la-la Lola

Well, I’m not dumb but I can’t understand
Why she walked like a woman but talked like a man
Oh my Lola
La-la-la-la Lola
La-la-la-la Lola

Well, we drank champagne and danced all night
Under electric candlelight
She picked me up and sat me on her knee
And said „Dear boy, won’t you come home with me?“

Well, I’m not the world’s most passionate guy
But when I looked in her eyes, well I almost…

Nachtschattennotizen im Tagwald

mal raus ins grüne / zeitzeichen raten

ein ewig geradezu ewig
langweiliges stück des spazierweges
schnurstracks am bahndamm entlang
dreierlei schallschutzgrün immerhin fiel dem 
schallschutzwandhersteller ein

blick sucht nach halt und DA! fällt auf  
den im deutschen schilderwald radikal neuen
hinweis für heimliche eidechsen unter uns 
– es gibt einen ausweg – down please! 
ihr bodennahen geschöpfe
ihr findet ebenerdig euer entkommen

warum hingegen zur rettung der grünen männchen
das European Centre for Disease Prevention and Control
vom jugendlichen sprayer vorgeschlagen wurde 
– the answer is blowing in the wind

oder hat der jugendliche sprayer eine E/A-schwäche 
(und obendrein den blitz zwischen C und D für 
vernachlässigenswert erachtet)

blick sucht nun halt im www // wird fündig:
Eisclub Die Coyoten Memmingen Indians e.V.
(geht noch einschüchternder – vormals:
Eliteclub Dynamo Chiemsee)

wie naheliegend / enttäuschend beinahe 
– der örtliche eishockeyverein
no news from outer space

Was mir gefällt in diesen Tagen …

dass das zarte Frühlingsgrün – Verdienst der langen Kälte – länger leuchtet als in Vorjahren

dass ich den Regen willkommen heißen kann

dass die Sonne immer wieder durch Wolkenberge dringt und die Luft erwärmt

dass der zum Leben so wichtige Sauerstoff jetzt aus Europa nach Indien gelangt

dass die kräftige Rose im Garten nicht wild um sich sticht, weil die Nachbarin, ihres Schwächelns wegen, den nährenden Kompost zuerst erhält

dass Küsse, wenn auch weniger, so doch beseelter geworden sind

dass viele Menschen mit mir gemeinsam nach dem suchen, was uns gefällt

dass viele Menschen besonnen und beharrlich sagen, was ihnen nicht gefällt

dass Freund*innen, die das anders sehen, trotzdem Freund*innen bleiben

dass wir immer noch und immer wieder einander helfen

dass es den Like Button gibt, auch wenn er meine Faulheit unterstützt (ich könnte ja stattdessen einen Kommentar schreiben)

dass es diesen Blog so lange schon gibt und auch in Zukunft noch geben wird

Nachtschattennotizen im Tagwald

mit den augen eines schwamms. versuch einer selbstvergewisserung

manche zeiten erfordern es, andere fragen zu stellen als bislang, den standpunkt zu wechseln oder dem blick aus dem fenster das recht einzuräumen, die geschicke des tages einmal einzig und allein in seine bahnen zu lenken, die bahnen des augenblicks vom ersten augenaufschlag an, heraus aus dem traumreich, hinein in eine direkt vor der eigenen nase liegende wirklichkeit.

so könnte ich zum beispiel fragen:

hätten Sie nicht auch gerne einmal die wahl zwischen eisbeinen, schweinshaxen und einem zünftigen schwammdrüber?

die unzähligen schweinshaxen nämlich, die ich letzte nacht, am schweinshaxenfließband stehend, verspeisen musste, mit dem pistolenlauf des großküchenkochs an meiner schläfe, nahmen leise knisternd und britzelnd, während ich ungläubig die augen wiederholt zukniff, blinzelte, aufriss, zukniff, nahmen also leise knispelnd und bei zunehmender wachwerdung immer deutlicher die form von kristallklaren kakerlakenbeinen an, überdimensioniert zitterten sie durch mein gesichtsfeld, während mir noch das fett aus den mundwinkeln troff. 

mit einer barschen handbewegung wischte ich mir die traumgespinste aus dem gesicht, nicht willens, auch nur einen einzigen gedanken an die deutung des schlafend erlebten zu verschwenden.

blieben: die eisbeine über mir. 

wäre das bis hierher geschilderte nun eine geschichte, die ich mir ausgedacht hätte, hätte ich mich sauber in eine textecke verrannt, aus der es so leicht kein entkommen mehr gäbe: was weiter anfangen mit diesem bizarren insektengebein knapp über meinem kopf, an einem beliebigen mittwochmorgen.

ich nähme, nach langem starren auf den verknurpselten text auf meinem monitor, die löschfunktion meines bildbearbeitungsprogramms zu hilfe, hielte die linke maustaste gedrückt, ein kleiner schwamm statt des blinkenden cursors erscheint, und wischte in zackigen bewegungen das foto auf meinem monitor weg wie ein missratenes tafelbild.

sehr befriedigende vorstellung, die deutungshoheit habe immer noch ich.

und so warte ich als real existierendes ich auf die ersten sonnenstrahlen, die langsam über mein dachfenster lecken. man wird ansonsten ja noch ganz irre in diesen zeiten.

Nachtschattennotizen im Tagwald

between WORK between LIFE between BALANCE between

so geht das seit wochen seit monaten seit sehr vielen monaten
man wird so müde die zeit zu zählen überhaupt zu zählen. zu zählen.

wer kann arbeitet weiter mit ohne neben der auch gegen die zeit
wer keine arbeit hat tut vielleicht so als hätte er/sie/* eine

wer gar nirgendwo mehr hinradeln mag sucht vielleicht
abwechslung in gut gewürzten speisen oder 
springt aus der kurve wechselt das gleis die richtung das medium

und findet vielleicht das weite im between der kunst

PS ich habe aus purem ausscherenwollen mein arbeitsgebiet verlassen und einen shrigley kopiert – zur besseren unterscheidung die bildüberschrift jeweils nicht unterstrichen – ich gebe zu seins ist besser irgendwie ausdrucksstärker oder hätte ich einen filzstift nehmen sollen