Maja Linthe: Bloggen mit Mut

Wir treffen uns im virtuellen Blograum und wir treffen uns im realen Berlinraum, dort hinter verschlossenen Türen. Im Blograum sind wir uns manchmal nicht bewusst, dass da noch andere anwesend sind – außer uns. Wir verhalten uns im Blograum so, als würden wir zuhause am Schreibtisch sitzen und unseren Text aus dem Fenster rufen. Es hören uns nicht viele, denn unser Schreibtisch steht im 4. Stock und unten ist es laut, viel Verkehr. Und doch ist der Blog etwas dazwischen, zwischen dem Schreiben am Schreibtisch und dem Treffen im öffentlichen Raum. Unten auf der Straße könnte uns jemand hören, trotz lautem Verkehr, und bei uns klingeln. Dann müssten wir eigentlich öffnen, ihm oder ihr alleine Rede und Antwort stehen, denn weshalb sollten wir sonst aus dem Fenster rufen? Und natürlich hören wir uns gegenseitig zu, weil wir aufmerksam sind, füreinander. Denn wir schreiben alleine und wir schreiben als Gruppe, wir schreiben füreinander und wir schreiben für andere, am Schreibtisch und aus dem Fenster rufend. Wir schreiben dazwischen im Blog. Maja Linthe: Bloggen mit Mut weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Streit. Kultur.

Setzen Sie sich doch einen Augenblick, sagt die Assistentin von ihrem Platz hinter dem Tresen her und gibt mir die Chipkarte zurück. Ich tue, wie mir geheißen, muss gar nicht erst ins Wartezimmer; keine Konsultation, nur ein Rezept. Finde einen Stuhl nahe beim Empfang. Herbstvoll ist die Praxis, die Kabinen besetzt, vermutlich EKG, Grippeschutz und Nadeln im Kopf gegen Migräne. Es hustet ringsumher, es schnaubt, eine Alte schlurft aus dem Behandlungsraum, schiebt ihren Rollator vor sich her, setzt sich darauf ab, ein Taxi wird gerufen.

Die Tür geht auf. Er kommt herein. Aufrecht geht er, ist groß und schlank von Statur. So jung, wie er sein möchte, ist er nicht mehr, aber alles an ihm ist anerkennenswert: der Dreitagebart, der BMI, die Warnweste zum Fahrradhelm. Sogar die Hosenbeine hat er in die Socken gesteckt. Keine Sturzgefahr.

Noch lächle ich in mich hinein, aber schon dreht er sich um neunzig Grad und mir seinen Rücken zu. Da steht es in riesigen Lettern auf neongelbem Grund: CARFREE CITIES!

Ups! Öfter mal das Auto stehen lassen – okay. Klimaneutrale Mobilität jetzt – einverstanden. Steht da aber nicht. Da steht: CARFREE CITIES.
Adrenalin schießt ein. Nicht aufregen. Ruhig atmen. Nichts werde ich sagen, gar nichts. Ich will doch nur ein Rezept. Die Alte wartet noch immer auf ihr Taxi. In meiner Fantasie macht sie sich nun zu Fuß auf den Weg, sicher hat sie es nicht so weit, vielleicht zweieinhalb Kilometer. Dann die Erinnerung und mit ihr die Mutter auf dem Beifahrersitz, erledigt von der Bestrahlung, die hinter ihr liegt. Zum Adrenalin kommt das Herzblut. Frühling. Blumenerde für den Balkon. Vier Kästen mal zwanzig Liter.

Wie ist es möglich, dass ein Hormon so dominant werden kann? Mach schon, gib’s ihm, ruft es mir zu. Warum kann dieser Kerl nicht endlich an der Reihe sein. Sein Anliegen vortragen und verschwinden, ins Wartezimmer oder weiß der Teufel wohin.

Der Teufel? Was will der denn jetzt in meinem Text? Flüstert mir die Worte zu. Los, Junge, besorg dir deine Anti-Aging-Pillen. Besprich die Werte deines Fitness-Trackers mit Frau Doktor. Hol‘s dir bei ihr ab: braves Bürschchen, fein gemacht. Und dann komm in die Gänge, denk auf dem Heimweg an die Hafermilch für dein Flohsamen-Porridge und …

Stopp!
Verschwinde, Satan!
Was weiß ich denn schon? Vielleicht wurde diesem da ja übel in Mamas und Papas Wagen, vielleicht hat er Angst vor dem Stadtverkehr, vielleicht wurde sein Kind überfahren – nichts weiß ich.
Vermutlich hat er bloß eine Mission. Zu viele davon sind schon unterwegs. Ich lasse ihm den Imperativ im Kreuz. Aber er ist noch immer nicht dran. Ob das ein Zeichen ist?
Also doch, ihn ansprechen. Immer sachte.
Reden. Hören.

