Postkarte aus Leipzig

Meine Güte, war die Karte aber lange unterwegs! Vor Weihnachten schon abgeschickt. Mal gucken, was drauf steht.

— Schöne Grüße aus Leipzig. Schade, dass wir uns nicht gesehen haben. Aber ich bin ja bald wieder hier. Wir sehen uns zur Buchmesse im März. —

Tja, und nun? Ich hab gehört, es soll eine virtuelle Buchmesse geben. Virtuelle Spatzen mit virtuellen Krönchen auf ihren Vogelköpfchen zwitschern es von virtuellen Dächern.

Na ja, nicht verrückt machen lassen. Es liegen genügend Postkarten im Schubfach und Briefmarken hab ich auch auf Vorrat gekauft.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

anglerlatein

fenster traten aus den mauern hervor

türen gingen auf die straße hinaus

ein lichtkegel fiel auf eine frau

AUTSCH sagte die frau kurz abgelenkt 

von dem schlag auf ihren kopf

und wäre beinahe mit einem gartentörchen

zusammengestoßen das es offensichtlich eilig hatte

und aufgrund seiner niedrigen höhe des öfteren

übersehen angerempelt auch umgerannt wurde

immerhin (aus sicht des gartentörchens) waren kaum noch 

menschen auf den straßen zu sehen 

seit die welt gänzlich aus den fugen geraten war

oder soll ich sagen aus den angeln

oder den zaunpfahl schleunigst wegpacken

und einfach nur berichten

fenster traten aus den mauern hervor wie augen aus ihren höhlen

türen gingen auf die straße hinaus und entledigten 

sich so (hie und da erleichtert seufzend) ihrer verschlossenheit

die frau hielt sich gerade die nase zu 

(die häuser atmeten mundgeruch)

als der lichtkegel

sie traf und auf dem asphalt zersprang

alles weitere blieb im dunkeln

… das Glück zu finden

Ricarda de Haas

Er steht einfach da, stumm, inmitten geschäftigen Treibens. Von fern wirkt er unscheinbar. Groß, kantig, etwas schwerfällig vielleicht. Ich, gerade auf der Suche, gehe wie absichtslos in seine Richtung. Man soll mir den Hunger nicht ansehen.

Wenige Meter vor ihm die Überraschung. Er ist Anders. Anders als erwartet. Anders als alle. Schön wie in meinen kühnsten Träumen. Als wäre ein Leuchten um ihn. Farben, die mich mitten ins Herz treffen. Ich will, will. Alles. Sofort. Obwohl ich bis eben von seiner Existenz nichts ahnte.

Es ist unmöglich, zu widerstehen. Er hat alles, was eine Autorin braucht. Papier. Tintenroller. USB-Stick. Ladekabel. Korrekturmaus. Leuchtstifte. Haftstreifen in allen Farben. Automatenglück, wie man es nur als Kind kannte. Soeben neu erfunden von der Staatsbibliothek.

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.

Nur für meinen Magen findet sich nichts.

Er protestiert.

Aber sehr leise.

Magische Daten

Beinahe hätte ich es verpasst, das Palindrom-Datum am vergangenen Sonntag, dabei bin ich doch eine Liebhaberin von Palindromen, wegen der Zweiseitigkeit, ich hatte in einem früheren Beitrag schon darüber gelabert, lauter leere Worte.  Naja, Palindrome sind nun mal Worte oder Wortfolgen. Doch wer macht heute noch einen Unterschied zwischen Wortfolgen und Zahlenfolgen? Schließlich leben wir ja im Zeitalter der Digitalisierung.

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Wiener Häuslichkeiten

Ricarda de Haas

Auf dem Weg zum Campus schlendere ich durch den neunten Bezirk, vorbei an Cafés, Trafik* und dem Freud-Museum, das gerade umgezogen ist. Und da entdecke ich es. Unscheinbar steht es da, zwei Stockwerke niedrig, mit geschlossenen Läden träumend, zwischen Gründerzeitbauten, die es um vier Stockwerke stolz überragen.

Traum-Haus. Biedermeierhaus.

Die deutsche Sprache ist merkwürdig. Warum ist ein Traumhaus ein Haus, von dem Menschen träumen, und nicht ein Haus, das träumt? Ist ein Biedermeierhaus ein Haus, in dem Menschen biedermeiern? Oder doch ein Haus, das bieder meiert? Und wie genau zieht ein Museum um? Schlüpft Freud aus der Kiste, um ein letztes Mal Kisten zu packen? Oder zieht das Museum die Wände aus dem Boden und sucht sich ein schönes freies Plätzchen?

Dieses Haus jedenfalls zieht nicht um, und es renoviert sich nicht. Etwas zerzaust steht es da, die Schrift über den geschlossen Läden noch lesbar, das Hausschild über der Tür verblasst. Ein Rudolf Schlapota, Pferdefleischhauer und Selcher, verkaufte hier, ein Alexander Häuser nutzte einen Teil als Lager, ein Rechtsanwalt praktizierte im oberen Stock, ein Fenster- und Zimmerputzer hatte unten ein schmales Geschäft.

