Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

whatsapp goes knigge

zum beispiel mal gefragt werden vorher

um sein einverständnis gebeten werden

das gibt es, allerdings selten, und macht einen ja sofort misstrauisch

„Entschuldigen Sie bitte, darf ich Sie eventuell der Gruppe

Ich will mit niemandem mehr in einer Gruppe sein mit dem

ich nicht mindestens einmal ordentlich saufen war oder im

Bett hinzufügen?“

ich habe „ja“ gesagt, teils weil ich so nett gefragt wurde,

teils weil ich die chance auf nette bar- und bettbekanntschaften witterte,

frei haus quasi, obendrein eine bar und ein bett auch ein versprechen

auf etwas handfestes sind

in diesen flüchtigen zeiten mal etwas solides, nahezu paradiesisch wäre das

bodenhaftung, denke ich mir, statt virtuell durch die decke zu gehen

was soll ich sagen – das erste date steht, nervosität kommt auf

und ich stelle plötzlich fest, keine passende exitstrategie zu haben

fatal, man sieht ja, wo das hinführt so ganz ohne

ich stecke mir schnell meine gruppenaustrittversicherung in die tasche

ein ganzkörperchat in echtzeit, denke ich, mal ganz was anderes

fühlt sich an wie backen ohne mehl, wie skypen ohne monitor

ich packe noch eben das handy wieder aus, heute naked, die tür fällt ins schloss,

freier fall, und schalte auf autopilot

Frauentag, Berlin

Ricarda de Haas

Ältere Frau auf buntem Fahrrad.
Sie bremst scharf, steht.

Vor ihr quert eine junge Frau. Vermutlich Frau.
Geht, schreitet. Unberührt vom Verkehr, den Blicken.
Schmale Beine in engen schwarzen Hosen, Stiefel, Lederjacke.
Rot leuchtendes Schottenröckchen.
Um die Schultern wippen schwarze dichte Strähnen.
Das Gesicht davon verborgen, umhüllt.

Wer ist sie?
Ein Goth aus den 80ern, auf der Suche nach dem verschwundenen Kreuzberg?
Eine Manga Figur? Afrofuturistisches Model? Riot Grrrl?
In diesem Kiez, in dem nichts je erschütterte, drehen alle sich um.

Als hätte ein Baum sich keck aufgemacht, urbanes Leben zu erkunden.
Zarte Weidewurzeln aus Erde und Wasser gezogen.
Kariertes Schürzchen umgeschnallt.
Und spazierte nun, mit stolz ausladender Krone, neben der Hochbahn.
Der schmale Stamm von dicht belaubten Zweigen umspielt.

Die ältere steht noch immer, schaut. Sehnsucht im Blick.
Fährt mit der Hand durch kurzes Haar. Was sieht sie?
Ihre eigene verwegene Jugend?
Die Freiheit, alles zu wagen, zu sein?
So sichtbar, und doch geschützt.

Der Verkehr rollt an. Die Geräusche kommen zurück.
Das Baummädchen verschwindet.
Die andere steigt in die Pedale.
In ihrem Gesicht zeigt sich Glück.

Klein(ich)keiten – Marion Boginski

Das stille Leben der Finger

Unauffällig, unscheinbar, unaufdringlich. Ihre Bewegungen lebensnotwendig oder lebensvereinfachend.

Sie ziehen, drehen, halten, stemmen, streicheln, streichen, geben, nehmen … tippen.

Meine tippen auf Tastaturen herum. S E I T  22  J A H R E N.

Nicht alle Finger. Meist sechs. Meist dieselben. Meist stundenlang.

Blog Finger

Und nun das! Klein(ich)keiten – Marion Boginski weiterlesen

seitensprünge

Verbleibpunkte

Zwei Dinge sind mir in den letzten Wochen zugeflogen, die scheinbar irgendetwas miteinander zu tun haben: Ein Bild, frisch digitalisiert (Danke Maja!) flog aus dem Netz in mein E-Mail-Postfach und ein Zettelchen flatterte aus einem alten Hefter, fiel zu Boden. VERBLEIBPUNKTE las ich auf dem Zettel, wusste nichts damit anzufangen und versuchte, die Stelle im Hefter zu finden, zu der dieser Begriff gehörte. Vergeblich sprang ich von Seite zu Seite, von Überschrift zu Überschrift, ratlos – was sind VERBLEIBPUNKTE?

Ich fragte Dr. Google. „Meinst du Verbleib Punkte“ antwortete er. Das Fragezeichen fehlte. Verbleibpunkte weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Stillleben mit Händen

Wenn ich die Hände auflege beim Tippen, kann ich ruhig sein beim Schreiben, bette Handballen auf  Kissen aus Gel, entspanne die Schultern. Zum Nachdenken schaue ich fensterwärts, dann wieder auf die Hände hinunter. Unbeteiligt und still liegen sie auf den Tasten herum, so als ob es doch nicht die meinigen wären.

