Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bilanz eines Sommers

Die Badeseen schon im Juni so warm wie das Mittelmeer im August. Die Wasserläufe, die sie gewöhnlich verbinden, sind nur noch Rinnsale. Das Kanu tragen. Um Herzkranke fürchten bei vierzig Grad. Staubgrau die Schuhe beim Spaziergang durch den Wald, entwurzelte Bäume liegen kreuz und quer, Mehltau besiedelt die Eichenblätter. Ich lausche: Nichts summt um mich her.

Alle Fenster sind offen. Trotzdem kommen keine Mücken herein. Brandgeruch weht in die Stadt aus Richtung der Truppenübungsplätze. Niemand löscht, es liegt Sprengstoff im märkischen Boden, es liegt ein Unwetter in der Luft, kommt näher, tobt sich aus über den Dächern, Blitz und Donner kennen keine Pause, und Schlammlawinen drängen in die Häuser mit dem Wolkenbruch.

Vom Klimawandel reden. Den Klimawandel spüren.
Manche bezweifeln, dass es den Klimawandel gibt.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Windenblüte

Es wirkt entschieden, nahezu brutal, wie diese zarte Windenblüte das Blatt durchstößt und sich selbst fesselt.

Ich ziehe die Blüte vorsichtig aus dem Blatt, kann dabei aber nicht verhindern, dass es noch weiter einreißt; und das nur, weil ich es nicht ertragen kann, dass die Blüte sonst nicht aufblühen könnte, sich nicht öffnen würde.

Nun blüht sie in all ihrer Schönheit, doch in meine Freude mischen sich Zweifel und ein leises Bedauern.

 

 

Postkarte aus EBERSWALDE

Diese Stadt wandelt sich, hat sich gewandelt, verwandelt, eine Metamorphose durchschritten, wurde vom Aschenputtel zur Prinzessin. Hier spielt eine ganz frühe Kindheitserinnerung. Ein großes altes Haus, ein altes Ehepaar in einer staubigen Wohnung. Onkel und Tante sagte mein Vater zu ihnen. Da stand eine Puppe mit einem weiten schwarzen in tausend Falten gelegten Rock auf einer Anrichte. Porzellankopf. Es kann ein Kaffeewärmer gewesen sein.
Ich wandle durch meine Erinnerungen.
Vor der Verwandlung:  Russenmagazin, Moskauer Eis, Mischkakonfekt, schmutziger Bahnhof, Spritzkuchen, Tierpark. Nach der Verwandlung: Spritzkuchen, Tierpark, Jazz, Eberhard & Bernadette, Kunstblumen auf dem Rasen, alphabettínentreffen, Weiße Schatten der Endmoräne, Goldschatz, Messingwerksiedlung, Paul-Wunderlich-Haus.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

enough is enough einfach endlich gehen
(mit rotem kopf laut zu brüllen; anm. der regie)

mehr transluzidität wäre schön
lässig durchlässig
so ein ausweg
mit ausgang
bei vollem durchblick

so schwer war es noch nie zu gehen like nowadays
no exit
no no-exit
NO NO NO NO NO

so what! i do it my way
sagt sich insel-boris und brexitiert täglich lauter vor sich hin
you never walk alone sagt er (mit rotem kopf)
me too brüllt er (mit rotem kopf) Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb weiterlesen

Ricarda de Haas: Alhambra (1994)

ein muster
gemalt auf stein
strich punkt strich
zweidimensional
ein ich
betrachtend sinnierend
als dritte dimension

der klang von schritten
weckt stein um stein
mauern legen sich nieder
im wasser
bemusterte türen
großbogige öffnung
ins früher


wir sind punkte
nichts zählt
nur ein punkt
unter punkten
lächerlich

winziges ich
vibrierend pulsierend
ein ich
vernetzt mit anderen
ein anders-ich
ooh!

ein prinz-ich
ein früher-ich
ein spinnen-ich
spinne ich?

oje
ein über-ich
nichts wie weg

seitensprünge

So viele Fragen.

