Was mir gefällt in diesen Tagen …

dass das zarte Frühlingsgrün – Verdienst der langen Kälte – länger leuchtet als in Vorjahren

dass ich den Regen willkommen heißen kann

dass die Sonne immer wieder durch Wolkenberge dringt und die Luft erwärmt

dass der zum Leben so wichtige Sauerstoff jetzt aus Europa nach Indien gelangt

dass die kräftige Rose im Garten nicht wild um sich sticht, weil die Nachbarin, ihres Schwächelns wegen, den nährenden Kompost zuerst erhält

dass Küsse, wenn auch weniger, so doch beseelter geworden sind

dass viele Menschen mit mir gemeinsam nach dem suchen, was uns gefällt

dass viele Menschen besonnen und beharrlich sagen, was ihnen nicht gefällt

dass Freund*innen, die das anders sehen, trotzdem Freund*innen bleiben

dass wir immer noch und immer wieder einander helfen

dass es den Like Button gibt, auch wenn er meine Faulheit unterstützt (ich könnte ja stattdessen einen Kommentar schreiben)

dass es diesen Blog so lange schon gibt und auch in Zukunft noch geben wird

Maja Linthe: #Wochenendewanderspaß

Da oben ist daneben

Da drüber ist da drunter

Ist droben hoch im Tümpelteich

Ist Wasserwipfel wellenweich

Ist Entenflott an Dornenspitz

Ist Entengrütz‘ mit Rankenritz

Ist Himmeltief mit Siebengrün

Im Weiherwald mit Tausendschün

Ist Blätterbad mit Knospenknack

Im Sphärenrausch mit Entenkack

Ist Wochenendewanderspaß

Mit oben offen, unten nass

Ist Baum im Teich, Teich in der Wiese

und alles ohne Élouise.

Postkarte aus Aurith/Urad

Schöne Grüße von der Oder!
Ich weiß nicht, ob die Oder besungen wurde, wie der Rhein oder wie die Saale. Ich weiß, dass Günther Eich schrieb: „Oder, mein Fluss.“ Aber vertont wurde dieses Gedicht wohl nicht. Vielleicht gibt es polnische Lieder über die Odra. Soll ich eine Suchmaschine fragen? Es ist nicht so einfach, mit dem Begriff ODER in Suchmaschinen zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen.

Wenn ich an der Oder entlang radele, lausche ich den Liedern der Vögel. In meinem Kopf summt es. „Muss i denn, muss i denn ..“ Ja, ich muss hinaus! An den hellen Strand der Mutter Oder. Dahin, wo die Angler aufs Wasser starren, wissend, dass tief unten der Wels wartet.

Nachtschattennotizen aus dem Tagwald

mit den augen eines schwamms. versuch einer selbstvergewisserung

manche zeiten erfordern es, andere fragen zu stellen als bislang, den standpunkt zu wechseln oder dem blick aus dem fenster das recht einzuräumen, die geschicke des tages einmal einzig und allein in seine bahnen zu lenken, die bahnen des augenblicks vom ersten augenaufschlag an, heraus aus dem traumreich, hinein in eine direkt vor der eigenen nase liegende wirklichkeit.

so könnte ich zum beispiel fragen:

hätten Sie nicht auch gerne einmal die wahl zwischen eisbeinen, schweinshaxen und einem zünftigen schwammdrüber?

die unzähligen schweinshaxen nämlich, die ich letzte nacht, am schweinshaxenfließband stehend, verspeisen musste, mit dem pistolenlauf des großküchenkochs an meiner schläfe, nahmen leise knisternd und britzelnd, während ich ungläubig die augen wiederholt zukniff, blinzelte, aufriss, zukniff, nahmen also leise knispelnd und bei zunehmender wachwerdung immer deutlicher die form von kristallklaren kakerlakenbeinen an, überdimensioniert zitterten sie durch mein gesichtsfeld, während mir noch das fett aus den mundwinkeln troff. 

mit einer barschen handbewegung wischte ich mir die traumgespinste aus dem gesicht, nicht willens, auch nur einen einzigen gedanken an die deutung des schlafend erlebten zu verschwenden.

blieben: die eisbeine über mir. 

wäre das bis hierher geschilderte nun eine geschichte, die ich mir ausgedacht hätte, hätte ich mich sauber in eine textecke verrannt, aus der es so leicht kein entkommen mehr gäbe: was weiter anfangen mit diesem bizarren insektengebein knapp über meinem kopf, an einem beliebigen mittwochmorgen.

ich nähme, nach langem starren auf den verknurpselten text auf meinem monitor, die löschfunktion meines bildbearbeitungsprogramms zu hilfe, hielte die linke maustaste gedrückt, ein kleiner schwamm statt des blinkenden cursors erscheint, und wischte in zackigen bewegungen das foto auf meinem monitor weg wie ein missratenes tafelbild.

sehr befriedigende vorstellung, die deutungshoheit habe immer noch ich.

und so warte ich als real existierendes ich auf die ersten sonnenstrahlen, die langsam über mein dachfenster lecken. man wird ansonsten ja noch ganz irre in diesen zeiten.

