Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

enough is enough einfach endlich gehen
(mit rotem kopf laut zu brüllen; anm. der regie)

mehr transluzidität wäre schön
lässig durchlässig
so ein ausweg
mit ausgang
bei vollem durchblick

so schwer war es noch nie zu gehen like nowadays
no exit
no no-exit
NO NO NO NO NO

so what! i do it my way
sagt sich insel-boris und brexitiert täglich lauter vor sich hin
you never walk alone sagt er (mit rotem kopf)
me too brüllt er (mit rotem kopf) Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb weiterlesen

Ricarda de Haas: Alhambra (1994)

ein muster
gemalt auf stein
strich punkt strich
zweidimensional
ein ich
betrachtend sinnierend
als dritte dimension

der klang von schritten
weckt stein um stein
mauern legen sich nieder
im wasser
bemusterte türen
großbogige öffnung
ins früher


wir sind punkte
nichts zählt
nur ein punkt
unter punkten
lächerlich

winziges ich
vibrierend pulsierend
ein ich
vernetzt mit anderen
ein anders-ich
ooh!

ein prinz-ich
ein früher-ich
ein spinnen-ich
spinne ich?

oje
ein über-ich
nichts wie weg

seitensprünge

So viele Fragen.

Von einer Straßenseite zur anderen müsste ich springen, wenn ich all die bunten Plakate mit den coolen Sprüchen lesen wollte, die zur Zeit Brandenburgs Straßen mit Farbe und Sinn erfüllen. Zu viert oder fünft hängen sie übereinander an allen Lichtmasten, dazwischen das eine oder andere Gesicht freundlich blickender Menschen.
Und erstmals auch Tiere: viele Bienen, auch einige Schweine. Aber keine Kühe – die furzen zu viel Methan. So viele Fragen. weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Liebe S.,
dein Bruder hat mir deine Texte gezeigt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen. So viele hast du ihm zurückgelassen, als wolltest du sicherstellen, dass wenigstens einige davon gelesen werden. Das nehme ich als Zeichen.

In der Brückenstraße, wo du deine Wohnung hattest, habe ich dich manchmal gesehen. Du warst eine Schreibende so wie ich, aber eine, die die Lippen bewegte beim Schreiben. Überall in der Stadt hast du geschrieben, an die Hauswand gelehnt, auf einem Mäuerchen sitzend, an der Straßenbahnhaltestelle, mitten auf der Verkehrsinsel, sogar dort hast du schreibend gesessen und die Lippen bewegt dabei. Verständigt hast du dich mit niemandem mehr. Trotzdem hast du, als du gestorben bist, deine Texte zurückgelassen, war die ganze Wohnung gefüllt mit von dir beschriebenen Seiten, die ich deinen Bruder bat mir zu zeigen.

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Glatt gelogen!

Ich hatte diese Frage, die ich online nicht stellen konnte, und rief deshalb die Nummer auf dem Schreiben an, auf dem stand, man helfe mir gerne weiter. Sogleich meldete sich eine weibliche Stimme, die sich mir als künstliche Person vorstellte und vorschlug, ich könne ja auch online oder eben warten, bis ihre menschliche Mitarbeiterin frei sei, und dann klingelte es kurz und ich hörte wieder eine weibliche Stimme, die diesmal wohl menschlich sein sollte und doch von der vorherigen nicht zu unterscheiden war, und die menschliche weibliche Stimme fragte tatsächlich und zuckersüß, womit sie mir denn weiterhelfen könne. Ich stellte frohen Mutes meine Frage, ein bisschen vertrackt war die ganze Angelegenheit, sonst hätte ich ja auch online …

Sie antwortete, es tue ihr leid, da könne sie mir auch nicht weiterhelfen, plötzlich gar nicht mehr menschlich, aber noch immer sehr weiblich und zuckersüß und bedauernd. Das Gespräch war damit beendet.

Und ich saß da. Mit dem Telefon in der einen und dem Schreiben in der anderen Hand, den Blick starr auf die Wand gerichtet. Und mit einer Körperschwere, als hätte ich seit dreiundzwanzig Tagen und Nächten nicht geschlafen, so müde, so abgebügelt und doch nicht faltenfrei. Schon einmal hatte ich mich so gefühlt, damals war ich unaufmerksam gegen einen Straßenpfeiler gelaufen. Aber dieser ließ sich – immerhin – danach noch umgehen, wenn auch mit einer Beule auf der Stirn.
Und jetzt?
Und. Was. Jetzt?
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Wer hat Angst vorm blauen Mann?

