Nachtschattennotizen im Tagwald

quakenbrück : ausfall II

es macht einen unterschied woher du kommst
ob aus hamburg, buxheim oder vom planeten trillaphon

wurde frau hauser danach gefragt
und das passierte selten genug aufgrund der allgemeinen 
homeoffice-verordnung
kam sie neuerdings „aus dem bett“

schlösse man vom namen ihres städtchens auf sie selbst
fürchtete sie für eine dieser schnattertanten gehalten zu werden
mit kissen auf fensterbank und allzeit im bilde
brühwarm die breaking news aus der nachbarschaft 
ganz smart per phone und pc in alle winde streuend tag für tag

genau so eine war sie auch
aber wer will das schon an die große glocke hängen

ihr kurzes knallrot gefärbtes kunstvoll toupiertes haar
die kühn um den hals geworfene grüne federboa sobald
sie das haus verließ forderten durchaus manch fremde 
zu der frage nach ihrer herkunft auf
„aus dem bett“ war eine hervorragende antwort
noch keiner der fragenden bislang hatte angemessen
auf diese auskunft reagiert

frau hauser amüsierte das köstlich und stets aufs neue
eintönige zeiten erfordern beherztes ausscheren aus selbigen

heute beschließt frau hauser blau zu machen
sie verlässt ihr 2-Zi/küche/bad/wc-büro
besorgt sich ein fläschchen eierlikör und richtet sich häuslich
auf ihrer lieblingsparkbank ein 
ruhige lage direkt hinter dem städtischen krankenhaus
und sichere 40 gehminuten von ihrer wohnung entfernt

als eine alte frau von einem pfleger in ihrem krankenhausbett
an ihr vorbeigeschoben wird
seufzt frau hauser leise und prostet ihr zu

die frau lächelt zurück
hebt einen daumen und ruft „kommen Sie – wir tauschen“
frau hauser fackelt nicht lange und steht auf

zeitenwechsel

Ricarda de Haas

vierundzwanzig stunden.
das ist die zeit, die zwischen beiden fotos liegt.

vierundzwanzig stunden oder ein jahr.
je nachdem, ob es einem etwas bedeutet, dass sich beim datum, das sich automatisch an den datei-namen hängt, die 2020 auf die 2021 dreht.
oder ob man diese zäsur als künstlich empfindet.
.

.
für die landschaft – da kann man sich sicher sein – ist nur ein tag vergangen.
ein tag, an dem das eis auf dem see sich gebildet hat.
und wieder schmolz.
ein tag, an dem sich an diesem baum die knospen öffneten.
.

.
und er zu blühen begann.
mitten im winter.
mitten in berlin.

Vorträumen

Vorgenommen habe ich mir nichts für dieses gerade begonnene Jahr, vorsichtig bin ich geworden mit meinem Vorhersagen und Vorausschauen. Diese eigenartige VOR-Silbe führt mich zurzeit eher zurück:
Vor langer Zeit hat es in diesem ersten Monat des neuen Jahres stets viel Schnee gegeben. Vor zwei Jahren habe ich in dieser Woche meine Ski ins Auto geladen, um ins Gebirge zu fahren, dort auf den Brettern den Wald zu durchqueren, bergauf, bergab.

Vor einem Jahr habe ich an diesem Tag vor meinem PC gesessen und einen Flug gebucht, für Mai, mit Frühbucherrabatt, in einen entfernten Winkel unseres Kontinents …
Nun sitze ich hier und zerreiße den (inzwischen ungültigen) Gutschein der Fluggesellschaft.
Wenigstens vordenken könnte ich ja in meiner Traumbastelbude für Träume mit hohem Erfüllungspotenzial. Ich drehe am Globus und spähe durchs Fernglas.
Da ist einer: Ich streife mit Élouise durch den Tagwald, denke über Assoziation zwischen Kiez und Welt nach, hefte dabei Postkarten aus verborgenen Winkeln Brandenburgs an die Bäume und streue Nachtschattennotizen auf den Weg.

