Postkarte aus der Galerie

Der Vorhang hebt sich, sagt sie. Sie können hier durchgehen, sagt er, dann hören Sie Töne.

Ich gehe hindurch und herum und hinauf. Ich höre die Töne, ich sehe den Vorhang. Bunt ist der und er hebt sich noch nicht.

Aber morgen, morgen wird der Vorhang aufgehen und dann: Theater, Kino, Konzert,Lesung, Ausstellung. Begegnung, Gespräch, Futter fürs Gehirn. Lächeln.

(Rauminstallation „Der Schleier hebt sich“ von Kerstin Hoffmann in der Spectrum Galerie Kunigam)

Nachtschattennotizen im Tagwald

mal raus ins grüne / zeitzeichen raten

ein ewig geradezu ewig
langweiliges stück des spazierweges
schnurstracks am bahndamm entlang
dreierlei schallschutzgrün immerhin fiel dem 
schallschutzwandhersteller ein

blick sucht nach halt und DA! fällt auf  
den im deutschen schilderwald radikal neuen
hinweis für heimliche eidechsen unter uns 
– es gibt einen ausweg – down please! 
ihr bodennahen geschöpfe
ihr findet ebenerdig euer entkommen

warum hingegen zur rettung der grünen männchen
das European Centre for Disease Prevention and Control
vom jugendlichen sprayer vorgeschlagen wurde 
– the answer is blowing in the wind

oder hat der jugendliche sprayer eine E/A-schwäche 
(und obendrein den blitz zwischen C und D für 
vernachlässigenswert erachtet)

blick sucht nun halt im www // wird fündig:
Eisclub Die Coyoten Memmingen Indians e.V.
(geht noch einschüchternder – vormals:
Eliteclub Dynamo Chiemsee)

wie naheliegend / enttäuschend beinahe 
– der örtliche eishockeyverein
no news from outer space

Der kurze Traum vom Sommer

Ricarda de Haas

Manchmal träumt man ja völlig bekloppt. Wirr, bunt. Als wäre man in ein Wimmelbild gepurzelt.

Japanische Familien picknicken unter rosa Kirschbäumen. Junge Mädchen in weißen Kleidern drehen sich unter fallenden Blüten, die schwarzen Haare fliegen. Ihre Freunde fangen ihre Bilder mit dem Handy.

Am Spreeufer lassen Leute die Beine baumeln, nackte Waden neben Plateaustiefeln neben bunten Söckchen, eine nicht endende Reihe. Wenn ein Schiff kommt, gehen alle Füße hoch.

Leute, die auf rohen Steinblöcken sitzen. Mitten drin eine Rockband, coole Jungs 60plus, gestreifte Hosen, Stirnband im Haar. Sie sind gut, nur das Schlagzeug ist aus dem Rhythmus. Der Song ist zu Ende, die Trommeln nicht. Gegenüber steht eine Sambagruppe im Kreis. Als die Band wieder loslegt, trommeln sie weiter.

Ein zehnjähriger Junge mit Mafiabike reisst das Vorderrad hoch, fährt ein Wheelie. Fährt und fährt um den halben Platz. Ein Knirps mit Roller guckt mit großen Augen. Reisst den Lenker herum, fährt auf einen Hügel. Schaut stolz in die Runde.

Zwei Frauen in Tanktops sonnen sich auf hölzernen Liegen. Ein paar Männer mit wilden Bärten werfen Blicke. Als die Frauen genervt aufstehen, schnappen sie Tüten und Taschen und stürzen hin. Zwei erobern die Liegen, verscheuchen die anderen. Die schlagen grummelnd ihr Lager unter Bäumen auf.

An der Eisdiele sitzen Menschen auf Bänken, auf denen steht, dass sie da nicht sitzen sollen. Die Polizei kommt, schließt den Laden: „Einundzwanzig Uhr, Sperrstunde!“ Die Leute essen gemütlich ihr Eis auf.