Im oberen Stock ein angelehntes Fenster. Blumentöpfe hinter den Scheiben, Fensterschlangen. Irgendjemand wohnt da noch. Trotzt der Zugluft im alten Haus.

Wovon träumt dieses Haus?

Von den wilden Zeiten seiner Jugend? 1781 zwischen Porzellanmanufakturen, Ziegeleien, Webereien und Seidenraupenzucht geboren, hatte es kurz nach der Jahrhundertwende bereits schwere Brände zu überstehen, einen Pestausbruch, die napoleonische Besetzung sowie einen Eisstoß in Donau und Donaukanal. Wasser bekam es erst nach 55 Jahren, Quellwasser, das aus den Bergen durch die Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung nach unten strömte. Knapp siebzigjährig zitterte es sich durch die Wiener Oktoberrevolution, als viele Häuser durch kaiserliche Truppen beschädigt wurden. Als rundum Gründerzeithäuser die Biedermeierhäuser verdrängten blieb das träumende Haus verschont.

Seine späten Jahre waren nicht weniger gefährlich — oder besser: gefährdend? Es überstand Weltkrieg, kommunistischen Putschversuch, Weltwirtschaftskrise. Wurde Zeuge des Novemberpogroms, der Deportation von 12.000 jüdischen Bewohnern aus dem Bezirk. An einige Hundert von ihnen erinnern jetzt in den Boden gelassene „Steine der Erinnerung“, vierzehn davon allein in dieser Straße. Keiner vor diesem Haus. Weil niemand deportiert wurde? Oder weil sich niemand erinnert?

Den Bombenhagel, der viele Häuser im Viertel zerstörte, überstand es fast unbeschädigt. Befreiung durch die Rote Armee und zehn Jahre amerikanische Besatzung hinterließen kaum Spuren. Wirtschaftswunder, Deindustrialisierung, Gentrifizierung und Tourismus folgten – ob es davon noch etwas gemerkt hat? Es träumt so tief..

Als ich es fotografiere, kommt eine Frau vorbei, sagt: „Ewig schad“. Nur diese zwei Worte, hingeworfen in dieser unnachahmlichen Wiener Melancholie. Wo sich Kummer mit Protest mischt, die Stimme erst hoch und dann in den Keller geht. Ich frage, ob sie von dem Haus Genaueres wüsste. Sie verneint. Es sei eine Schande, das Haus verkommen zu lassen. Aber die da hinter den Fenstern, die sei starrsinnig. Sie wolle nicht ausziehen, auch der Gemeinde das Haus nicht übergeben. Ob sie die Frau kennt, die da wohnt? Nein, aber – und nun spricht sie mit Autorität – sie lese die Bezirkszeitung.

* Trafik – zu deutsch-deutsch: Tabakladen

seitensprünge

Schenkt doch ein Buch!

Wer springt da noch immer von Ladentür zu Ladentür, von Stand zu Stand auf dem Weihnachtsmarkt, von Seite zu Seite im Internet, um dann doch wieder ratlos dazustehen, ohne Geschenke für Alex und Kati, Schwager und Vati, Chris und Tante Trudel, die Katze und den Pudel?

Euch allen Verzweifelten da draußen im Gewühle kann geholfen werden! Wir haben Bücher für Jung und Alt, dünne und dicke, voller Schnee, aus dem Wald, zum Lachen und zum genauen Bedenken, in jedem Fall ein Tipp zum Verschenken:

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Maja Linthe: Bloggen mit Mut

Wir treffen uns im virtuellen Blograum und wir treffen uns im realen Berlinraum, dort hinter verschlossenen Türen. Im Blograum sind wir uns manchmal nicht bewusst, dass da noch andere anwesend sind – außer uns. Wir verhalten uns im Blograum so, als würden wir zuhause am Schreibtisch sitzen und unseren Text aus dem Fenster rufen. Es hören uns nicht viele, denn unser Schreibtisch steht im 4. Stock und unten ist es laut, viel Verkehr. Und doch ist der Blog etwas dazwischen, zwischen dem Schreiben am Schreibtisch und dem Treffen im öffentlichen Raum. Unten auf der Straße könnte uns jemand hören, trotz lautem Verkehr, und bei uns klingeln. Dann müssten wir eigentlich öffnen, ihm oder ihr alleine Rede und Antwort stehen, denn weshalb sollten wir sonst aus dem Fenster rufen? Und natürlich hören wir uns gegenseitig zu, weil wir aufmerksam sind, füreinander. Denn wir schreiben alleine und wir schreiben als Gruppe, wir schreiben füreinander und wir schreiben für andere, am Schreibtisch und aus dem Fenster rufend. Wir schreiben dazwischen im Blog. Maja Linthe: Bloggen mit Mut weiterlesen