Postkarte aus meiner Wolke

Ich bitte um Eintritt. Ich werde aufgefordert, einzutreten. Wir checken Ihre Kamera. Wir checken Ihr Mikrofon. Hören Sie den Ton? Wo kann ich mich setzen? Wir wechseln hier ständig die Plätze. Wir ändern auch unsere Namen. Manchmal hilft es, den Raum kurz nochmal zu verlassen. Was stand an der Tür? War ich im falschen Raum? Schon wieder verirrt? Oder ist es die falsche Zeit? Ich verlasse den Raum. Wer schließt die Tür hinter mir?

Notizen aus dem Papierkorb

als hätt die erde den himmel

ich stand vor einem monolithen aus glas und stahl und wurde nüchtern ums herz
wie er so wild ankernd in blauen tiefen 
ehern verkeilt in den ihn fliehenden äther
sich schob floor um floor ins offene nichts
es zu erschließen

ich wich einen schritt zurück in taghelle nacht
ein blasser mond tanzte verschämt in der ecke
vergilbte teppiche flogen auffordernd umher
aus zeiten noch echter gemäuer
niemand stieg auf

augenlichter suchten nach halt
(meines war auch unter ihnen)
und trafen sich mal in der milchbar
mal links hinterm canale grande
(der eigentlich canal street hieß)
wo bereits anderes schattengewächs
luftwurzeln geschlagen hatte
im sog des nichtsagbaren/ unmöglichen/ des
unverschämt nackten soseins

es ist wie es ist flüsterte mir jemand zu
das hieße es auszuhalten

ich krallte ihn mir und sagte ihm dies:
dein alles zersetzender realismus dein gestus
des zeigefingers macht mir das mondlicht kaputt
und dann?
dann fallen die schafe vom himmel
die spur des südens wird sich verflüchtigen in
kondensstreifen bar jeden sinns
dann werden auch diese schwinden
nur vögel werden noch zeugen vom fliegen
vereinzelt vielleicht ein teppich
und wer es sehen mag
ein durstiger fisch

Reiseandenken

Ricarda de Haas

Wer kennt noch dieses schöne Wort ‚Reiseandenken‘. Aus der Zeit, bevor man ‚Souvenir‘ sagte. Als Reisen etwas Besonderes war. Sommerurlaub. Klassenfahrt. Wintersport. Je einmal im Jahr. (Zu Freunden wurde nicht gereist, das galt als ‚Besuch‘). Etwas, an das man sich jedenfalls erinnern wollte, später. Im Alter? Oder wenn man wieder zu Hause saß? Fernweh bekam.

Das Reiseandenken erzählte davon, dass die Welt größer war. Selbst wenn die Reise manchmal nur in die nächste Stadt führte. Ein paar hundert Kilometer nach Norden, Süden oder Osten. (Westen war keine Reiserichtung. Im Westen lag Fantasia.) Bei manchen wohnten Reiseandenken hinter Glas. In der Guten Stube. In der Mitte der Schrankwand. Neben der Glaskugel, in der es schneite. Das Souvenir hat nie eine solche Magie besessen. Darin ähnelte es dem Mitbringsel: eine Kleinigkeit, die, sofern nicht essbar, bald verstaubte.

Jetzt könnte das Reiseandenken ein Revival erfahren. Statt an eine konkrete Reise zu erinnern, könnte es ein Gedenken ans Reisen sein. An eine Ära, in der Reisen alltäglich war. Damals, vor März 2020. Als Unterwegs sein eine Selbstverständlichkeit war, eine Art des In-Der-Welt-Seins. Mobilität eine Lebenshaltung. Ein Diktum individueller Freiheit.

Fragt sich nur, wie diese Art Reiseandenken beschaffen sein wird. Wie lässt sich die Abwesenheit von etwas darstellen? Die Lücke zwischen Hier und Dort.

Eine App, die Selfies vor den schönsten Hintergründen der Welt im Loop projiziert? Die Stimme in der S-Bahn, die unverändert ansagt, dass Reisende Richtung Flughafen Tegel in Jungfernheide umsteigen sollen? Ein virtueller Ticketgenerator, der Reise-Gutscheine für eine nicht näher bezeichnete Zukunft ausspuckt? Ein Gedenktag, an dem die einen lauthals trauern, während andere sich leise schämen?

Sicher ist nur, dass es eins nicht sein wird: Eine Kugel, in der Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe durcheinander wirbeln, wenn man sie schüttelt.