.

Als ich aufwache, rauscht Regen vorm Fenster.

Das war so‘n typischer Berlin-Traum,
denke ich.

Frage mich, wie das aussehen würde.

Wenn man Träume fotografieren könnte…

Was mir gefällt in diesen Tagen …

dass das zarte Frühlingsgrün – Verdienst der langen Kälte – länger leuchtet als in Vorjahren

dass ich den Regen willkommen heißen kann

dass die Sonne immer wieder durch Wolkenberge dringt und die Luft erwärmt

dass der zum Leben so wichtige Sauerstoff jetzt aus Europa nach Indien gelangt

dass die kräftige Rose im Garten nicht wild um sich sticht, weil die Nachbarin, ihres Schwächelns wegen, den nährenden Kompost zuerst erhält

dass Küsse, wenn auch weniger, so doch beseelter geworden sind

dass viele Menschen mit mir gemeinsam nach dem suchen, was uns gefällt

dass viele Menschen besonnen und beharrlich sagen, was ihnen nicht gefällt

dass Freund*innen, die das anders sehen, trotzdem Freund*innen bleiben

dass wir immer noch und immer wieder einander helfen

dass es den Like Button gibt, auch wenn er meine Faulheit unterstützt (ich könnte ja stattdessen einen Kommentar schreiben)

dass es diesen Blog so lange schon gibt und auch in Zukunft noch geben wird

Maja Linthe: #Wochenendewanderspaß

Da oben ist daneben

Da drüber ist da drunter

Ist droben hoch im Tümpelteich

Ist Wasserwipfel wellenweich

Ist Entenflott an Dornenspitz

Ist Entengrütz‘ mit Rankenritz

Ist Himmeltief mit Siebengrün

Im Weiherwald mit Tausendschün

Ist Blätterbad mit Knospenknack

Im Sphärenrausch mit Entenkack

Ist Wochenendewanderspaß

Mit oben offen, unten nass

Ist Baum im Teich, Teich in der Wiese

und alles ohne Élouise.

Postkarte aus Aurith/Urad

Schöne Grüße von der Oder!
Ich weiß nicht, ob die Oder besungen wurde, wie der Rhein oder wie die Saale. Ich weiß, dass Günther Eich schrieb: „Oder, mein Fluss.“ Aber vertont wurde dieses Gedicht wohl nicht. Vielleicht gibt es polnische Lieder über die Odra. Soll ich eine Suchmaschine fragen? Es ist nicht so einfach, mit dem Begriff ODER in Suchmaschinen zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen.

Wenn ich an der Oder entlang radele, lausche ich den Liedern der Vögel. In meinem Kopf summt es. „Muss i denn, muss i denn ..“ Ja, ich muss hinaus! An den hellen Strand der Mutter Oder. Dahin, wo die Angler aufs Wasser starren, wissend, dass tief unten der Wels wartet.

Nachtschattennotizen aus dem Tagwald

mit den augen eines schwamms. versuch einer selbstvergewisserung

manche zeiten erfordern es, andere fragen zu stellen als bislang, den standpunkt zu wechseln oder dem blick aus dem fenster das recht einzuräumen, die geschicke des tages einmal einzig und allein in seine bahnen zu lenken, die bahnen des augenblicks vom ersten augenaufschlag an, heraus aus dem traumreich, hinein in eine direkt vor der eigenen nase liegende wirklichkeit.

so könnte ich zum beispiel fragen:

hätten Sie nicht auch gerne einmal die wahl zwischen eisbeinen, schweinshaxen und einem zünftigen schwammdrüber?