Neue Studien haben es bestätigt: In jeder heiligen Frau steckt mindestens ein Mann, der im Allgemeinen blau ist oder auf andere Weise auffällig, wie nicht ganz deutlich zu erkennen in obiger Wesensaufnahme einer Heiligen, ein völlig neues Verfahren, das entwickelt wurde von Forscherinnen der biochemischen Seuchenabteilung der Universität Wowadáschnochma, die sich vor allem dem Problem der geistig-psychischen Unterwanderung durch Parasiten widmen. Noch ist dieses Verfahren leider nicht ganz ausgereift, sodass es immer wieder zu Unschärfen kommt.

Ein solcher Mann, wie man ihn auf der Wesensaufnahme sehen kann, ist nötig, um die Heiligkeit der Frau  herzustellen und aufrechtzuerhalten, da eine Frau ohne einen Mann, der sie zur Heiligen erklärt, keine Heilige ist und womöglich auch keine Heilige sein will, da das Heiligsein unabweisbare Nachteile hat. So ist eine Heilige mit Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus NEURUPPIN

Und dann musste ich mich erstmal hinsetzen. Fontane, Fontane, Fontane – die ganze Stadt voller Zitate. Klexchen nennen sie das. Vermutlich auch ein Fontane-Wort. Wie eine zu große unerwartete Welle salzigen Wassers schwappten all die Fontane-Wörter über mich hinweg und ich bekam keine Luft mehr.
Ich werde nie mehr einen geordneten Satz, geschweige denn, einen Text zustande bringen, dachte ich.
In der Ausstellung dann die Notizbücher, die Zweifel und: Wörter, Wörter, Wörter.
Ach Theodor – Kollege, schreibverrückter Bruder – ich stand wieder auf und fülle meine Notizbücher weiter Seite um Seite.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

erinnerungskultur

fallen fiel gefallen sagt man 

wenn man worte beugen will

(auch ein zer- oder verfallen ist durchaus möglich und 

kann gebeugt werden bei bedarf)

kinnladen können herunterfallen

ziegel vom dach 

matrosen vom mast 

flugzeuge vom himmel 

der baum fällt einfach nur

türme (als prominentes beispiel) fallen mitunter in sich zusammen 

dazu müssen sie nicht einmal vorher schief sein

in sich zusammenfallen fiel in sich zusammen in sich zusammengefallen

kannst mensch du auch

neulich erst war ich in mich zusammengefallen nur kurz mal eben –

das unterscheidet uns von türmen

(grundlegend aber gilt für alle gläubigen: 

EIN TURM IST SICHER 

der aufzug hat einen boden das stockwerk auch der treppenabsatz 

selbst die kleinste stufe trägt 

dich mensch über das fallen hinweg)

Großstadt Sommer

Ricarda de Haas

I

Die Luft so schwer. Ein anderer Aggregatzustand. Flüssig statt luftig. Bei jeder Bewegung ein Widerstand. Müde die Straße entlang schwimmen.

Gedanken schlafen. Große Pläne lösen sich auf. Das Ich reduziert auf basale Bedürfnisse.  Ruhe. Kühle. Keinen Durst. Nicht bewegen. Das Ende der vielgepriesenen Mobilität.

Die Welt unterteilt in Schatten und Sonne. Auf der Schattenseite des Lebens wohnt das Glück. Wir brauchen neue Metaphern.

.

II

Eine Demo. Laut. Trommeln. Sprechchöre. Go Vegan. Don’t take our lives. Dein Magen ein Tierfriedhof.

Das grüne V  baumelt schlapp von der Stange. Träge Füße auf heißem Asphalt. Tapfer stampfen sie im Takt. Etwas einsame Füße auch. (Ob zweisam laufende Füße je einsam sein können?) Die Vielen sind heute woanders. Unter brennender Sonne kämpft es sich schwer für anderer Tiere Interessen. Don’t take our lives.

.

III

Durch die Mittagshitze schwimme ich nach Norden. Langsam. GaumenZungenVerklebt. Sehnsucht nach Grün. Bäumen am Wasser. Garten mit Bier. GedankenSynapsenVerklebt. Ob Kühe so dumm im Kopf sind wie ich jetzt?

Schau schau.

Dumme Kuh ganz schlau.

I don’t want to take your live. I just wanna swap it.

Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Bedeutung

Am Morgen liegt eine Feder vor der Treppe des Hauses. Keine kleine, eine handgroße.

Da ich Federn mag und denke, es wird eine Bedeutung haben, wenn sie so offensichtlich vor meinen Füßen liegt, hebe ich sie auf.

Stecke sie in die Blumenschale auf der Treppe. Sehe sie jeden Tag und erfreue mich an ihr.

Eine schöne Feder. Graubraun gefiedert.

Blog feder 1

Wer sie wohl verloren hat. Eine Eule vielleicht? Elster oder Taube nicht. Die erkenne ich. Die fliegen um das Haus und auf das Haus. Meine Feder schweigt. Marion Boginski – Klein(ich)keiten weiterlesen