Stille Frauen

Ricarda de Haas

Wohin man hört dieselben Worte. Unter der Akzeptanz ein leiser Ärger. Ziellos, richtungslos.
Frühlingsmüdigkeit, diesmal anders. Und still.

Die Performerin, die keine online Performances mehr macht, weil die icons klatschender Hände sie leer zurück lassen.

Die Hochschullehrerin, die das Gefühl hat, durch digitale Tage zu rasen, ohne jemals anzukommen.

Die Krankenschwester, die sich in die Klinik quält, vor ihrer Schicht fürchtet.

Die Forscherin, die zwei Projekte gleichzeitig abschließen muss, und sich fragt wofür.

Die Mutter, die sich zwischen home office und home schooling abhanden kommt.

Die Lehrerin, für die der Impftermin das Licht am Ende des Tunnels bedeutet, bevor er wieder abgesagt wird.

Die Rentnerin, die nicht immer alleine mit sich vor die Tür gehen mag.

Überall dieselben Worte: Müde. Ausgebrannt. Mag nicht mehr. Nicht nachvollziehbar. Akku leer. Kann nicht, muss ja.

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Festhalten an kleinen Freuden.

Warme Tage.

Aus dem Boden knallende Tulpen.

Leichte Jacken.

Skaten, Radfahren, Joggen.

.

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Doch diese Worte, diese Frauen, sind immer noch überall still.

Überall? Nein. Ein kleines queerfeministisches Grüppchen in Pankow leistet Widerstand…

.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 7

Ich löse mich von meinem Hintergrund, in dem ich manchmal verschwinde, steige mühsam und steif aus meiner Kachel heraus. Ich will hinaus in die Natur, will spazieren gehen wie alle. Ob die Natur schon genervt ist von uns? Élouise wartet am vereinbarten Treffpunkt nur auf mich, grinst mich an zur Begrüßung. Beim Loslaufen freue ich mich über ihren wackelnden Schafsfellhintern, denke an die leere Kachel zu Hause. Ab und an mache ich Fotos, die ich mir später als Hintergrund auf die Plattform stelle, zur Erinnerung an die Orte hier draußen. Ich vermisse es, Orte zu teilen mit Freunden, mit Kolleginnen, das Café, das Restaurant, das Theater. Selbst die Mensa vermisse ich, den Espresso, der gar nicht so gut war.

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Postkarte aus dem TUNNEL

Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.
Stell ihn auf langsames Tropfen ein.
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
stell den Motor ab. Zähl die Tropfen.
Zähle eins und eins und zwei und drei und fünf und acht und
Wenn das Licht am Ende des Tunnels eine rote Ampel ist,
zieh den Geduldsspeicher aus der Tasche, zapf ihn an.

Nachtschattennotizen im Tagwald

between WORK between LIFE between BALANCE between

so geht das seit wochen seit monaten seit sehr vielen monaten
man wird so müde die zeit zu zählen überhaupt zu zählen. zu zählen.

wer kann arbeitet weiter mit ohne neben der auch gegen die zeit
wer keine arbeit hat tut vielleicht so als hätte er/sie/* eine

wer gar nirgendwo mehr hinradeln mag sucht vielleicht
abwechslung in gut gewürzten speisen oder 
springt aus der kurve wechselt das gleis die richtung das medium

und findet vielleicht das weite im between der kunst

PS ich habe aus purem ausscherenwollen mein arbeitsgebiet verlassen und einen shrigley kopiert – zur besseren unterscheidung die bildüberschrift jeweils nicht unterstrichen – ich gebe zu seins ist besser irgendwie ausdrucksstärker oder hätte ich einen filzstift nehmen sollen

Frühlingstrunken

Ricarda de Haas

Freitag:
Mit dem schnee ist der blogtext geschmolzen. Worte und fotos hatten zu viel weiß. Viel zu viel weiß.

In einem geschlossenen cafe ein gedeckter tisch mit reserviert-schildchen: Es war einmal. Es wird nochmal.

Samstag:
Spazieren mit einem freund. Eine echte live-begegnung. Wir holen uns coffee-to-go und reden alles mögliche. Vermeiden das c-wort. Beim abschied fällt es doch. Er sagt: es fühlt sich an, als wäre corona vorbei.

Wir lachen. Spüren das lebendige in uns, in der stadt.


Sonntag:
Wieder draußen.

Ganz berlin ist auf den beinen.
Kein fleckchen grün ist unbesetzt, unbelaufen.

Wir schlängeln uns durch, laufen bögen.
Pausieren, wenn eine meute kommt.

Abends denke ich: gefühle können verdammt gefährlich sein. Irrational eben.
Nie hätte ich gedacht, dass dieser satz mal eine so andere bedeutung haben kann.