Postkarte aus LAUCHHAMMER

Liebe Anja, liebe Mitleser,
ich schreibe Euch aus Lauchhammer. Hier wird auch geschimpft. „Der Holländer, das Dreckschw…“ sagte ein Mann der mir vorhin auf dem Bürgersteig entgegen kam. Er sagte es mehr zu sich, aber doch so laut und so deutlich, dass ich es hören musste. Ich wusste, was er meint: In Lauchhammer stinkt es zum Himmel. Ein Landwirt verteilt Gülle auf seinen Feldern. Ich kenne den Geruch nur zu gut, bin ich doch auf dem Lande groß geworden. Die Nase gewöhnt sich nicht daran.
Vielleicht wird eines Tages erfunden, dass wir nicht nur Bilder, Texte, Töne und Filme virtuell austauschen können, sondern auch Gerüche. Dann schicke ich Euch Geruchspostkarten.

Grüße an die Ellerbecks, in Gottes Namen.

 

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

herbsttag // ländliches wohngebiet // der sommer war zu heiß

nachbar ellerbeck brüllt im garten seine frau an: 

(ich ducke mich schnell in die beete, blätterdeckung kaum noch gegeben; ellerbecks herrischer schatten ist mächtig)

„ausm bauch raus is drauf geschissen! auf dein ewiges bauchgefühl!“

frau ellerbeck pariert: „aus deinem bauch raus kommt immer noch mein essen. gefühle: fehlalarm!“ daraufhin er: „und wenn ich’s dir sage: der hamit war’s!“

ich sperre meine ohren auf. ellerbecks syrischer flüchtling darf ihre souterrainwohnung bewohnen, einen deutschkurs besuchen und im garten helfen, die meiste zeit aber verbringt er mit seinem handy im kostenfreien w-lan der gemeinde, auf einer parkbank sitzend, mitten im nahen ort. immer allein. vermutlich auch jetzt. ˝

frau ellerbeck flippt aus: „dann geh doch zum siebert seiner bürgerwehr, in gottes namen, und hilf brav, des deutschen land und eigentum zu schützen, bevor’s ein mustafa, ein neger, ein jud sich nimmt, so tickst du doch in wahrheit, sag’s nur, sagt ja heut jeder, was er denkt, auch wenn er nix denkt, sagt er’s laut und haut einem seinen sinnfreien nationalstolz und kiloweis‘ vorurteil nur so um die ohren, ich halt‘ das nicht mehr aus, ich geh‘, mir reicht’s!“

sie stapft in ihren gummistiefeln quer über den rasen just auf mich zu, die schüttere ligusterhecke wird mich gleich ihrem blick feilbieten, ich drücke mich bäuchlings auf die erde, da ruft herr ellerbeck fast trällernd, mit triumphierendem unterton ihr in den rücken: „streitkultur, juliane, streitkultur! mangelnde streitkultur wurde dir doch offiziell attestiert, schon vergessen? letzte sitzung bei deiner frau doktor sowieso? entweder bauchgefühl oder abgang mit türenknallen, was anderes hast du nicht zu bieten. wo bleiben da anstand und ehrgefühl, hä?“

ich zucke zusammen. anstand und ehrgefühl. solche wortschätzchen hätte ich herrn ellerbeck niemals zugetraut. sie zeigen wirkung: juliane ellerbeck macht eine 180-grad-wende bei kaum gedrosseltem tempo und nimmt erhobenen hauptes kurs auf ihren mann, obendrein mit erhobenem spaten, den sie senkrecht wie eine fahnenstange vor sich herträgt, theatralisch sieht das aus, nicht nach mörderischer absicht.

FORTSETZUNG FOLGT EVENTUELL

seitensprünge

Perspektivwechsel

Vara* öffnet mir die Tür. Ihr Gesicht strahlt  zwischen zwei Zöpfen. „Gretazöpfe“, wie sie jetzt oft getragen werden. Wir üben Mathematik, fast zwei Stunden, Zahlbereiche, Potenzen, Wurzelgleichungen.  Und immer wieder fordert mich das syrische Mädchen auf: „Stellen Sie mir noch eine Aufgabe, bitte.“

Eine Wochen später – Greta Thunberg war inzwischen auf dem Klimagipfel mit etwas anderer Frisur aufgetreten, nur ein Zopf, über die linke Schulter hinweg – empfängt mich Vara auch mit einem solchen Zopf. Eine Mathearbeit steht bevor.