Und dort noch einer: An einem schönen Sommertag drehen alle alphabettínen zusammen in Plessa das Mühlrad.
Das Fernglas beginnt vor Freude zu zappeln.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 5

Élouise und ich spazierten zu zweit durch das Feld mit Platz zwischen uns für eine unsichtbare Dritte. Noch vor Anbruch der Sperrstunde wollten wir in der Dunkelheit die Unsichtbare nach Hause geleiten, wo immer das sei. Wir begegneten anderen spazierenden Paaren mit unsichtbaren Dritten in ihren Mitten, liefen in großen Bögen umeinander herum.

Mitten im Handschuhsheimer Feld lag ein Kaffeehäuschen, das schon länger im Lockdown war. Das große Fenster, durch das man einst Cappuccino hinausgereicht hatte oder Espresso Macchiato, war schon lange geschlossen, hatte kunstvoll Patina angesetzt, nach Graffiti-Art.

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Postkarte aus dem KINDHEITSLAND

Als ich ein Kind war, fiel der Schnee in dicken Flocken. Mit weißen Tüchern deckte er die Fensterbretter zu, den Hof und das ganz Dorf. Wir rodelten. Die Großen schnallten die Skier unter. Wir bauten Schneemänner und lernten das Gedicht von den hungrigen Vögeln im Winter. „Buntspecht, komm nach vurn. Buntspecht, hier ist dein Wurm. Und besten Dank für die Arbeit.“

Einmal fiel der Schnee und fiel und fiel und hörte gar nicht mehr auf zu fallen. Die Großen nahmen die Schaufeln und schaufelten Gänge vom Haus zur Straße und vom Haus zum Holzschuppen und vom Haus zu den Hühnerställen. Wir formten Ziegel aus dem Schnee und bauten mitten im Garten einen Iglu. Nur ich konnte darin aufrecht stehen.

Nachtschattennotizen im Tagwald

totalausfall in quakenbrück

verdienstausfall unterrichtsausfall handballturnierausfall
ausstellungsausfall lesungsausfall
anstandsregelausfall abstandsregelausfall
gesundheitsausfall abschiebestoppausfall klimaschutzausfall
friedensausfall haarausfall (kriegsausfall: nein)
geburtstagsausfall hochzeitsausfall leichenschmausausfall
gedächtnisausfall wortfindungsausfall textausfall 
phantasieausfall empathieausfall
auffahrunfall wegen gesichtsfeldausfall (maskenbedingtem)
silvesterausfall 

und gestern dann vor dem quakenbrücker rathaus: auch ich

ich wurde so ausfällig, dass mich zwei der anwesenden polizisten
in gewahrsam nehmen mussten – zum schutz meines eigentlich 
sehr netten hippie-nachbarn aus dem dritten stock, den ich auf
einer querdenkerdemo gesichtet hatte – vergleiche hierzu gerne
und unbedingt: 

https://www.der-postillon.com/2020/11/querlenker.html

tzzzzzzzzzzzzzzzzsicherung durchgebrannt
ist ja auch sonst nichts los in quakenbrück
nur hin und wieder ein stromausfall 
die edv im umspannwerk hat immer noch kein 
virenschutzprogramm

stille nacht: kannst kommen

Melancholia

Ricarda de Haas

Es gibt sie, die magischen Orte. Wo es einen anweht, dass wir immer auch zu spät kommen. Zu einem Ereignis, einem Leben, einem Fest. Nur Spuren statt Begegnung.

Das Besondere an diesem Ort: in diesem Saal speisten einst Frauen, die selten erwähnt werden. Junge Arbeiterinnen. Lungenkrank. Die drei Monate lang genesen durften, bevor sie zurück gingen. Zu ihren Kindern, zu ihren Männern. Essen, das sie nicht mal an Festtagen bekamen, reichlich. Bäder. Natur. Ruhe.

Es gibt diesen Film, vom Ende der Welt. Ein Stern stürzt in die Erde. Menschen feiern im Angesicht des Untergangs. Eine Hochzeitstafel im Schloßgarten. Unter der Schminke bricht es hervor. Eifersucht, Gier, Geschwisterrivalität. Und doch sind die Bilder voll Schönheit.