die unzähligen schweinshaxen nämlich, die ich letzte nacht, am schweinshaxenfließband stehend, verspeisen musste, mit dem pistolenlauf des großküchenkochs an meiner schläfe, nahmen leise knisternd und britzelnd, während ich ungläubig die augen wiederholt zukniff, blinzelte, aufriss, zukniff, nahmen also leise knispelnd und bei zunehmender wachwerdung immer deutlicher die form von kristallklaren kakerlakenbeinen an, überdimensioniert zitterten sie durch mein gesichtsfeld, während mir noch das fett aus den mundwinkeln troff. 

mit einer barschen handbewegung wischte ich mir die traumgespinste aus dem gesicht, nicht willens, auch nur einen einzigen gedanken an die deutung des schlafend erlebten zu verschwenden.

blieben: die eisbeine über mir. 

wäre das bis hierher geschilderte nun eine geschichte, die ich mir ausgedacht hätte, hätte ich mich sauber in eine textecke verrannt, aus der es so leicht kein entkommen mehr gäbe: was weiter anfangen mit diesem bizarren insektengebein knapp über meinem kopf, an einem beliebigen mittwochmorgen.

ich nähme, nach langem starren auf den verknurpselten text auf meinem monitor, die löschfunktion meines bildbearbeitungsprogramms zu hilfe, hielte die linke maustaste gedrückt, ein kleiner schwamm statt des blinkenden cursors erscheint, und wischte in zackigen bewegungen das foto auf meinem monitor weg wie ein missratenes tafelbild.

sehr befriedigende vorstellung, die deutungshoheit habe immer noch ich.

und so warte ich als real existierendes ich auf die ersten sonnenstrahlen, die langsam über mein dachfenster lecken. man wird ansonsten ja noch ganz irre in diesen zeiten.

Stille Frauen

Ricarda de Haas

Wohin man hört dieselben Worte. Unter der Akzeptanz ein leiser Ärger. Ziellos, richtungslos.
Frühlingsmüdigkeit, diesmal anders. Und still.

Die Performerin, die keine online Performances mehr macht, weil die icons klatschender Hände sie leer zurück lassen.

Die Hochschullehrerin, die das Gefühl hat, durch digitale Tage zu rasen, ohne jemals anzukommen.

Die Krankenschwester, die sich in die Klinik quält, vor ihrer Schicht fürchtet.

Die Forscherin, die zwei Projekte gleichzeitig abschließen muss, und sich fragt wofür.

Die Mutter, die sich zwischen home office und home schooling abhanden kommt.

Die Lehrerin, für die der Impftermin das Licht am Ende des Tunnels bedeutet, bevor er wieder abgesagt wird.

Die Rentnerin, die nicht immer alleine mit sich vor die Tür gehen mag.

Überall dieselben Worte: Müde. Ausgebrannt. Mag nicht mehr. Nicht nachvollziehbar. Akku leer. Kann nicht, muss ja.

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Festhalten an kleinen Freuden.

Warme Tage.

Aus dem Boden knallende Tulpen.

Leichte Jacken.

Skaten, Radfahren, Joggen.

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Doch diese Worte, diese Frauen, sind immer noch überall still.

Überall? Nein. Ein kleines queerfeministisches Grüppchen in Pankow leistet Widerstand…

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Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 7

Ich löse mich von meinem Hintergrund, in dem ich manchmal verschwinde, steige mühsam und steif aus meiner Kachel heraus. Ich will hinaus in die Natur, will spazieren gehen wie alle. Ob die Natur schon genervt ist von uns? Élouise wartet am vereinbarten Treffpunkt nur auf mich, grinst mich an zur Begrüßung. Beim Loslaufen freue ich mich über ihren wackelnden Schafsfellhintern, denke an die leere Kachel zu Hause. Ab und an mache ich Fotos, die ich mir später als Hintergrund auf die Plattform stelle, zur Erinnerung an die Orte hier draußen. Ich vermisse es, Orte zu teilen mit Freunden, mit Kolleginnen, das Café, das Restaurant, das Theater. Selbst die Mensa vermisse ich, den Espresso, der gar nicht so gut war.

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