Doch sie scheinen mein Alter zu haben (der Rest von mir sieht, finde ich, ein klein wenig jünger aus ;)). Und da sie meistens tippen, was ich vorher dachte, scheint zwischen ihnen und mir eine Verbindung zu bestehen. Sie sind eindeutig festgemacht an meinen Armen und Schultern dazwischen mein alter Kopf, in den ich altmodische Wörter spreche, um ihren Klang zu testen. So leise spreche ich in ihn hinein, dass manchmal die Wörter, die ich schreibe andere sind, als ich dachte. Sie gleiten hinab auf meine Schultern, rutschen die Arme hinunter bis zu den Händen, die still auf der Tastatur liegen und warten. Ich bin ihnen dankbar dafür, dass sie auch die merkwürdigen Wörter schreiben, die von ganz hinten unten kommen und es schwer haben, sich auf dem Bildschirm zu behaupten. Manche Wörter brauchen lang, bis sie richtig sind.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Irgendwo weit hinten in der Kommode stapeln sich die Erinnerungsschachteln, liegt ein altes Tagebuch, in Leder gebunden und versehen mit einem winzigen Schloss. Die Worte darin handgeschrieben und mit nichts verlinkt als mit dem tiefen Gefühl eines längst vergangenen Augenblicks. Das Private ein wohlgehütetes Gut, nur der besten Freundin erzählt von Angesicht zu Angesicht. Alles persönlich und wahr, sentimental oder kämpferisch oder voller Ironie, auf jeden Fall aber flüchtig. Eine Momentaufnahme. Unsinn reden und lachen und vergessen. Und kaum jemals eine Kamera dabei. Mit eigenen Augen sehen. Graue Zellen speichern den Sonnenuntergang und die Milchstraße in tiefschwarzer Nacht. Und nirgends eine Cloud.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

UNBERECHENBAR

Er schreit sie an, immer wieder schreit er sie an, die jungen Männer, sie sollen sich von seiner Frau fernhalten; die meiste Zeit jedoch läuft er nur allein den Gehweg lang, über Straßen und Tramgleise, um Ecken, an parkenden Autos vorbei und ich beobachte ihn von fern, weil sein Schreien mich schreckt, ihn unberechenbar macht für mich, diesen magerschmächtigen alten Mann mit dem schlohweißen Haar, der Frauen freundlich ansieht und ihnen Kusshändchen zuwirft.

Er findet immer wieder nach Hause, der alte Mann, und ich frage mich, ob dort jemand auf ihn wartet, ob die Frau bei ihm geblieben ist. Denn er hat sich in meine Gedanken geschrien und geküsst und ich achte darauf, seinen Weg nicht zu kreuzen. Doch er erwischt mich in einem lichten Moment, spricht mich an wie ein Philosoph und ich bin mir nicht sicher, ob es sein lichter Moment ist oder der meine. Erst als ich ihn Tage später dabei beobachte, wie er einen Baum küsst, erkenne ich, dass er mir weit voraus ist, weil er den Verstand längst hinter sich gelassen hat. Denn er schrumpft durch Liebe und Schmerz hindurch in die Unendlichkeit zurück und ich misstraue meiner Hoffnung, es ihm eines Tages gleichtun zu können, anstatt einfach nur sterben zu müssen.

Postkarte aus Kołobrzeg

In Kołobrzeg schwammen die Fische im Wald umher. Nachts sahen wir UFOs am Himmel und der Bogen einer Brücke leuchtete in Gelb, Blau, Grün, Orange und Rot. Vor dem Rathaus nahmen die Menschen auf einem roten Sessel aus dem Weihnachtsmannland Platz und ließen sich fotografieren. Im Schaufenster standen Marilyn und Rambo beieinander. Sie flüsterten sich etwas zu. Ich konnte es sehen, aber nicht hören. Ich habe die Möwen und die Dohlen gefragt, was hier geflüstert wird. Ich habe den Leierkastenmann gefragt und seine Papageien. Ich habe keine Antwort bekommen. Es regnete die ganze Zeit.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 

HEIMATSCHUTZHELM

 – wos host gsogt?

– goa nix

vogel pfeift ton schwebt luft vibriert küsst trommelfell

– host wos gsogt?

– na, imma no nix

stein segelt wasser weicht welt bricht schwappt an land

(diese ruhe zerrt an meinen nerven, ich höre schon gespenster)

– jetzat host aba wos gsogt

– na, nur denkt hob i mer wos

– na, wannds net reden wuist, lass mers holt

 axt schlägt zapfen fällt vogel kreischt fliegt auf dreht kreise

(ich lang mir an den kopf)

– diese schlawackis da aus poln san a zu deppert füa an oanfaches formular zum ausfuin

(gestelzt) aber du, des schönen deutsch mächtig qua geburt, hast das mit links für sie erledigt

– na, mit rechts, mia imma mit rechts aufm revier

– wos hoamatherzerl schlägt, mit vui gfui

– geeenau

 axt schlägt baum fällt vogel kreischt fliegt auf dreht kreise

(ich sehe hoch in die kronen, wolken ziehen, schwindel, natur muss man aushalten können)

Der moment des losgehens..

Ricarda de Haas

… wenn man schon in der tür steht, sich verabschiedet von denen die bleiben.

Dieser moment, der die luft anhält, absolute stille, bewegungslosigkeit. Während eine hand sich noch ausstreckt zu den bleibenden und die andere sich schon zur klinke denkt.

Perfekte balance zwischen da sein und weg gehen.

In diesem augenblick scheint alles möglich.

Während man sich offiziell bereit macht für die geplante reise, ein paar tage nur, blitzt im innern eine tür zu einer anderen welt auf, ein netz möglicher wege.

Man könnte noch abbrechen, sich entscheiden, zu bleiben. Oder aus der tür gehen, um nie zurück zu kehren. Aufbrechen in ein anderes leben.

Man könnte alles wagen, alles..

Und dann ist der moment vorbei. Man hat die tür zugeschlagen, die träume vergraben, die leben, die anderen, verschoben. Auf später.