Von einer Straßenseite zur anderen müsste ich springen, wenn ich all die bunten Plakate mit den coolen Sprüchen lesen wollte, die zur Zeit Brandenburgs Straßen mit Farbe und Sinn erfüllen. Zu viert oder fünft hängen sie übereinander an allen Lichtmasten, dazwischen das eine oder andere Gesicht freundlich blickender Menschen.
Und erstmals auch Tiere: viele Bienen, auch einige Schweine. Aber keine Kühe – die furzen zu viel Methan. So viele Fragen. weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Liebe S.,
dein Bruder hat mir deine Texte gezeigt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. So viele hast du ihm zurückgelassen, als wolltest du sicherstellen, dass wenigstens einige davon gelesen werden. Das nehme ich als Zeichen.

In der Brückenstraße, wo du deine Wohnung hattest, habe ich dich manchmal gesehen. Du warst eine Schreibende so wie ich, aber eine, die die Lippen bewegte beim Schreiben. Überall in der Stadt hast du geschrieben, an die Hauswand gelehnt, auf einem Mäuerchen sitzend, an der Straßenbahnhaltestelle, mitten auf der Verkehrsinsel, sogar dort hast du schreibend gesessen und die Lippen bewegt dabei. Verständigt hast du dich mit niemandem mehr. Trotzdem hast du, als du gestorben bist, deine Texte zurückgelassen, war die ganze Wohnung gefüllt mit von dir beschriebenen Seiten, die ich deinen Bruder bat mir zu zeigen.

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Glatt gelogen!

Ich hatte diese Frage, die ich online nicht stellen konnte, und rief deshalb die Nummer auf dem Schreiben an, auf dem stand, man helfe mir gerne weiter. Sogleich meldete sich eine weibliche Stimme, die sich mir als künstliche Person vorstellte und vorschlug, ich könne ja auch online oder eben warten, bis ihre menschliche Mitarbeiterin frei sei, und dann klingelte es kurz und ich hörte wieder eine weibliche Stimme, die diesmal wohl menschlich sein sollte und doch von der vorherigen nicht zu unterscheiden war, und die menschliche weibliche Stimme fragte tatsächlich und zuckersüß, womit sie mir denn weiterhelfen könne. Ich stellte frohen Mutes meine Frage, ein bisschen vertrackt war die ganze Angelegenheit, sonst hätte ich ja auch online …

Sie antwortete, es tue ihr leid, da könne sie mir auch nicht weiterhelfen, plötzlich gar nicht mehr menschlich, aber noch immer sehr weiblich und zuckersüß und bedauernd. Das Gespräch war damit beendet.

Und ich saß da. Mit dem Telefon in der einen und dem Schreiben in der anderen Hand, den Blick starr auf die Wand gerichtet. Und mit einer Körperschwere, als hätte ich seit dreiundzwanzig Tagen und Nächten nicht geschlafen, so müde, so abgebügelt und doch nicht faltenfrei. Schon einmal hatte ich mich so gefühlt, damals war ich unaufmerksam gegen einen Straßenpfeiler gelaufen. Aber dieser ließ sich – immerhin – danach noch umgehen, wenn auch mit einer Beule auf der Stirn.
Und jetzt?
Und. Was. Jetzt?
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Wer hat Angst vorm blauen Mann?

Neue Studien haben es bestätigt: In jeder heiligen Frau steckt mindestens ein Mann, der im Allgemeinen blau ist oder auf andere Weise auffällig, wie nicht ganz deutlich zu erkennen in obiger Wesensaufnahme einer Heiligen, ein völlig neues Verfahren, das entwickelt wurde von Forscherinnen der biochemischen Seuchenabteilung der Universität Wowadáschnochma, die sich vor allem dem Problem der geistig-psychischen Unterwanderung durch Parasiten widmen. Noch ist dieses Verfahren leider nicht ganz ausgereift, sodass es immer wieder zu Unschärfen kommt.

Ein solcher Mann, wie man ihn auf der Wesensaufnahme sehen kann, ist nötig, um die Heiligkeit der Frau  herzustellen und aufrechtzuerhalten, da eine Frau ohne einen Mann, der sie zur Heiligen erklärt, keine Heilige ist und womöglich auch keine Heilige sein will, da das Heiligsein unabweisbare Nachteile hat. So ist eine Heilige mit Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.