„Ich muss üben, am Freitagmittag ist die letzte Mathestunde vor der Klassenarbeit.“

„Freitagmittag?“

Vara nickte kurz.

„Gehst du nicht zur Demo?“ Die Frage rutscht mir heraus.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Eineliebeserklärungandenblog

Lichtschatulle

Das Licht war ausgesperrt und kam doch herein, fiel durch Gitterstäbe und Scheiben. Wir waren froh, dass wir hinausgehen konnten zum Licht, das Sonnenlicht war und Spiegellicht, Blätter- und Bodenlicht, Wand-, Holz- und Glaslicht, Drinnen- und Draußenlicht, lautes und leises, glänzend und stumpf. Fleckiges gab es auch. Ich lichtete es ab, um es aufzuheben für Tage mit Regen und schwarzem Wind. Ich machte Fotos vom Licht, um sie in eine Schatulle zu legen, die mit Samt ausgeschlagen war. An einem dieser Tage, die nach feuchtkalten Straßenbahnen rochen, wollte ich sie hervorholen, gemeinsam mit Élouise. Wir würden den Deckel erst nur einen Spalt breit öffnen, das Licht quölle dabei an den Seiten heraus. Und während Élouise den Deckel aufklappte, um die Bilder zu betrachten, könnte ich Sonnenwärme spüren zwischen den Knöcheln, auf dem Rücken meiner schon alten Hand. (aus:On the road with Élouise 57)

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bilanz eines Sommers

Die Badeseen schon im Juni so warm wie das Mittelmeer im August. Die Wasserläufe, die sie gewöhnlich verbinden, sind nur noch Rinnsale. Das Kanu tragen. Um Herzkranke fürchten bei vierzig Grad. Staubgrau die Schuhe beim Spaziergang durch den Wald, entwurzelte Bäume liegen kreuz und quer, Mehltau besiedelt die Eichenblätter. Ich lausche: Nichts summt um mich her.

Alle Fenster sind offen. Trotzdem kommen keine Mücken herein. Brandgeruch weht in die Stadt aus Richtung der Truppenübungsplätze. Niemand löscht, es liegt Sprengstoff im märkischen Boden, es liegt ein Unwetter in der Luft, kommt näher, tobt sich aus über den Dächern, Blitz und Donner kennen keine Pause, und Schlammlawinen drängen in die Häuser mit dem Wolkenbruch.

Vom Klimawandel reden. Den Klimawandel spüren.
Manche bezweifeln, dass es den Klimawandel gibt.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Windenblüte

Es wirkt entschieden, nahezu brutal, wie diese zarte Windenblüte das Blatt durchstößt und sich selbst fesselt.

Ich ziehe die Blüte vorsichtig aus dem Blatt, kann dabei aber nicht verhindern, dass es noch weiter einreißt; und das nur, weil ich es nicht ertragen kann, dass die Blüte sonst nicht aufblühen könnte, sich nicht öffnen würde.

Nun blüht sie in all ihrer Schönheit, doch in meine Freude mischen sich Zweifel und ein leises Bedauern.

 

 

Postkarte aus EBERSWALDE

Diese Stadt wandelt sich, hat sich gewandelt, verwandelt, eine Metamorphose durchschritten, wurde vom Aschenputtel zur Prinzessin. Hier spielt eine ganz frühe Kindheitserinnerung. Ein großes altes Haus, ein altes Ehepaar in einer staubigen Wohnung. Onkel und Tante sagte mein Vater zu ihnen. Da stand eine Puppe mit einem weiten schwarzen in tausend Falten gelegten Rock auf einer Anrichte. Porzellankopf. Es kann ein Kaffeewärmer gewesen sein.
Ich wandle durch meine Erinnerungen.
Vor der Verwandlung:  Russenmagazin, Moskauer Eis, Mischkakonfekt, schmutziger Bahnhof, Spritzkuchen, Tierpark. Nach der Verwandlung: Spritzkuchen, Tierpark, Jazz, Eberhard & Bernadette, Kunstblumen auf dem Rasen, alphabettínentreffen, Weiße Schatten der Endmoräne, Goldschatz, Messingwerksiedlung, Paul-Wunderlich-Haus.

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

enough is enough einfach endlich gehen
(mit rotem kopf laut zu brüllen; anm. der regie)

mehr transluzidität wäre schön
lässig durchlässig
so ein ausweg
mit ausgang
bei vollem durchblick

so schwer war es noch nie zu gehen like nowadays
no exit
no no-exit
NO NO NO NO NO

so what! i do it my way
sagt sich insel-boris und brexitiert täglich lauter vor sich hin
you never walk alone sagt er (mit rotem kopf)
me too brüllt er (mit rotem kopf) Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb weiterlesen