Alternativen inmitten leerer Stühle und erloschener Kategorien

SERENADE                                          

Auf der Wiese ein Gedränge zwischen Löwenzahn und Disteln

geben Grillen ihr Konzert. Frau Glühwurm hat mich eingeladen,

was die Hummeln sehr verstimmt, aber Monsieur Weinbergschneck

bietet mir die Loge an und Schwärmer flattern aufgeregt

in ihren Abendroben. Dann wird es still –

der Maulwurf hebt den Taktstock und das Nachtkonzert beginnt.

VOM ANGELKAHN					

Der Narr in seiner Einsamkeit lud sich

die Weide ein gefangen hat sie ihn umgarnt

lässt er sich von den Fischen feiern.

(Texte aus meinem Gedichtband: „Klatschmohn heizt das Feld“,  ©Reupsch, 2006)

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

On the road with Élouise – reloaded: Heidelbergblues

Wir gingen hinaus aus dem Feld, dorthin, wo die Stadt ihre Spuren verwischt hatte wie die Buchstaben einer mit Tinte geschriebenen Schrift. Die Stadt hatte sich abmontiert, ihren Standort verlagert. Was blieb, war der helle Zug ihres Namens auf einer schmutzigen Wand. Kein Licht war zuvor unter die Buchstaben gedrungen.

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Postkarte aus meinem Schubfach

Nein, ich habe noch nicht alle Schubkästen und Schränke aufgeräumt. Im Garten wächst noch Unkraut. Es stehen immer noch ungelesene Bücher im Regal, die Fenster sind noch nicht geputzt und der Schal ist auch noch nicht fertig gestrickt. Aber ich schreibe: Briefe, Postkarten, Tagebuch, Blogbeiträge, Gedichtzeilen, E-Mails und am Manuskript fürs nächste Buch.

Notizen aus dem Papierkorb

 

II: wir zählen :II 

: weißt du wie viel sternlein : mücklein : fischlein :

: kinder frühe stehn aus ihren bettlein auf :

ich habe begonnen, listen zu schreiben 

ist ein bisschen wie tote zählen

zwanghaft, beinahe 

was gelistet ist, ist gebannt

gezählt, erfasst

dinghaft und welt wieder beschreibbar gemacht

: flüchtlingskinder, vielleicht aufzunehmende :

: coronakollerwochen, pro woche ein ritzer im alten tisch :

: fenster, zu putzende :

: ostereier, gefundene :

: kilometer, gerannte – könnte die app für dich :

: kalorien, verbrannte – könnte die app für dich :

: atemschutzmasken, nicht angekommene :

: bäume, gefällte : 


: mäuse, gefangene :

: mäuse, monetäre :

: tore, virtuell gefallene :

: betten, noch bereitzustellende :

: coronafälle – könnte die app für dich:

: coronatote – könnte die app für dich : 

: coronaverdächtige in deiner nähe – könnte die app für dich :

allein auf verlorenem posten 

: existenzen, scheiternd, scheidend :

: existenzangst, unzählbar : 

: kinder, hungernd : frauen, geschlagen : missbrauch, unzählbar :

: demente, durchdrehend : behinderte, verzweifelnd :

: alte, sehr alte, gar nicht so alte, vereinsamend :

Freud schrieb: Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, 

ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.

ich habe begonnen, listen zu schreiben 

ich beginne außerdem allergisch zu reagieren

auf die wortfamilie corona

meine gedanken entwickeln ausschlag, der langsam auf die texte übergeht

(rote, juckende pünktchen, kaum sichtbar)

ungesunde texte

ich gebe auf (schreiben, zählen, listen erstellen) und installiere die APP

hasch mich, ich bin das virus (beispiel für ungesunden text)

II: gott der herr hat sie gezählet dass ihm auch nicht eines fehlet :II

Wiki: Das „Zählen“ ist im Alten Testament ein göttlicher Herrschaftsakt,

der dem Menschen nicht zusteht.

so lasset uns singen das alte lied von der menschlichen 

: selbstermächtigung : 

: hypbris : 

: krone der schöpfung : 

neu

II: corönchen der schöpfung :II

II: the counting must go on :IIII: foreveeeeeeeeeeeeer :II

Leeres Land

Ricarda de Haas

Platz, wohin man schaut. Im doppelten Sinn. Wo die Leute fehlen, ist statt dessen Platz da.
Zugleich ist es das, wonach der Blick Ausschau hält: Wo ist Platz?
Leute-freie Lücken finden. Beim Einkaufen. Im Park. Um sich Platz nehmen zu können.

Diese Leere ist vertraut. Von früher. Auch jetzt ist alles ein bißchen grau. Wie damals. Als wir hier in dem anderen Land lebten. Als wir auch abends zu Hause saßen. Distanzlos, mit Freunden um den Küchentisch. Damals.

Doch im Park die Bänke sind alle in Ordnung. Heute.