So auch hier. Der Zauber hat einen schnöden Namen. Versicherung. Die Genesenen kehren zurück. Nach Berlin. In die Fabrik. Der Speisesaal hat eine Empore. Für die Aufseherinnen. Sie verhindern, dass Essen gestohlen wird. Für die Kinder. Am Besuchstag.

Und doch weht es einen an hier, die Schönheit, Kostbarkeit der verschwundenen Leben. So sind wir nun mal, wir Menschlein. Am Ende bleiben nur Spuren. Immer.

heute morgen

Irgendwann in dieser viel besungenen vorigen Nacht erhielt ich einen Anruf vom Nikolaus.

Er müsse dringend mit mir zoomen oder skypen oder … Egal, ich solle jedenfalls schnell meinen PC hochfahren. Mit Seitenblick auf meine noch leeren ungeputzten Stiefel tat ich, wie er mir geheißen. Dass er in Quarantäne sei, erzählte er mir per Videoschalte und mich dazu auserkoren habe, ihn zu vertreten.

„Wieso ich?“

„Frauenquote.“

„Ach so.“ Stille.

„Aber ich kann doch nicht treppauf,  treppab … ich bin doch schließlich auch schon al…“

„Papperlapapp“, unterbrach der Nikolaus meinen zaghaften Protest. „Dann poste eben den Kindern, dass sie ihre Schule vor die Haustür stellen sollen, aber jedes nur den linken Stiefel, damit das Gedränge auf der Straße nicht zu groß wird.“

„Aber nein, das ist viel zu gefährlich.“ Und ich begann, dem Nikolaus die Geschichte von Tyll zu erzählen, der alle Dorfbewohner dazu aufgefordert hatte, einen ihrer Schuh (war es der Linke?) in die Luft zu werfen. Und was daraus wurde, als sich alle auf die Suche nach ihrem Schuh machten.

Doch meine Erzählung gelang wohl nicht so rasant, wie bei Daniel Kehlmann. Jedenfalls schlief der Nikolaus vor dem Bildschirm ein und seine Nase begann rot zu leuchten. Ich versuchte ihn durch meine Ansprache zu wecken. Erfolglos, er begann laut zu schnarchen. So laut, dass ich davon aufwachte und – noch im Halbschlaf – darüber nachdachte, warum der Nikolaus eine rot leuchtende Nase hat. Schnupfen? Oder war er etwa durch die eiskalte Nacht gelaufen, trotz Quarantäne? Oder ist er gar ein Säufer?

Inzwischen konnte ich meine schweren Augenlider öffnen, schälte mich langsam aus den Decken, schlich in den Flur zu meinen Stiefeln, Ich kippte sie um, leuchtete sie aus mit Sternlein und Lichtern.

links Quarantäne, rechts Kontaktbeschränkung

Euch allen trotz allem eine schöne Adventszeit.

Maja Linthe: On the road with Élouise reloaded – 4

Élouise und ich liefen durch den Herbst-Wald zum Heidelberger Bergfriedhof und sie galoppierte vorne weg, vollführte Freudensprünge, so als hätte man sie nach zwei Wochen aus der Quarantäne entlassen. Nachdem wir das schwere, kunstvoll geschmiedete Friedhofstor aufgeschoben und uns hindurchgeschoben hatten, stiegen wir vorsichtig die Treppe hinunter, liefen ruhiger, versuchten es respektvoll zu tun, respektvolles Laufen für die, deren Namen die Steine trugen um uns herum.

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Postkarte aus Diensdorf-Radlow

Ich bin kein Stück voran gekommen.
Wasser, Spiegelungen. Immer gleich, egal an welchem Ort.

Aber ich weiß jetzt, auf wen ich warte. Auf Undine. Sie hat uns was zu sagen. Jetzt. Sie kann überall aus dem Wasser steigen. Die Meere dieser Welt sind miteinander verbunden. Das Märkische Meer mit dem Mittelmeer, mit der Ostsee, mit dem Pazifik.

Ich warte und schweige. Es raschelt im Schilf.